Technisch verlängerter Exhibitionismus
Tragbare Abspielgeräte erleichtern den öffentlichen Pornokonsum
Die alten Schranken sind abgebaut, die Abgrenzung von privatem Leben zur öffentlichen Sphäre ist diffus. Es zeigt sich eine seltsame Verkehrung. Die Wohnung, früher von Mauern geschützter Intimitätsraum der Bürger, ist durch den PC öffentliche Sphäre geworden. Wer surft, ist - teilweise - draußen unterwegs, auch wenn er sich drinnen fühlt. Andrerseits nehmen viele ihr Wohnzimmer mit nach draussen. Verkünden Dinge, die unter den Siegel der Verschwiegenheit gehören, laut auf der Straße - wandelnde Wohnzimmer, an die Architekten in der Form nicht gedacht hatten. Oder Wohnküchen on the Road, die sich mitsamt der Gerüche in der S-Bahn ausbreiten.
Auch die Versunkenheit am Rechner ist wie "drinnen sein", allein, abgeschottet. Die anderen sind nur Kulisse, menschliche Möbel ohne Bewußtsein, die auf dem Sitzplatz im öffentlichen Verkehrsmittel neben "Ich, Mich, Meine Welt" sitzen. In den USA kommt es, wie ein Erfahrungsbericht in der Washington Post heute erzählt, zu bemerkenswerten Kollisionen der verschiedenen Sphären. Natürlich zugespitzt auf das große Reizwort, wann immer es um Moral und Computer geht: Porno. Und es ist wahrscheinlich auch kein Zufall, dass es mit dem anderen Reizthema für Schmutzbelästigung verbunden wird, dem Rauchen:
Die wachsende Beliebtheit von Laptops und Handheld-Geräten dazu die Verbreitung von wireless-Internetverbindungen, führen dazu, dass man mehr und mehr Situationen ausgesetzt ist, in der man zum Zuschauer von visuellen Vorlieben eines völlig Fremden wird. Vergleichbar dem Ausgesetztsein des Zigarettenrauches eines Süchtigen auf der Straße, inhalieren Menschen Porno.
Illustriert wird die These, wonach neue Technologie dazu führt, dass man überall unfreiwllig Pornos sieht, mit Anekdoten, z.B. dem Erlebnis einer Mutter, die mit ihren Kindern im Flugzeug neben dem sympathischen Ivy-League-Studenten Platz nimmt und erschrickt, als die lustigen Comicfiguren auf dem Notebook-Bildschirm des Studenten, die natürlich sofort alle Aufmerksamkeit der Kinder haben, zu stöhnen anfangen und lauter Ferkeleien anstellen. Von verstörenden Stöhngeräuschen aus dem Laptop eines Sitznachbarn handelt auch eine weitere Episode, diesmal aus einem amerikanischen U-Bahn-Zug, mit der Extrapointe, dass die anderen Fahrgäste, die unschuldig und unbeteiligt neben dem Pornoschauer sitzende Frau entgeistert ansahen, als ob sie dessen Partnerin wäre. Die Frau löste das Problem wie eine gute Sartre-Schülerin: sie machte sich zum Subjekt und schaute freiwillig zu: "Dude smiles at me and then we both just watch together. Stop before mine, he packs up the computer and gets off. We never said a word."
Vielleicht handelt es sich bei manchen öffentlichen Pornosehern also doch nicht um Personen, denen die Außenwelt egal ist, sondern um Exhibitionisten neuer Art? Vertraut man dem Artikel der Washington Post-Journalistin so zeigen sie sich überall, in Stadien, im Stau, in Bussen, Bahnen und Flugzeugen. Mittlerweile sollen US-Fluggesellschaften angekündigt haben, dass sie daran arbeiten, den Internetzugang im Flugzeug zu filtern. Was dem öffentlichen Porno-Konsum kaum Hindernisse auferlegen wird.
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