"Saw VI"- Torture Porn fürs Prekariat
Ohne Frage appelliert die "Saw"-Reihe an die niedersten Instinkte seines Publikums
Zwei Geldverleiher müssen sich ein möglichst großes Stück Fleisch aus dem eigenen Leib schneiden - wer würde da nicht an Shakespeares "Kaufmann von Venedig" denken? Doch das ist nur der Auftakt: Wieder wütet Jigsaw einer der heimlichen Helden unseres Jahrtausends, eine Art Rachegott für die gottlose Gesellschaft.
Sadismus und Folter als Kinovergnügen. Wer sich mit Horror und Splatter im Dritten Jahrtausend beschäftigt, kommt an "Saw" nicht vorbei. Denn auf die Herausforderung, sich in der Umgebung immer gewalttätigerer, immer spekulativerer Filme etwas besonderes einfallen lassen zu müssen, um das einschlägige Publikum anzulocken und nicht zu enttäuschen, reagierten die australische Filmstudenten James Wan und Leigh Whannell im Jahr 2004 und schufen mit dem blutigen Genrefilm "Saw" fraglos einen Meilenstein in der Geschichte bizarrer Horrorphantasien - was ihnen nicht nur an den US-amerikanischen Kinokassen mit hohen Umsätzen gelohnt wurde. Und seitdem mit fünf Sequels.
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Bild: Twisted Pictures / Kinowelt Filmverleih |
Mutproben
Im Zentrum steht seit jeher John Kramer alias "Jigsaw" ein so manipulativer wie mediengewandter Serienkiller und zynischer Folterknecht, der seine sadistischen Spiele mit pädagogischen Absichten verbindet. Die eigentliche Pointe der Filme ist, dass der Killer seinen Opfern immer einen Schritt voraus ist, ein böses Katz- und Maus-Spiel treibt, bei dem der tödliche Ausgang vorprogrammiert ist - und der dabei sogar seinen eigenen Tod überlebt. Sinnlos und amoralisch kann man das finden, und ohne Frage appelliert die "Saw"-Reihe an die niedersten Instinkte seines Publikums.
Man kann solche Filme einfach als Mutprobe für Pubertierende abtun und sich nur fragen, welche Spuren sie wohl in Hirn und Seele mancher Heranwachsender hinterlassen mögen - in ihrem ästhetischem Sinn vor allem, denn sie sind weniger ein Angriff auf zivilisatorische Wertvorstellungen, als auf den Geschmack. Man kann darin auch eine Form der Verarbeitung des Irak-Kriegs sehen, von verkrüppelten Soldatenleibern, Abu-Ghraib-Bildern und Guantanamo-Erfahrungen.
All das stimmt, trotzdem geht der sechste Teil über die langweiligen, glatt inszenierten letzten Folgen hinaus, und bietet mehr als nur einen plumpen Vorwand, um dem Publikum neue Nerven- und Magenkitzel zu bieten, und voyeuristische Gelüste beim Publikum zu befriedigen. Auch hier wird die Story des im dritten Teil verstorbenen "Jigsaw" in Rückblicken und Tagträumen weiter entfaltet, und man begegnet dem Darsteller Tobin Bell.
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Bild: Twisted Pictures / Kinowelt Filmverleih |
Man muss sich beherrschen, um nicht seinen Gedanken über jene Zuschauer nachzuhängen, die sich dieses Potpurri aus Blut, Schreie und Sadismus mit ehrlichem Vergnügen antun. Was "Cindy von Marzahn" für die Comedy, ist "Saw V" für den bluttriefenden Slasher-Horrorfilm: Prollig, dumm, menschenverachtend und die niedersten Instinkte bedienend; die öde Wiederholung eines immergleichen Konzepts. Vielleicht irren diejenigen, die unserer westlichen Gesellschaft den baldigen Untergang prophezeihen, sich ja doch nicht: Saw VI bestätigt jedenfalls all' ihre Klagen.
Abschied vom Ekel-Horror
Trotzdem ist der Film mehr als nur der bekannte Torture Porn fürs intellektuelle Prekariat. Kevin Greutert, Cutter der bisherigen Filme, unternimmt vor allem den Abschied vom Ekel-Horror, und die Rückkehr zu mehr Suspense und Thrill. Auch ist die Erzähl-Ökonomie in diesem Fall weitaus besser, es gibt kein ermüdendes Dauerquälen, sondern Ruhepausen. Den inhaltlichen Hintergrund dieser sechsten Variante der "Saw"-Formel bildet diesmal - wohl nicht ganz zufällig passend zu Obamas Anstrengungen um eine Gesundheitsreform - das US-Gesundheitssystem und ein unsympathischer Mitarbeiter einer Krankenversicherung. Wenn so einer gequält wird, bedarf es bei vielen keiner klammheimlichen Freude mehr.
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Bild: Twisted Pictures / Kinowelt Filmverleih |
Hier liegt die interessante moralische Herausforderung des Films: Bei was ertappt man sich selbst im Kinosessel, und welche Gedanken und Gefühle lässt man zu? So wie manch' einer zum Folterknecht wird, entdeckt der andere den Zensor und Großinquisitor in sich. So wie der Autor vom "Filmdienst": "Geldmacherei ist dessen einziger Zweck" entrüstet er sich etwas hyperventilierend und übertrieben (als ob das bei Constantin-Filmen oder in einer durchschnittlichen Hollywood-Produktion anders wäre). Nein, es ist nicht der einzige Zweck, das wäre zu einfach. Aber natürlich auch. Und darum wird die primanerhafte Mahnung des Herren - "Höchste Zeit, dass diese Geschmacklosigkeiten aufhören" - ungehört verpuffen: Der siebte Teil wird gerade gedreht, ein achter Teil wird folgen. Neues Futter für die Kulturpessimisten.,
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