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Erst: Die Vögel und später: Spiel mir das Lied vom Tod

Wie westliche Regisseure mit Indios arbeiten: Mario Bechis und Werner Herzog

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Das Filmfestival von Venedig hat einen ersten klaren Favoriten für den diesjährigen Goldenen Löwen. Nachdem die "Mostra" ihren Weg an den ersten Festival-Tagen noch nicht gefunden hatte, der Wettbewerb neben mancher Enttäuschung auch Ansprechendes und viel Disparates bot, aber noch keinen Film, der alle fesselte, Debatten auslöste, unvergesslich war, nahm das bisher müde Dahinplätschern zum Beginn der Woche ein Ende: Dafür sorgte "Bird Watchers - La terra degli uomini rossi" von Mario Bechis. Der Regisseur ist 1955 in Chile geboren, in Brasilien und Argentinien aufgewachsen, lebt seit Ende der 70er Jahre in Italien, und da sein Vater auch noch aus Italien stammt, wurde er von der einheimischen Presse in Venedig bereits eingemeindet - obwohl seine Filme bisher zumeist in Lateinamerika gesiedelt sind und in ihnen Spanisch gesprochen wird.

Ein Boot fährt auf einem Fluss durch den brasilianischen Dschungel. In ihm sitzen Weiße, die italienisch sprechen, es wird viel fotografiert, was links und rechts am Ufer zu sehen ist. Offenbar Ethnologen oder Touristen auf Bootstrip. Plötzlich sieht man auf der einen Flußseite eine Gruppe von Indios auftauchen. Frauen und Kinder sind dabei. Die Indios tragen traditionelle Tracht, nur ein Lendenschurz bedeckt ihre Haut, die bunt und fremdartig bemalt ist. Stumm und mit ausdruckslosen Gesichtern gucken sie auf das Boot und ihre Insassen, neugierig erregt gucken die anderen zurück: Die Begegnung zweier unvereinbarer Welten, so scheint es. Bedrohung liegt in der Luft. Als das Boot sich allmählich entfernt, schießen ihm die Indios ein paar Pfeile hinterher, die das Boot jedoch verfehlen.

Dann gehen die Indios in das Dickicht des Dschungels zurück, dazu setzt barocker Chorgesang ein, etwas Weihevolles, Heiliges gar suggerierend. Paradiesische Ursprünglichkeit, die Unschuld der ersten Kulturbegegnungen, und Filme von Werner Herzog kommen einem in den Sinn. Doch plötzlich zieht sich der erste Indio ein T-Shirt über, die Waffen und Lendenschürze werden abgelegt, ein Jeep wartet hinter dem Gebüsch, und eine Indiofrau erhält ein paar Geldscheine in die Hand gedrückt: "Zu wenig!" konstatiert sie bitter.

Schon der Anfang ist listig, weil er unsere Erwartungen konterkariert, mit den Kulturklischees auch des sich aufgeklärt dünkenden Kinozuschauers bricht - nix da Ursprünglichkeit. Schon das darauffolgende Bild zeigt ein Indiomädchen, das zu modernem Pop Tanzschritte übt. Die Indios von heute haben Plastikfolien über ihre Hütten gezogen, weil die besser vorm Regen schützen. Sie holen das Wasser vom Fluss mit modernen Kanistern, haben ein Mobiltelefon, und Depressionen, weil ihnen das Leben im Reservat keinerlei Perspektive bildet. Nicht wenige von ihnen hängen sich darum kurzerhand im Dschungel auf.

"Bird Watchers - La terra degli uomini rossi" erzählt nun von einer Indiogruppe, die das Dorf verlässt, und auf ihr ursprüngliches Land zurückkehrt, dort wo die Vorfahren begraben liegen. Das gehört längst einem Großgrundbesitzer, aber auf dem Grasstreifen zwischen Straße und Viehzaun können sie juristisch nicht vertrieben werden und genau dort siedelt die Gruppe.

Im folgenden passiert, immer wieder kapitelweise gegliedert durch den Barockchoral, alles Mögliche: Ein Indiojunge, der Schamane werden soll, interessiert sich für die Tochter des Grundbesitzers, und sie sich für ihn, sie bringt ihm Motorradfahren bei, und was man mit Mädchen sonst so machen kann, er staunt und guckt schweigend. Der Häuptling säuft, der Schamane erzählt, dass der Jaguar "unser Bruder ist", beim Kaufmann in der Nähe lassen die Indios anschreiben, zum Arbeiten sind sie aber zu faul und jagen lieber verirrte Kühe im Dschungel, und Ethnologen stellen dumme Fragen.

Ohne Klischees in die philo- und teilweise auch anti-indianische Richtung kommt das nicht ganz aus. Man kann auch nicht sagen, dass die Indios hier sonderlich idealisiert würden, wohl aber, dass die weißen Brasilianer umgekehrt wirklich nicht gut wegkommen.

Allmählich eskaliert der Konflikt mit dem Grundbesitzer. Irgendwann werden Insektizide auf der Siedlung verspritzt, es wird geschossen, und am Ende, das war aber von Anfang an klar, müssen die Indios weiterziehen. Interessant auch, dass hier gar keine Polizei oder andere Obrigkeit auftaucht.

Der Film mischt ein modernes sozialrealistisches Politdrama, wie es auch von Ken Loach erzählt werden könnte, mit der Tradition der Landnahmewestern, in denen Hollywood gern Viehhirten gegen Farmer, und weniger gern manchmal auch Weiße gegen Indianer streiten ließ.

Die Indios, mit denen Bechis gedreht hat, sind Guarani-Kaiowa-Indios, der gleiche Stamm, mit dem einst "The Mission" entstand, und mit dem auch schon Werner Herzog gearbeitet hat - in seinem Fall, das zeigt Herzog in seinen eigenen Dokumentationen, mit mäßigem Erfolg: Sie flohen vor ihm immer in den Dschungel, er wiederum schrie sie an, drohte und verführte wechselweise.

Bechis erzähle jetzt in Venedig, dass er die Indios anders vorbereitet hatte:

"Ich zeigte ihnen zunächst Hitchcocks 'Die Vögel' und später Sergio Leones 'Spiel mir das Lied vom Tod' - jeweils dreimal hintereinander: Zuerst die Originalfassung, dann eine Version, bei der jede Szene von 2 Sekunden Schwarzfilm unterbrochen war, und drittens eine Fassung ohne Ton. So konnten sie verstehen, wie Film gemacht ist."

Das Ergebnis hat sich gelohnt: Mario Bechis beindruckender Film über Identität und Verrat sollte bei der Preisverleihung am Wochenende nicht leer ausgehen.

http://www.heise.de/tp/blogs/6/115302
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