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"Zweimal Hausaufgaben nicht gemacht, Kindergeld um 50 Prozent gekürzt"

Thilo Sarrazin und das Kindergeld als Turbo-Enhancer für die sinkende Anstrengungsbereitschaft

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Es muss sich um eine Art Ekstase handeln. Die Sozialstaats-Debatte beflügelt Politiker derzeit zum Klartext: Sagen, was alle denken, sich aber keiner zu sagen traut. Westerwelle hats vorgemacht. In den letzten Jahren standen Politiker ja eher im Generalverdacht, dass sie mit Floskeln nichts sagen, um niemanden zu verprellen. Das ist jetzt anders: geistig-moralische Wendezeiten.

Der Sozialdemokrat und Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin behaut schon seit längerem das Klartext-Holz und hat sich daraus ein hübsch markiges Profil gezimmert (siehe Sarrazin nicht allein zu Haus), das ihn zum begehrten Animateur von Diskussionsveranstaltungen macht. Auf einer solchen Veranstaltung in Wiesbaden hat er nun eine neue Kerbe gesetzt, es geht - wie meist bei der Sozialstaats-Debatte -, um die sinkende Anstrengungsbereitschaft, die recht einseitig in der Alltagskultur der unteren Schichten ausgemacht wird (Stichwort: "anstrengungsloser Wohlstand"). Man muss gegen dieses Übel früh genug, an der Wurzel schon, ansetzen, so der erste Sinn der Sarrazinschen Phrase, die heute überall zitiert wird:

"Zweimal Hausaufgaben nicht gemacht, Kindergeld um 50 Prozent gekürzt. Was meinen sie, was auf einmal die Hausaufgaben gemacht werden."

Eltern aller Klassen wissen, dass es in dieser Sache kein Patentrezept gibt, Buchautoren und das Gespräch unter Eltern leben von Tipps zum Thema. Und Schüler wussten schon vor 40 Jahren, wie sie die tägliche Hausaufgabenkontrolle in der Schule, die Sarrazin fordert, austricksen können, eine Praxis, die nur von einem bornierten Standpunkt aus mit Faulheit oder Desinteresse an Bildung gleichzusetzen ist. Die Wirklichkeit fügt sich solchen Oberschenkel-Klatscher-Auflösungen - "Was meinen sie, was auf einmal die Hausaufgaben gemacht werden" - nicht.

Das müsste auch Sarrazin wissen, der doch mit seinen Äußerungen darauf setzt, dass er der bürokratisch-abstrakten Politik der Korrektheit den gesunden Menschenverstand entgegensetzt - das richtige Wissen darüber, wie sich die Wirklichkeit gegenüber den verweichlichten sozialstaatlichen Regelungen ausnimmt (Stichwort: "dicker Pullover im Winter"). Wenn also auch Sarrazin selbst klar sein müsste, dass durch die Androhung des Kindergeldentzugs, die auf Eltern gerichtet ist, damit sie den Druck weitergeben, nicht notwendigerweise der gewünschte Effekt eintritt, so bleibt als Hauptmotiv die ressentimentgeladene Stimmungsmache gegen leistungsverweigende "Sozialschmarotzer", das den zweiten, echten, Sinn der Sarrazinschen Phrase ergibt. Billige Kost.

Doch könnte man die beiden Bereiche Bildung und Kindergeld tatsächlich in einen Zusammenhang bringen. Es ist im Sinne der sozialen Gerechtigkeit nicht verständlich, warum Empfänger von Hartz-IV-Leistungen beim Kindergeld benachteiligt werden und Begüterten Staatsgeschenke zukommen, die sie ab einem gewissen Einkommen nicht nötig haben: 184 Euro monatlich für erste und zweite Kind, für das dritte 190 Euro, für das vierte und jedes weitere 215 Euro sind ihnen bis zu einem versteuernden Jahreseinkommen von 63 391 Euro sicher. Liegt das Einkommen höher, kommt nach einer "Günstigerprüfung" durch das Finanzamt der Steuerfreibetrag in Höhe von 7008 Euro zur Geltung.

Gutes Geld, das auch Villenbesitzern mit weitaus höherem Einkommen als 63 391 Euro, ob sie es denn brauchen oder nicht, in den Schoß fällt und Bildungseinrichtungen, die es nötiger haben, zugute kommen könnte. Doch scheint es sich hier um ein Tabu in der Sozialstaats-Debatte zu handeln, das weniger Ekstase und dafür mächtigen Widerstand verspricht.

http://www.heise.de/tp/blogs/6/147229
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