Der erste Preis in Cannes geht nach Kasachstan
Tulpan ist ein Film, wie "Indiana Jones" hätte sein müssen..
Wenn einer eine Reise tut, dann kann er viel erleben. Und gerade Filmfestivals sind natürlich wie Reisen in fremde Länder, Kulturen, Lebensweisen. Solche Erfahrungen repräsentiert auch Tulpan vom Kasachen Sergey Dvortsevoy, der am Samstag den ersten Preis erhielt, der beim Festival von Cannes vergeben wird, den "Prix Un certain Regard" für den besten Film der gleichnamigen Sektion. Als Präsident der Jury fungierte der Deutsche Fatih Akin. In vieler Hinsicht ein bemerkenswerter Preis.
|
|
|
"Tulpan" lässt sich in das neue Genre der Kamel- und Schafsfilme einreihen - wenn wir das mal so nennen wollen - also der Filme mit Kamelen und/oder Schafen, die außer in der Mongolei auch noch in Kasachstan und anderen ex-sowjetischen Ländern oder womöglich im Westen Chinas angesiedelt sind. In diesen Filmen sind die Steppen karg, weit und gelb, die Sonne steht niedrig und eine Mädchenstimme singt auch mal gern aus dem Hintergrund. Die Menschen sind arm, aber freundlich und oft aus unserer Sicht ein bisschen kurios. Statt Haarspray nehmen sie Spucke und sehen tatsächlich bis auf den Dreck unter den Fingernägeln aus wie aus dem Ei gepellt. Sie hören natürlich gern Musik, in diesem Fall die "Rivers of Babylon" von Boney M. Abends drückt man sich gegenseitig die Pickel aus, die Kinder sind süß und lustig, die Esel machen I-Ah und die Natur geht ihren Lauf.
Ungefähr die Hälfte der Leinwand ist von Himmel bedeckt, was auch Vorteile hat, denn dann kann man sich ganz auf die andere Hälfte konzentrieren, wenn sich auf ihr nicht gerade eine Schafsherde tummelt, in der Hütte knetet derweil die Dame des Hauses den Schafskäse und hört "Radio Kazakh", das noch so klingt, wie früher RIAS Berlin, und in dem vom Programm "Kasachstan 2030" von Präsident Nazierbajew die Rede ist.
Das ist genau, wie es sich anhört: Zumindest am Beginn ein Klischeebeispiel poetisierenden Ethno-Kinos. Es wird aber besser. Lämmer sterben, der Schwager will heiraten und findet keine Frau, weil die versprochene Gattin bockt. Sie heißt Tulpan und ist den ganzen Film nicht zu sehen, fungiert als Leerstelle und Mythos des Films. Denn Tochter will in die Stadt, ins College, ihr Papa findet das blöd, "but we are Cultivated people" - soll heißen: in die Ehe prügeln wird er sie nicht.
|
|
|
Der Film macht sich schon auch lustig über die Leute, die zum Beispiel bei einem Bild von Prinz Charles fragen, wer das ist, und sich mit der Antwort "Amerikanski" zufrieden geben. Solche Lacher funktionieren nur vor westlichem Publikum. "Tulpan" ist ganz offensichtlich nicht für Kasachstan gemacht.
Die Europäer beamen sich mit solchen Filmen da mal kurz rein zwischen Hüttenfeuer und Schafsdung. Aber immerhin gibt es auch eine Schafsgeburt, zu sehen, und das Gejammer des Schafs zu hören, ist wirklich herzzerreißend, die Menschen müssen mithelfen, denn von der vielen Musik sind die Schafe offenbar so degeneriert, dass sie nicht mehr allein gebären können. Es kommt zu Mund zu Mund Beatmung von Mensch zu Schaf - das ist natürlich Kitsch, aber die Dreharbeiten müssen schon toll gewesen sein.
Es gibt gegen diesen Film eigentlich nicht wirklich etwas zu sagen. Aber neben dem Mainstream, den wir alle kennen, gibt es auch Arthouse-Mainstream. Und wenn man bedenkt, dass dieser Film vermutlich größere Chancen hat, in Deutschland einen Verleih zu bekommen, als Desplechins wunderbarer "Un Conte de Noel" aus dem Wettbewerb, in dem immerhin Catherine Deneuve mitspielt, und der, wenn es mit rechten Dingen zugeht, einen großen Preis bekommt, dann beginnt man auf Filme wie "Tulpan", die mit ihrer Anbiederungsattitüde unsere Kinos verstopfen und die wirkliche Filmkunst verdrängen, auch ein bisschen wütend zu sein.
Darstellungsbreite ändern
Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.
