Eigenes Kind verhungert, während Eltern ein virtuelles Kind pflegen
In einem bizarren Fall aus Südkorea musste ein Baby sterben, weil die Eltern obsessiv online spielten und ihre Fürsorge lieber einer Spielfigur widmeten
Die Geschichte will man eigentlich gar nicht glauben. Vor ein Paar Tagen wurde, wie südkoreanische Medien berichten, ein verheiratetes Paar verhaftet. Der 41-jährige Mann und die 25-jährige Frau hatten sich aufgrund von Internet-Chats gefunden und schließlich im wirklichen Leben geheiratet. Ihre Tochter kam im Juni 2009 zur Welt und wurde am 24. September tot aufgefunden. Kim der Vater berichtete der Polizei, sie hätten ihre Tochter am Morgen tot vorgefunden. Eine Vernachlässigung schloss er aus. Nach der Beerdigung tauchte das Paar unter.
Die Polizei war angesichts des ausgemergelten Leichnams aber misstrauisch geworden. Die Autopsie ergab, dass der Tod durch eine "lange Zeit der Unterernährung" verursacht worden sei. Die Eltern konnten jetzt erst nach 5 Monaten unter dem Verdacht der schweren Kindesvernachlässigung aufgrund ihrer Onlinespielesucht festgenommen werden. Die Beiden sollen täglich 6-12 Stunden vor dem Computer in Internetcafes gesessen und obsessiv gespielt haben, während sie ihr Baby ohne Nahrung und Fürsorge Zuhause zurückließen. Die ersten drei Monate war das Kind noch von den Großeltern versorgt worden, dann zog das Paar um und kümmerte sich mehr um die Geschehnisse in der virtuellen Welt als um ihr Kind. Oft habe das Baby nur einmal am Tag etwas zum Essen bekommen und die meiste Zeit vor Hunger geschrien, wie die Polizei mitteilte.
Das Paar hatte kein festes Einkommen und war finanziell abhängig von den Eltern der Frau. Möglicherweise war das Eintauchen in die Internetspielewelt eine Möglichkeit, so spekuliert die Polizei, die Alltagsnöte und ihre Verantwortung als Eltern zu verdrängen – tatsächlich scheinen die beiden völlig überfordert gewesen zu sein. Wie sich nämlich herausstellte, hatten die beiden die meiste Zeit ausgerechnet mit dem Rollenspiel Prius Online verbracht, wo sie ein virtuelles Mädchen namens Anima groß zogen. Die Spieler müssen Kleider und andere Dinge für die Kinder kaufen und einen Blog über die Erziehung der Kinder schreiben. Je enger die Verbindung mit Anima werden, desto besser entwickelt sie sich und kann dann ihrerseits ihre Beschützer vor Gefahren der Spielewelt schützen.
Paradox, aber vielleicht bezeichnend ist schon, dass das Paar die Fürsorge für ihr eigenes Kind aus Fleisch und Blut durch die für eine vorgegebene, nicht von ihnen geschaffene Figur ersetzt haben – und dies tödliche Folgen für das wirkliche Kind hat. Das aber könnte gegenüber den virtuellen Spielewelten den Nachteil haben, dass es zwar – langsam – heranwächst, wenn man sich ihm widmet, aber natürlich nicht so konsequent auf die "Zuneigung" reagiert und vor allem nicht die eigene Position verbessert. Zudem kann man nicht, wann man will, die Fürsorge an- und abschalten. Das Spielen ist doch einfacher und abenteuerlicher als die Wirklichkeit, in der aber auch wirklich und endgültig gestorben wird.
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