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Our Product is Fake

So hat man Brasilien noch nicht gesehen: Harter Materialismus im Chinesenghetto von Sao Paulo - "Plastic City"

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In sattem Grüngelb geht es los, ein Mann ist auf der Flucht im Dschungel, und auf einmal steht vor ihm ein wunderschöner großer weißer Tiger. Ein mythisches Bild mit dem dieser Film im Wettbewerb von Venedig beginnt, der uns schnell in Brasiliens brodelnde Megacity Sao Paulo führt; und dort ins Chinesenghetto.

"Plastic City" (i.O.: "Dangkou") spielt zwar in Brasilien stammt allerdings von Hongkong-Regisseur Yu Lik-wai, der auch als Produzent und zuletzt besonders als Kameramann von Jia Zhang-ke bekannt wurde, der hier vor zwei Jahren mit "Still Life" den Goldenen Löwen gewann. Yu entfaltet ein faszinierend-flirrendes Portrait der Metropole Sao Paulo und des Milieus der dortigen Chinesen - das noch nach Herkunft (die drei Chinas: VR China, Hongkong und Taiwan, der ältesten) und Einwanderungsgeneration differenziert ist.

Hier gibt Yuda den Ton an, ein harter Materialist, der sein Geld mit Piratenprodukten verdient - "our product is fake, but their cash is verdad" -, der Politiker und Polizisten schmiert und sich cleverer anstellt als der Rest. Jetzt kommt "Senior Taiwan", die von New York finanzierte Konkurrenz mit ihren moderneren Methoden; und alte und neue Ökonomie prallen unvermeidlich hart aufeinander. Ein kühler Mafiaplot, keineswegs neu, aber gut und straight, dabei mit viel Phantasie und vor faszinierendem Hintergrund entfaltet. Selbst die Morddrohungen haben hier ihr eigenes exotisches Flair: Man wirft ein Krokodil in den Pool und droht dessen Besitzer ihn hinterherzuwerfen - und das hübsche elegante Vieh vor blauem Grund im Scheinwerferlicht schwimmen zu sehen, das sieht zumindest im Kino sehr schön aus.

Der eigentliche Reiz von Yu's Film liegt sowieso in dem bisher so noch nicht gesehenen Brasilien-Portrait: Yu findet Bilder dafür, das Mosaik der Stadt - von Tatoo-Studios bis zu Evangelisten - zu zeigen, Sao Paulo als mythischen Ort aus Farben, Nacht und Neon zu zelebrieren; er badet in der Sexyness der Großstadt, in der Hitze der Nacht, im Party-Leben der Reichen und Schönen, ohne den ganzen Rest der Gesellschaft, den Alltag Brasiliens und das wirkliche Leben zu vergessen.

Korruption und Optimismus als brasilianisches Lebensgefühl sind auch ein absolutes Gegenmodell zur kühl-lebenssatten Melancholie Hongkongs. "Die Brasilianer leben auf einem anderen Planeten" fasst Yu Lik-wai seine persönliche Erfahrung zusammen. Man kann in diesem Film auch die prekäre Lage des China der Gegenwart entdecken, den vorweggenommen postolympischen Kater, der unweigerlich in eine neue Identitätssuche münden wird. "China und der chinesische Film müssen sich neu erfinden. Aber dafür brauchen wir eine Alternative zu Amerika und seiner Hollywood-Kultur" sagt Yu Lik-wai. Ob er die in Brasilien, überhaupt Lateinamerika findet?

Zumindest cineastisch orientiert der Regisseur sich nach Europa, mehr noch als Rosi und Melville, den Spezialisten des realistisch-schwarzen Gangsterkinos, hin zum deutschen Expressionismus von Murnau und Lang und zu Langs sehr spezieller Neuer Sachlichkeit.

"Plastic City" war diese Orientierung anzusehen, die erste Stunde des Großstadtmärchens war durch Bilderkraft und poetischen Stilmix das Beste, was es in Venedig bisher zu sehen gab, und bot mit dem ergreifend melancholischen Anthony Wong auch einen Anwärter auf den Schauspielpreis. In der zweiten Hälfte glitt dem Regisseur sein Film ein wenig aus der Hand und wirkte zeitweilig wie ein LSD-Trip - wie dieser war der Film aber eine einmalige, sehr besondere Erfahrung.

http://www.heise.de/tp/blogs/6/115307
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