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Nachrichten aus Kultur und Medien

Vom höheren Sinn und Segen der Katastrophe

Das Erdbeben in Chile und der Kolportageroman, den wir Medienberichterstattung nennen

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Wo genau Gott war am 27.2., um 3.34 Uhr chilenischer Ortszeit, ist so schwer zu sagen wie immer. Nach Ansicht mancher gläubigen Christen, gebührt ihm jedenfalls direkte Verantwortung für jenes schwere Beben, das sich in Chile ereignete, eines der schwersten Erdbeben seit Geschichte der seismischen Messungen. "Vielleicht ist das Erdbeben ja eine Strafe Gottes", vermutete jedenfalls der österreichische katholische Würdenträger Gerhard Maria Wagner. Schon im Januar, aus Anlass der jüngsten Ereignisse in Haiti, hatte der rechtsradikale US-Fernsehprediger Pat Robertson in der Katastrophe eine gerechte Antwort Gottes auf Vodoo-Praktiken erkannt und die Haitianer beschuldigt, einen "Pakt mit dem Teufel" geschlossen zu haben.

Was zynisch anmutet, und in diesem Fall nicht etwa die Erfindung eines Kirchenhassers ist, die Rückführung einer Naturkatastrophe auf ein himmlisches Strafgericht, hat eine lange Tradition. Es ist die gute alte Theodizee-Frage nach dem Sinn des Bösen in einer Welt, die doch - da von Gott geschaffen - notwendig perfekt sein müsse. Erst Voltaire und Kant gaben den Begriff der Vorsehung Gottes philosophisch preis.

Optimistische, tröstende Vorstellung vom höheren Sinn

Literarisch lebte er weiter. In seiner weltberühmten Novelle "Das Erdbeben in Chili" beschrieb Heinrich von Kleist bereits 1807 die erste Dankespredigt nach dem Beben in einer Dominikanerkirche durch einen alten Chorherren wie folgt:

"Er schilderte, was auf den Wink des Allmächtigen geschehen war; das Weltgericht kann nicht entsetzlicher sein; und als er das gestrige Erdbeben gleichwohl, auf einen Riß, den der Dom erhalten hatte, hinzeigend, einen bloßen Vorboten davon nannte, lief ein Schauder über die ganze Versammlung. Hierauf kam er, im Flusse priesterlicher Beredsamkeit, auf das Sittenverderbnis der Stadt; Greuel, wie Sodom und Gomorrha sie nicht sahen, straft' er an ihr; und nur der unendlichen Langmut Gottes schrieb er es zu, daß sie noch nicht gänzlich vom Erdboden vertilgt worden sei."

Kleists Novelle nimmt das historische Erdbeben von Chile am 13. Mai 1647, bei dem 12.000 Menschen, ein Drittel der Bevölkerung Santiago de Chiles ums Leben kam, zum Anlass, über die Katastrophe und vor allem über die Perspektiven ihrer Wahrnehmung durch den Menschen, zu reflektieren. Es ist dabei vor allem die - optimistische, tröstende - Vorstellung vom höheren Sinn und heimlichen Segen der Katastrophe, von Hohlräumen der Hoffnung im großen Unglück, die Kleist attackiert.

Überlebensgeschichten: je phantastischer, desto bereitwilliger werden sie erzählt

Noch heute bevölkert sie jenen Kolportageroman, den wir Medienberichterstattung nennen: Ob im Fernsehen oder in mehr oder weniger "seriösen" Zeitungen: Inmitten des unser aller Voyeurismus befriedigenden Ausmalung der Katastrophe - "Hier stürzte noch ein Haus zusammen, und jagte ihn, die Trümmer weit umherschleudernd, in eine Nebenstraße; hier leckte die Flamme schon, in Dampfwolken blitzend, aus allen Giebeln, und trieb ihn schreckenvoll in eine andere; hier wälzte sich, aus seinem Gestade gehoben, der Mapochofluß auf ihn heran, und riß ihn brüllend in eine dritte. Hier lag ein Haufen Erschlagener, hier ächzte noch eine Stimme unter dem Schutte, hier schrieen Leute von brennenden Dächern herab, hier kämpften Menschen und Tiere mit den Wellen, hier war ein mutiger Retter bemüht, zu helfen; hier stand ein anderer, bleich wie der Tod, und streckte sprachlos zitternde Hände zum Himmel." - werden uns Überlebensgeschichten erzählt, je phantastischer, umso bereitwilliger.

Genau das tut Kleist auch - aber zu entgegengesetztem Zweck. Zur Entlarvung unserer Wahrnehmung und der Klischees in unserem Kopf. Seine Novelle ist eine moralische Fabel - freilich eine voller bitterer Ironie. Ihr Kern ist die Entfaltung der Chaotik des menschlichen Daseins, der Zufälligkeit des Lebens/Überlebens/Sterbens und die Dekonstruktion von Sinngebungen und -vorstellungen, mögen es nun die der (christlichen) Religion oder jene rein weltlichen von (europäischer) Aufklärung und (Französischer) Revolution sein. Hinzu kommt ein grundsätzlicher anthropologischer Pessimismus, der vom Menschen im Zweifel eher Schlechtes und jedenfalls nichts Gutes erwartet. Insofern verschärft "Das Erdbeben in Chili" noch jene Einsicht, die Voltaire bereits aus der Erfahrung des Erdbebens von Lissabon 1755 in seinem "Candide" gezogen hatte: Dass unsere Welt keineswegs "die beste aller möglichen" Welten ist, und das unser Leben einem "traurigen Glücksspiel" gleicht.

Zufall aller Orten, ob glücklich oder nicht

Von der ersten Zeile an entfaltet Kleist die Widersprüchlichkeit von Situationen, und Bewegungen, die ihr Gegenteil hervorbringen: Ein Mann der sich umbringen will, und gerade deshalb das Erdbeben überlebt, zwei Gebäude stürzen gleichzeitig gegeneinander ein und lassen ihm so "durch eine zufällige Wölbung" einen Fluchtweg. Überhaupt Zufall! Zufall aller Orten, ob glücklich oder nicht. Und vor allem: Die zerstörerische Natur zerstört auch die politisch-kulturelle Ordnung der Dinge. Es hat seinen Grund, dass Kleist erwähnt, was alles Opfer der Zerstörung wird: Kloster, Kathedrale, Palast des Vizekönigs, ihr väterliches Haus - an dessen Stelle, Freud lässt grüßen, ein See getreten war, "und kochte rötliche Dämpfe aus" -, Gerichtshof, Gefängnis, Richtplatz. All das, der "Umsturz aller Verhältnisse" - hier auch ein unmissverständlicher Hinweis auf die Französische Revolution - die Zerstörung des Sozialen und aller Institutionen, bereitet nur den Boden für die soziale Utopie: Ein "von Pinien beschattetes Tal" voller "Seligkeit, als ob es das Tal von Eden gewesen wäre", spendet Zuflucht, Trost und das unerwartete Wiedersehen des Liebespaares. Hier findet man unter mildem Mondlicht einen prachtvollen Granatapfelbaum mit duftenden Früchten. Hier finden auch die menschlichen Verhältnisse einen geradezu biblischen Neuanfang, einen glücklichen Schwebezustand des Herausgetreten-seins aus der Geschichte und den Verhältnissen:

"In der Tat schien, mitten in diesen gräßlichen Augenblicken, in welchen alle irdischen Güter der Menschen zu Grunde gingen, und die ganze Natur verschüttet zu werden drohte, der menschliche Geist selbst, wie eine schöne Blume, aufzugehn. Auf den Feldern, so weit das Auge reichte, sah man Menschen von allen Ständen durcheinander liegen, Fürsten und Bettler, Matronen und Bäuerinnen, Staatsbeamte und Tagelöhner, Klosterherren und Klosterfrauen: einander bemitleiden, sich wechselseitig Hülfe reichen, von dem, was sie zur Erhaltung ihres Lebens gerettet haben mochten, freudig mitteilen, als ob das allgemeine Unglück alles, was ihm entronnen war, zu einer Familie gemacht hätte.“

Doch all dies hat nur den Zweck, den Leser in Sicherheit zu lullen und auf falsche Erwartungspfade zu führen. Bevor Kleist konsequent die zunächst scheinbar in ihm angelegte Vorstellung eines Happy End zunichte macht, geht es ihm noch darum, den Gedanken zu entfalten, es könne doch womöglich zumindest ein kleines Glück im großen Unglück geben:

"Josephe dünkte sich unter den Seligen. Ein Gefühl, das sie nicht unterdrücken konnte, nannte den verfloßnen Tag, so viel Elend er auch über die Welt gebracht hatte, eine Wohltat, wie der Himmel noch keine über sie verhängt hatte."

Die Menschen vollenden die Gewalt der Natur

Man findet diese Romantisierung des Unglücks, die Verklärung einer "Stunde Null" in der Geschichte immer wieder. Doch nachdem unter dem Eindruck übermächtigen Unglücks für einen Moment die strenge Ordnung suspendiert wurde, die Utopie einer solidarischen Gesellschaft und persönliches Glück realisiert schien, kehrt Ernüchterung ein, und die menschliche Ordnung um so brutaler zurück.

Die Masse schlägt zu, die Menschen vollenden die Gewalt der Natur, böser noch, weil mit Absicht, fast neiderfüllt auf das Unglück. Der Zufall ist kein göttlicher Engel.

"Don Fernando, als er seinen kleinen Juan vor sich liegen sah, mit aus dem Hirne vorquellenden Mark, hob, voll namenlosen Schmerzes, seine Augen gen Himmel. … Er säumte lange, unter falschen Vorspiegelungen, seine Gemahlin von dem ganzen Umfang des Unglücks zu unterrichten; einmal, weil sie krank war, und dann, weil er auch nicht wußte, wie sie sein Verhalten bei dieser Begebenheit beurteilen würde; doch kurze Zeit nachher, durch einen Besuch zufällig von allem, was geschehen war, benachrichtigt, weinte diese treffliche Dame im Stillen ihren mütterlichen Schmerz aus, und fiel ihm mit dem Rest einer erglänzenden Träne eines Morgens um den Hals und küßte ihn. Don Fernando und Donna Elvire nahmen hierauf den kleinen Fremdling zum Pflegesohn an; und wenn Don Fernando Philippen mit Juan verglich, und wie er beide erworben hatte, so war es ihm fast, als müßt er sich freuen."

Die Pointe Kleists liegt freilich nur in der Desullisionierung, nicht in Trost und Abmilderung derselben.

Aber auch hier, wie in Kleists Freitod am Wannsee und zahllosen anderen unpassenden Anlässen, werden manche wieder Grund zur Mitfreude und für moralische Lehren, zumindest für "eine gute Geschichte" finden. Aber, so schrieb zwar nicht Kleist, aber immerhin Friedrich Hebbel 1845 in sein Tagebuch: "Es gibt Leute, die sich über den Weltuntergang trösten würden, wenn sie ihn nur vorhergesagt hätten."

http://www.heise.de/tp/blogs/6/147183
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