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Soziologie ist ein Kampfsport

Pierre Charles sah Pierre Bourdieu beim Denken zu. Jetzt ist sein Film auf DVD erschienen

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Über drei Jahre lang hat der französische Regisseur Pierre Charles den französischen "Enthüllungssoziologen" (Jakob Schrenk) Pierre Bourdieu bei dessen wissenschaftlichen und politischen Tätigkeit gefilmt und 140 Minuten für die filmedition suhrkamp auf DVD gebannt. Wir bekommen den Soziologen, der in seinem Hauptwerk "Die feinen Unterschiede" die Mechanismen untersuchte, anhand derer sich Ideologeme im Alltagsleben der Menschen befestigen und damit in den 80er Jahren über die Grenzen Frankreichs hinaus berühmt wurde, während Radiointerviews, Fakultätssitzungen und Diskussionen mit unbedarften Schülern und Studenten, dem größenwahnsinnigen Günther Grass und verzweifelten Bewohnern eines Banlieus zu sehen.

Was bei diesem Film auffällt, der in Frankreich von 100.000 Menschen im Kino gesehen wurde, ist der Umstand, dass alle Gesprächsteilnehmer von sich erzählen und Fragen stellen, die wesentlich auf sie selbst gerichtet sind, während der Theoretiker des Habitus nur mit einigem Zögern aus seinem persönlichen Nähkästchen plaudert und die Fragen nie direkt beantwortet, sondern erst einmal die Bedingungen des Zustandekommens der jeweiligen Fragestellung entwickelt, also von der Empirie des Fragers erst einmal nach rückwärts geht um erst dann, wenn er die Implikationen und Verästelungen der Frage herausgearbeitet hat, wieder semantisch wieder nach vorne in die Empirie zu schreiten. Er zeigt den Fragestellern, aus welcher geschichtlichen, soziologischen und ideologischen Position heraus sie ihre Fragen stellen: "Bourdieu geht es darum, dass wir die auf uns wirkenden Kräfte kennen, um uns von ihnen zu befreien und uns unsere eigene Geschichte wieder anzueignen" (Loic Wacquant).

Dieses Vorgehen finden nun wieder sämtliche Diskussionspartner Bourdieus befremdlich, die anscheinend erwarten, dass so ein berühmter Soziologieprofessor wie aus der Pistole geschossen, willkürliche Fragestellungen zu beantworten pflegt, worauf sich Bourdieu mehrfach für sein scheinbare Nichtbeantwortung der Frage entschuldigt. Anders als in dem Dokumentarfilm über Jacques Derrida, in dem der Dekonstruktionsbegründer vor allem auf studierende Fans aus der Oberklasse trifft, die an den Lippen des Entrückten zu kleben pflegen, wird Bourdieu hart rangenommen. In einer Diskussion in dem Banlieu Montes– la–Jolie wird ihm sogar vorgeworfen, er würde sich als Intellektueller die Belange der Erniedrigten und Beleidigten zu Eigen machen, um besser im Rampenlicht zu stehen. – Ein Vorwurf, dem man Herrn Derrida gewiss nicht machen kann.

Von Seiten des deutschen Autors Günther Grass wird ihm gar in einem TV-Gespräch vorgehalten, in seinen wissenschaftlichen Analysen keinen Humor gezeigt zu haben, was Bourdieu einigermaßen die Sprache verschlägt. Später soll der Soziologe vorgeschlagen haben, die Aufzeichnung zu stehlen und zu verbrennen. Dafür bekommt Bourdieu in einer Szene des Films Post von Jean-Luc Godard. Aber der Soziologe weiß der mit dem Inhalt des Briefes, den Bildern und kryptischen Botschaften des filmenden Meister einfach nichts anzufangen. Es ist schließlich einfach nicht wahr, dass die Größenwahnsinnigen die besseren Künstler und tieferen Denker sind.

Pierre Charles, Soziologie ist ein Kampfsport. Pierre Bourdieu im Porträt, filmedition suhrkamp, 2009

http://www.heise.de/tp/blogs/6/136358
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