Raue Methoden bei der Behandlung der Internetsucht
In China wird Jugendlichen mit Zucht und Ordnung, auch schon mit Elektroschocks und Schlägen die Internetsucht ausgetrieben - ein 15-Jähriger starb jetzt an den Schlägen
In China herrscht Sorge vor den Auswirkungen des Internet. Politisch sowieso, es geht aber auch die Angst vor der Internetsucht um. Angeblich sollen Millionen von Kindern und Jugendlichen abhängig oder zumindest von Internetsucht bedroht sein. Nach einer Umfrage sollen 10 der 100 Millionen Kinder und Jugendlichen, die Internetnutzer sind, süchtig sein.
Schon mit solchen, vermutlich kaum gesicherten Zahlen werden Eltern erschreckt. Auch weil noch immer die Ein-Kind-Politik herrscht (in Schanghai wurde sie aufgrund der drohenden Vergreisung bereits gelockert), sind die Eltern wohl besonders darum bemüht, ihren Kindern wieder auf die Beine zu helfen und sie von der karrierebedrohenden Sucht zu befreien. Es hat sich bereits ein regelrechter Markt für Therapien entwickelt, Krankenhäuser und andere Einrichtungen bieten teure mehrwöchige oder -monatige Entziehungskuren, die häufig vor allem Drill, Disziplinierung und Unterwerfung zu beinhalten scheinen.
Ob Zucht und Ordnung tatsächlich langfristig helfen, dürfte fraglich sein. Vermutlich ist man der Meinung, dass die Abhängigen verweichlicht sind und sie Härte zur Entwöhnung benötigen. Mitunter wurden nicht regelkonforme Jugendliche auch mit Elektroschocks behandelt, was von der Regierung allerdings vor kurzem verboten wurde.
Jetzt ist im Zuge der "Therapie" auch noch ein 15-Jähriger in einem Gesundheitszentrum in Nanning gestorben, wie staatliche Medien berichten. Er war vermutlich bereits tot, als er eingeliefert wurde. Seine Eltern hatten ihn erst am letzten Samstag zu dem Lager des Gungzhou Lizhi Trainingszentrums für Jugendliche zur Entziehungskur gebracht, die einen Monat dauern sollte und 1000 US-Dollar (7000 Yuan) kostet.
Dort wurde der Junge, der nach Angaben seiner Eltern über die Internetsucht hinaus keine Verhaltensprobleme hatte, offenbar zur Begrüßung erst einmal am Abend eingesperrt und verprügelt, schließlich sollte er ja "vom schlechten Verhalten abgebracht werden, Vertrauen gewinnen und positive Lebenseinstellungen einnehmen". Vertrauen hatte er nicht gewonnen, um 3 Uhr Morgens wurde er tot ins Krankenhaus gebracht, nachdem er wohl an den Schlägen gestorben war. Die Täter sollen festgenommen worden sein. Im Lager werden weiterhin um die 100 Jugendliche behandelt.
Ganz naiv dürften die Eltern jedenfalls nicht gewesen sein. Sie mussten eine Einverständniserklärung unterzeichnen, nach der das Zentrum "alle notwendigen Maßnahmen, Bestrafung eingeschlossen, zur Erziehung des Jugendlichen ergreifen kann, so lange dieser dadurch nicht missbraucht oder seine Gesundheit geschädigt" wird. Chinesische Psychologen sagen, dass Internetsucht noch nicht ausreichend erforscht sei. Man müsse die körperlichen und psychischen Auswirkungen der Sucht genauer kennen, um eine richtige Diagnose treffen und Therapien entwickeln zu können.
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