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Verlorene Seelen

Filmfestspiele von Venedig

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Ein reicher Mann engagiert einen armen Mann. Um Arbeit zu machen, die dieser nicht machen kann. Die beiden ergänzen sich gut, könnten sogar Freunde sein. Aber der arme Mann verliebt sich in die schöne Frau des reichen Mannes. Und das Unglück nimmt seinen Lauf…

Wem dieser Plot irgendwie bekannt vorkommt, der liegt nicht falsch: "Wenn der Postmann zweimal klingelt", James M. Cains Novelle, inspirierte zuerst Luchino Viscontis "Ossessione" von 1943 - mit Anna Magnani -, dann einen berühmten Film Noir von 1946 und Bob Rafelsons vor allem ein durch die Sex-Szene zwischen Jack Nicholson und Jessica Lange bekanntes Remake von 1981. Es geht um Armut und Amour (fou) - und um die schlimmen Folgen, wenn beides zusammen trifft. Der Berliner Regisseur Christian Petzold nutzt die Filmgeschichte ja immer gern als Hintergrund, den er dann ganz zeitgemäß übermalt und ausbuchstabiert.

Petzold ist nun mit seiner Interpretation des Cain-Stoffes unter dem Titel "Jerichow", der jetzt bei den Filmfestspielen von Venedig Premiere hatte, ein Meisterwerk an Konzentration geglückt, geprägt durch jene ganz eigenartige, unverwechselbare Atmosphäre, die Petzolds Filme seit jeher und immer stärker eigen sind. Aus drei Perspektiven erzählt Petzold eher skizzenhaft seine Geschichte: Zunächst aus der von Thomas, der gerade, arm wie eine Kirchenmaus, als Soldat unehrenhaft entlassen und verfolgt von den Gläubigern ins Dorf seiner Kindheit zurückgekehrt ist. Es heißt Jerichow und liegt irgendwo im wilden Ostens Deutschlands. Dann kommt Ali ins Spiel, der in der Gegend eine Döner-Kette aufzieht, und einen Fahrer braucht. Er mag Thomas und gibt ihm eine Chance. Das letzte Drittel gehört Laura, der Frau, die sich von Ali hat kaufen lassen, und die Thomas nun auch nicht widerstehen kann.

Benno Fürmann, Hilmi Sözer und Nina Hoss spielen dieses Dreigestirn. Noch nie sah Fürmann so männlich und so wenig bubihaft aus, wie hier. Ein Auftritt von hochgradiger proletarisch-körperlicher Präsenz, der an die besten Zeiten von Klaus Löwitsch erinnert. Hoss kombiniert Zerbrechlichkeit und Kälte in einer Weise, die ihren vielen Auftritten eine weitere faszinierende Facette hinzufügt. Die Entdeckung ist aber Hilmi Sözer, dessen Gesicht man zwar kennt. Aber so tanzen, so weich und dennoch cool sein, wie hier konnte er noch nie. Das Herz eines Films über drei eigentlich schon von Anfang an verlorene Seelen, dem Hans Fromms Kamera einmal mehr französisch sommerlich anmutende Bilder gibt, die mit analytischer Klarheit ihr Sujet bloßlegen.

http://www.heise.de/tp/blogs/6/115172
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