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Sarkozy zum falschen Zeitpunkt mit Meißel an der Mauer?

In Frankreich glaubt man dem Präsidenten nicht recht, der sich auf Facebook als "Mauerspecht" stilisiert.Update.

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In Bayern nennt man sie Adabeis - Personen, die immer dort sind, wo auch alle anderen VIPs ihre weißen Zähne den Kameras entgegenfahren und lächelnd das große Kommunikationsgesetz befolgen, wonach 99 Prozent aller Äußerungen dazu da sind, Einverständnis zu bekunden. Sie lächeln "Peace", damit trotz der zur Schau getragenen Wichtigkeit keine falschen Gedanken aufkommen, kein Neid, keine Gewalt, keine Gegnerschaft, kein Umsturz. Die Angst vor der Revolution sitzt tief, auch heute noch.

Gegen diesen Schrecken gibt es aber die gute, die friedliche Revolution von 1989, bei der alle gern Teil der Freiheitsbewegung waren. Das historische Großereignis ist auch in Frankreich populär, in allen Medien stand gestern die Mauer und deren "Chute" ganz oben oder vorne. Dies hat nun die Imagepfleger des Präsidenten dazu gebracht, zum Gedenktag auch Sarkozy an die bröckelnde Mauer vom 09. November zu platzieren - mit Meißel in der Hand auf Facebook. Die Bildzeitung berichtete gleich: "Auch Sarkozy war 1989 ein 'Mauerspecht'", illustriert mit dem einem Facebook-Amateurfoto, auf dem der junge Sarkozy konzentriert neben einem gestikulierenden Erklärer einen Meißel in die Graffitimauer schlägt, ein echtes Berliner Souvenir: "Je suis ein Berliner".

Geht es nach Überlegungen eines französischen Bloggers der Tageszeitung Libération, so ist der (erzählerische) Rahmen des Bildes - "Sarkozy war im entscheidenden, umstürzlerischen Moment auch dabei" - hingebogen, unecht, "Bricolage", Bastelei mit unfreiwillig komisch Nebenwirkungen, ein bisschen so wie die falsche Haare von Berlusconi oder die Treppchen hinter den TV-Kulissen, auf die Sarkozy steigt, um größer zu wirken.

Worüber sich der Journalist/Blogger Alain Auffray mokiert, ist ein zum Schnappschuss gehörender Erlebnis-Bericht, den Palastghostwriter im Namen Sarkozys geschrieben haben, etwas hektisch, ohne Schlussredaktion: Danach hatte sich Sarkozy, damals Abgeordneter der Partei Gaullisten-Partei RPR, am 9.November zusammen mit seinem Partei-Freund Alain Juppé dazu entschlossen, umgehend nach Berlin aufzubrechen. Weil sie Informationen aus Berlin hatten, wonach "in der Haupstadt des geteilten Deutschlands" eine Veränderung stattfinden würde, verhießen wurde die Aussicht: "an einem Ereignis teilzunehmen, das sich gerade entfaltet". Aufray sieht in den daran anschließenden Berliner Highlights, von denen der Präsident berichtet, "mehrere Unstimmigkeiten". Weder in Berlin und auch nicht in Paris habe man tagsüber ahnen können, dass am Abend die Mauer "fallen" würde. Die sensationelle Erklärung Schabowskis, wonach die Grenzen ab sofort offen seien, erfolgte auf der Pressekonferenz gegen 19 Uhr.

Zweitens, so der Libération-Journalist, würden Schauplätze und Timing auch im Folgenden nicht stimmen. Am Brandenburger Tor, wo Sarkozy, wie seine eigenen Angaben suggerieren, gleich nach der Landung des Privatjets auf eine begeisterte Menge Berliner traf - "Arrivés à Berlin ouest, nous filons vers la porte de Brandebourg où une foule enthousiaste s’est déjà amassée à l’annonce de l’ouverture probable du mur" - , versammelte sich eine größere Menge erst spät in der Nacht, so Alain Auffray. Gegen 1 Uhr morgens berichtet eine deutsche Chronik.

Wäre Sarkozy an diesem Abend mit Meißel und Freund zum Grenzübergang Bornholmer Straße gezogen, hätte dies Alain Auffray für plausibler gehalten, weil sich dort die ersten Menschenmengen versammelten. Aber mit Hammer und Meißel gegen die Mauer habe da noch niemand geklopft. Solche Akte habe man eigentlich erst in den folgenden Tagen beobachten können, meint Auffray. Sarkozy wäre also ein Pionier gewesen. Das glaubt Auffray nicht. Die Zweifel des Journalisten verbreiteten sich schnell in den Nachrichtenräumen.

Da wollte sich dann später auch der Gefährte Sarkozys, Alain Juppé, nicht mehr so ganz genau festlegen und gab den 10. oder 11. November als Datum seines Aufenthaltes in Berlin an, was auch stimmiger zu anderen Quellen passt, die ihn am 9. November woanders lokalisieren.

Stein und Bein schwört dagegen der treue Premierminister Fillon (wie auch der Organisator der Berliner Reise der RPR-Abgeordneten): die Version des Präsidenten sei wahr. Fillon versicherte der Öffentlichkeit, am 9ten November 1989 um 23 Uhr Juppé zwischen dem Brandenburger Tor und Check Point Charlie getroffen zu haben - zusammen mit Sarkozy..Ein irgendwie lustiger Betriebsausflug, der noch nicht ganz zu Ende erzählt ist. Die Ente wird wohl noch ein paar Tage herumlaufen. Schade, dass es den Canard Enchaîné im Netz nur als Alibi-Site gibt.

Ergänzung

Der Fotograph des Bildes, Paul Clave, erinnert sich auf Anfrage der Website rue89.com daran, dass er das Foto am "Abend des 10.November 1989 um 22Uhr" gemacht hat. Seinen Angaben zufolge ist Sarkozy zusammen mit Juppé am Nachmittag des selben Tages in Berlin angekommen. Mit einem Flugzeug der Air France.

Der Artikel zitiert darüberhinaus mehrere Zeugenaussagen und Quellen, die der Geschichte, die Sarkozy unter seinem Namen veröffentlichen ließ, wesentlichen Wahrheitsgehalt absprechen. U.a. dementiert der damalige Berliner Bürgermeister Momper, dass er sich am 9.November, wie von Sarkozy behauptet, mit dem heutigen Staatspräsidenten getroffen habe.

Und natürlich nutzen User und Medien die Vorlage Sarkozy längst für allerhand süffisante Kommentare: "Sarkozy hat das Feuer erfunden, als er mit zwei Steinen spielte"; "Sarkozy hat dem Homo Habilis vor 2,5 Millionen Jahren den Umgang mit Werkzeug beigebracht", "Sarkozy hat die Pyramiden gebaut", "Er war der erste Mann auf dem Mond", "Er hat den Explosionsmotor erfunden", "Sarkozy hat als Baby die Mona Lisa gemalt", die "Gitarre für Jimmy Hendrix' Auftritt in Woostock gestimmt" etc...dazu gibt es Fotomontagen, die Sarkozy an der Seite von Petain, Stalin und Churchill zeigen und als amerikanischer Soldat bei der Invasion.

http://www.heise.de/tp/blogs/6/146522
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