Von gewaschenen und gebügelten Fehdehandschuhen
Die Debatte um die Ungleichbehandlung von Arbeitenden und ALG II-Empfängern wurde unter Zuhilfenahme von offensichtlich falschen Zahlen begonnen - aber ist das eigentlich wirklich eine Zeile wert?
Der Spruch, dass man nur der Statistik glauben soll, die man selbst gefälscht hat, ist mittlerweile ähnlich peppig wie ein drei Tage alter Kartoffelchip, der, noch von der letzten Party übergeblieben, unter dem Tisch lungert. Ähnlich überraschend wie die Tatsache, dass solcherlei Partyreste gerne unter dem Tisch zu finden sind, ist die Feststellung, dass der seine momentane Funktion als Außenminister wiederentdeckende Herr Guido Westerwelle die Debatte um die Ungleichheit zwischen der arbeitenden Bevölkerung und den ALG II-Empfängern auf nicht einmal mehr tönerne Füße stellte, sondern auf solche, die eben jene chipartige Konsistenz aufweisen. Zu Recht lautet eine der am meisten gestellten Fragen auf Beiträge wie diesen hier: "Ja, und, ist das was Neues?"
Der versierte Wortakrobat schaltet bei solchen Fragen entweder automatisch auf "Ignorieren" oder sucht, je nach Tagesform, für launige Erklärungen, wahlweise auf die zynische (nein, ist nicht neu, aber der Beitrag bringt mir Geld), die freundlich-hilfsbereite (nein, sicher ist das nicht neu, aber es ist doch vielleicht für manchen Leser neu und auch auf den muss man Rücksicht nehmen), die lässig-mit-Buzzworten-geschmückte (Hey, wir müssen doch die Leute dort abholen, wo sie stehen, wir müssen ihnen, sozusagen als Info 2.0., zeigen, dass...), die seufzend-resignierende (klar, ist nichts Neues, aber traurig, dass es immer wieder aktuell ist) oder die simpel-zustimmende Art (Nein.).
Ich tendiere momentan zur seufzend-resignierenden Art und Weise, weil es tatsächlich niemanden mehr verwundert, dass der ein oder andere Politiker nicht einmal mehr die Wahrheit verschleiert oder verbrämt, sondern schlichtweg lügt. Ob Frau von der Leyen mit kreativ erfundenen Millionengeschäften durch Kinderpornographie argumentiert, ob Herr Clement in einer Talkshow von immens hohen Missbrauchsquoten bei ALG II spricht oder eben nun Herr Guido Westerwelle seine "Argumentation" auf nicht nachvollziehbaren Zahlen aufbaut - viele der Argumente, Zahlen und Daten, die Politiker zu Hilfe nehmen, um ihre Botschaft wie Prediger zu verkünden, haben so wenig mit der Realität zu tun wie die letzte Reality-Seifenoper im Fernsehen, die uns, wie auch der momentan so hochgelobte Film "Precious", alles Elend dieser Erde in gebündelter Form präsentieren.
Die Zeiten, in denen eine Lüge eines Politikers noch zu irgendwelchen Konsequenzen führte, sind schlicht vorbei. Angefangen bei niemals einklagbaren Wahlversprechen, über die durch Koalitionszwänge ja quasi "unvermeidbaren Entscheidungen, die Bauchweh bereiten", im Copy-und-Paste-Verfahren von Lobbyvereinigungen übernommenen Zahlen und Daten oder Lügen der Strafverfolger vor Gericht bis hin zu den Lügen wie den Massenvernichtungswaffen im Irak - die Politik, oftmals auch die Strafverfolgung, hat sich nun einmal von dem Aspekt, der Bevölkerung die Wahrheit zu sagen, längst verabschiedet und sieht mit dem Ausdruck eines Metzgers, der mit etwas Wehmut schaut, welches Schwein denn nun, nachdem man es durch das Dorf getrieben hat, geschlachtet werden muss, auf die Bevölkerung herab. Petitionen werden zu Petitessen und Demonstrationen zu Provokationen, wenn die versammelten Seilschaften zwischen Politik und Wirtschaft sich ein Stelldichein geben und an die bilderbergschen (u.a.) Türen ein Schild "Ihr müsst draußen bleiben" hängen, verbunden mit dem Hinweis auf die bissigen Sicherheitsleute.
Nein, es ist keine Neuigkeit, dass die anscheinend am Münchhausensyndrom leidenden Herr- und Frauschaften die Bevölkerung so ernst nehmen wie ein trotziges Kind, dem die bittere Medizin eingeflößt werden muss. Es ist eher seit Jahren so, dass die Politik, sei es aus Arroganz, Ignoranz oder schlichtweg Langeweile, der Bevölkerung den Fehdehandschuh immer und immer wieder hinwirft und sich darüber wundern dürfte, dass er zwar aufgenommen, aber dann, gesäubert, getrocknet und gebügelt quasi, per Hofknicks zurückgebracht wird. In solchen Momenten ist es dann Zeit, sich die Kurzweil durch vermeintliche Dialogangebote zu verschaffen, die anmuten wie die Einladung des bekannten Hofnarren, der mit den goldenen Petitions- und offenen-Brief-Glöckchen und lustig hervorgebrachter Kritik für Stimmung sorgt, noch ein paar abgenagte Dialog-Such-knochen vom Wir-gefühl-Buffet mitnehmen darf und danach petitierend (pardon, bettelnd) wieder an der Straße stehen darf, darauf hoffend, dass ihn jemand zur Endstation Sehnsucht mitnimmt.
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