Kriminelle Kinder
In den USA treibt die Kriminalisierung erschreckende Blüten. Gerade auch Schulen setzen auf harte Methoden zur "Abschreckung" und "Förderung des sozialen Verhaltens"
Früher...
Damals, in der guten alten Zeit... weniger blümerant ausgedrückt: als ich zur Schule ging, war sicherlich etliches anders, was das Verhalten der Schüler gegenüber den Lehrern anging, doch auch die Lehrer waren fähig, sich Respekt zu verschaffen, diverses Verhalten wurde mit einem Gang zum Direktor, mit einem blauen Brief oder einem Gespräch mit den Eltern geahndet. Hier ging es jedoch eher um Bagatellen - Stören des Unterrichts (schon Kaugummikauen gehörte dazu), vergessene Hausaufgaben oder ähnliches. Keiner wäre in der Schule auf die Idee gekommen, ein Kind wegen der Störung des Unterrichts von einem privaten Sicherheitsdienst abtransportieren zu lassen.
Keine Frage - die Schulen haben sich verändert, doch damit einhergegangen ist eine frühe Kriminalisierung, die nicht nur in den USA erschreckende Resultate, was Jugendkriminalität angeht, mit sich bringt.
Fernsehen
Fernsehen bildet die Realität nicht immer ab bzw. nicht immer wird von Fiktionen aus die Realität verändert, das ist mir klar. Eine "Law & Order"-Folge ist keine Dokumentation, dennoch war die gestrige Folge interessant. Ein junges Mädchen (Kim) wurde nach einem Treppensturz in ein Krankenhaus eingeliefert, der behandelnde Arzt stellte etliche frühere Verletzungen fest und benachrichtige daher die "Special Victims Unit", die sich mit Sexualverbrechen befasst. Kurz gesagt: Es wurde Kindesmisshandlung vermutet, da das Mädchen 15 Jahre alt war.
Ohne die gesamte Folge nun nachzuerzählen: Das Mädchen wurde von seinem Freund regelmäßig verprügelt, liebte ihn aber nun einmal und daher wollte sie nicht gegen ihn aussagen. Eine wichtigere Rolle in dem Film spielte aber der Bereich Kinderpornografie, denn Kim hatte ihrem Freund freizügige Bilder von sich geschickt, teilweise Nacktfotos, teilweise nur "lasziv" posierend. Die Richterin, die sich mit dem Fall befasste, nahm dies zum Anlass, ein Exempel zu statuieren und, "um jungen Menschen zu zeigen, was sie durch solch ein Verhalten herausfordern", verurteilte sie das Mädchen wegen der Verbreitung von Kinderpornografie zu einem Jahr Aufenthalt in einer Besserungsanstalt für Sexualstraftäter.
Soweit, so schlimm. Doch die Ermittler, die Kim helfen wollten, kamen einem Deal auf die Spur, den die Richterin gemacht hatte. Sie nahm nicht nur Gelder von "besorgten Betroffenen" an, die sich eine strenge Bestrafung von Jugendlichen wünschten, sie hatte auch eine besondere Vereinbarung mit der Besserungsanstalt getroffen - für jeden Jugendlichen, der durch ihren Richterspruch dort eine Strafe verbüßen musste, bekam sie eine Provision.
Eine Geschichte, die sich wie ein Plot aus einem allzu kreativen Drehbuchschreiberhirn anhört? Vor etlichen Jahren hätte ich bei so viel Phantasie noch den Kopf geschüttelt, heutzutage aber hatte diese Folge der Serie für mich einen bedrückenden Beigeschmack.
Was sollen die Arbeitgeber usw. denken?
Schon der Themenkomplex der Kinderpornografie war natürlich geeignet, die heutige Politik diesbezüglich erneut zu bedenken. So war eine Begründung für den Richterspruch, dass auf diese Weise Jugendliche überdenken müssten, wie sie handeln, wenn es um ihre Nacktbilder geht. Denn was sollen die Arbeitgeber denken, wenn sie beim Googeln des Namens dann auf Nacktbilder des Bewerbers stoßen? Oder Eltern, Bekannte, Freunde? Zum einen stellt sich die Frage, ob sich nicht durch die zunehmende Freizügigkeit und Verfügbarkeit von allerlei Informationen aus zig Lebensspannen des Einzelnen sowieso früher oder später eine Art "Nonchalance" ergibt. Vielleicht wird es in den nächsten Jahrzehnten so sein, dass es sowieso über alles und jeden irgendwelche (echten, gefälschten) Bilder und Informationen im Netz gibt, so dass dies keine Rolle mehr spielt. Doch schon jetzt stellt sich die Frage, inwiefern einem Kind dann mehr damit gedient ist, dass in der Vita ein einjähriger Aufenthalt in der Besserungsanstalt samt Eintrag in die Sexualstraftäterdatenbank zu finden ist. Eine Frage, die im Film leider nicht gestellt wurde.
Das Mädchen hatte die Fotos lediglich ihrem Freund geschickt, doch dies war schon genug, um die Verbreitung von Kinderpornografie formaljuristisch zu bejahen.Keine Fiktion, in den USA wurde bereits in Pärchen der Verbreitung von Kinderpornografie angeklagt – die beiden Jugendlichen hatten sich gegenseitig Nacktfotos von sich geschickt. Laut Anklage hätten sie ja damit rechnen müssen, dass die Fotos eben nicht privat blieben. Bei der Verurteilung ging es, so hieß es damals, darum, Kinder und Jugendliche vor sexueller Ausbeutung zu schützen. Wenn die Bilder später irgendwie an die Öffentlichkeit kämen, könnte die berufliche Karriere oder das persönliche Leben der Angeklagten Schaden nehmen und diese ein psychologisches Trauma erleiden.
Wir kaufen euer Gefängnis, ihr bringt uns die Gefangenen
Auch die Idee, dass Staatsbedienstete mit Betreibern von Gefängnissen oder Besserungsanstalten kooperieren/paktieren, lässt sich nicht mehr einfach in den Bereich der überbordenden Phantasie abschieben. Doch anders als im Fernsehen bedarf es hierzu keiner illegalen Vereinbarung oder Bestechung – in Zeiten der klammen Staatskasse funktionieren solcherlei Vereinbarungen auf ganz legale Weise. So bieten Betreiber privater Gefängnisse den Kauf von staatlichen Gefängnissen an, ganz im Sinne der kurzfristigen Liquidität des Staates, der dann weiterhin einen monatlichen Obulus zahlt, jedoch auch von mancherlei Kosten für den Betrieb des Gefängnisses freigestellt wird. Um dies aber für den Betreiber noch "rentabel" zu gestalten, fordern die Betreiber eine Auslastungsgarantie.
Ein Beispiel hierfür ist die Corrections Corporation of America (CCA), die sich jüngst an 48 Senatoren wandte und anbot, die bisher staatlich geführten Gefängnisse aufzukaufen]. Für die klamme Staatskasse würden immerhin 250 Millionen US-Dollar einen kleinen Goldregen bedeuten, der jedoch nicht ohne Bedingungen angeboten wird. So würde der Vertrag mindestens 20 Jahre laufen, könnte danach jedoch verlängert werden. Viel wichtiger ist jedoch, dass der staatliche Partner eine Auslastung von 90% gewährleisten muss
"Physical requirements for facilities that would be eligible for purchase by the fund would include:
- A minimum rated occupancy of 1,000 beds;
- A structure age of no more than 25 years;
- A designation that the structure is suitable for immediate occupation or is already occupied by an inmate population; and
- An assurance by the agency partner that the agency has sufficient inmate population to maintain a minimum 90 percent occupancy rate over the term of the contract."
Sobald also die Gefängnisse in die private Hand wandern, muss der staatliche Partner dafür sorgen, dass es nicht etwa weniger Verhaftungen und Verurteilungen gibt, sondern diese immer einen permanenten Nachschub (davon ausgehend, dass Gefängnisinsassen entlassen werden oder schlichtweg auch sterben) gewährleisten.
Denkt keiner an die Kinder? Aber ja doch...
Es ist insofern nur logisch, auch weiterhin unter anderem Kinder zu kriminalisieren. Und dies führt direkt zu den Schulen, wo die privaten Sicherheitsdienste und die Polizei nunmehr auch bei Verhaltensweisen gerufen werden, die "früher" (TM) höchstens zu einer kurzen Verwarnung geführt hätten.
Eine mehr traurige als belustigende Auflistung solcher Vorkommnisse findet sich auf der Seite "Endoftheamericandream.com". Die Liste reicht von der 12jährigen Sara, die von den Mitschülern wegen ihres Geruchs gehänselt wurde und daraufhin Parfum auf ihrem Nacken verteilte, über einen Jungen, der wegen Rülpsen in Handschellen abgeführt wurde, bis hin zu einem Jungen, in dessen Taschen sich 200 US-Dollar befanden, was dazu führte, dass der Junge sich bis auf die Unterwäsche ausziehen musste, um zu zeigen, dass er nicht mit Drogen dealte – unter den wachsamen Augen von Erwachsenen, die weder seiner Aussage, er wolle nach der Schule einkaufen gehen, noch dem Wunsch, seine Eltern mögen angerufen werden, Aufmerksamkeit zollten.
Bedenkt man die "Three Strikes"-Politik in den USA, so können nicht nur die kleinen Fehlverhalten selbst schon in einem Aufenthalt im Jugendgefängnis resultieren, vielmehr könnten sie sich summieren, so dass bereits die dritte Bagatelle mit einem langfristigen Gefängnisaufenthalt endet.
Diese Politik schließt nicht einmal Menschen mit Behinderungen aus.
"Children with disabilities are particularly vulnerable to the consequences of police in schools. Simpkins describes the case of a boy with attention deficit disorder who as a 12-year-old tipped a desk over in class in a rage. He was charged with threatening behaviour and sent to a juvenile prison where he was required to earn his release by meeting certain educational and behavioural standards.
"But he can't," she said. "Because of that he is turning 18 within the juvenile justice system for something that happened when he was 12. It's a real trap. A lot of these kids do have disabilities and that's how they end up there and can't get out. Instead of dealing with it within school system like we used to, we have these school police, they come in and it escalates from there." (Deborah Fowler, deputy director of Texas Appleseed, an Austin legal rights group,)
Für die gewünschten Auslastungen der Gefängnisse dürfte also gesorgt sein, die Leidtragenden sind hier (nicht nur) die Kinder, die z.B. schon bei einer einmaligen Verurteilung nicht mehr für die oft notwendigen Stipendium bei Aufnahme eines Studiums in Frage kommen oder in den Gefängnissen landen und somit auf Grund von Bagatellen manchmal schon von frühere Kindheit an mit einem Stigma behaftet sind. Dabei wird in den Schulen nicht mehr unterschieden, ob Geschehnisse tatsächlich ein Eingreifen der Polizei erfordern, sondern sämtliche Disziplinarmaßnahmen werden auf die Ordnungshüter abgewälzt. Die Kriminalitätsraten steigen somit weiter, die Polizei benötig mehr Personal und Befugnisse, die Gefängnisse sind weiterhin ausgelastet und bei jeder weiteren Kriminalisierung von einst ganz normalen Verhaltensweisen wird entweder der Grundstein für kriminelle Karrieren oder für zwangsweise angepasste Kinder gelegt.
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