Merkel in Gefahr?
Heute abend bekommt der dänische Mohammed-Karikaturist Kurt Westergaard einen Medienpreis von der Kanzlerin verliehen - Islamkenner und Feuilletonjournalisten befürchten unabsehbare Folgen des Fototermins
Der M100-Sanssouci-Medienpreis ist laut Veranstalter ein symbolischer Preis. Seine besondere Aufmerksamkeit in diesem Jahr erhält er dadurch, dass er, was das Leben des Preisträgers betrifft, mit dem Preis in Konkurrenz steht, der nach Medien-Angaben auf dessen Kopf ausgesetzt ist. Der Nachfolger der vorangegangenen Preisträger Norman Foster, Bob Geldof oder Hans-Dietrich Genscher heißt Kurt Westergaard. Er ist der Zeichner der wohl berühmtesten Mohammed-Karikatur: Sie zeigt den Propheten mit einer Bombe als Turban. Die Zeichnung war Teil einer Serie von Karikaturen, die im September 2005 in der Zeitung Jyllands-Posten erschienen und Monate später den sogenannten "Karikaturen-Streit" entfachten (siehe Die "Ragemachine" läuft und läuft).
Mordanschläge - Die Folgen einer Zeichnung
Dass der Aufruf irrer Fanatiker zum Mord am Zeichner Westergaard keine bloße Symbolpolitik ist, sondern tatsächlich verblendete Erfüllungsgehilfen auf den Plan ruft, bestätigte sich erst zu Anfang dieses Jahres. Ein somalischer Islamist versuchte, Westergaard mit einer Axt in dessen Haus zu töten (siehe Islamisten vergeben nicht). Nicht der einzige Anschlagversuch. Nach wie vor soll Westergaard Drohungen erhalten. Der Däne selbst zeigt sich in seiner Haltung unbeirrt. Als sich in diesem Februar die Zeitung Politiken für die Wiederveröffentlichung seiner und anderer Karikaturen bei einer Gruppierung namens "Nachfolger des Propheten Mohammed" entschuldigte, bezeichnete Westergaard diesen Akt unmissverständlich als "Kniefall vor dem Islamismus". "Ich bin zu alt und zu starrköpfig, um mich noch zu beugen", wird er von der Welt zitiert:
"Fanatiker haben mich bedroht und zum Tode verurteilt, nur weil ich meine Arbeit getan und dänische Grundwerte verteidigt habe."
Merkels Risiko - unabsehbare Folgen eines Fotos
Für "Verdienste um den Schutz der freien Meinungsäußerung und die Vertiefung der Demokratie in Europa" wird Westergaard heute Abend mit dem Medienpreis ausgezeichnet. Wie verschiedene deutsche Zeitungen aktuell hinweisen, besteht auch für die Bundeskanzlerin, die den Preis überreichen wird, ein gewisses Risiko. Die SZ zitiert dazu einen Islamwissenschaftler aus Berlin:
"Es ist die Frage, wie das verstanden wird. Es könnte bei Muslimen Unmut auslösen, wenn dieser Auftritt als öffentliche Unterstützung für islamfeindliche Äußerungen gewertet wird."
Entscheidend sei, ob arabische Medien die Preisverleihung verfolgen würden. Bislang hält sich das internationale Medienecho in Grenzen. Al Jazeera berichtet noch nicht; die Hindustan Times, RFE/RL und der iranische Fernsehsender Press.TV dagegen schon. Der Fernsehsender stellt Merkel in der Überschrift heraus, bezeichnet die Zeichnungen als "blasphemisch", wohingegen die Reaktionen der Fanatiker beschönigend in der Gemeinschaft der Muslime untergehen und ihre Forderungen verharmlosend als Bestrafung bezeichnet werden:
"The move by Western media sparked anger among Muslims across the globe, provoking mass protests by the community who demanded Westergaard be punished."
Demgegenüber stellt die FAZ das Risiko und den Mut Merkels heraus. Der Akt der Auszeichnung habe geschichtliche Dimensionen: "der heutige Tag (ist) ein historisches Datum". Das Foto mit Westergaard und Merkel werde um die Welt gehen, die Folgen seien "unabsehbar". Umso größer die symbolische Bedeutung:
"Die Entscheidung der Bundeskanzlerin, Westergaard zu ehren und an seiner Seite fotografiert zu werden, reicht in ihrer symbolischen Bedeutung weit über den Tag hinaus. Es ist ein Tag für die Geschichtsbücher. Angela Merkel setzt heute einen der Akzente ihrer Kanzlerschaft und tut es in einer Zeit, in der sich die Zeichen starker kultureller Spannungen selbst im Alltag aufdrängen."
Dunkle Stelle auf der Stirn
Möglicherweise wird hier die historische Bedeutung des Galaabends ein wenig karikiert, ob die Angst vor hysterischen, fanatischen Reaktionen übertrieben ist, lässt sich im derzeit aufgeheizten Klima, wenn es um Islam und Kultur geht, schwer sagen. Dass dabei schräge Details mit unfreiwilliger Komik zum Symbol aufgewertet werden, dokumentiert der FAZ-Artikel selbst. Darin identifiziert der Autor Insassen eines Kleinbusses in Frankfurt als Islamisten - u.a. durch eine dunkle Stelle auf der Stirn:
"Drin saßen ein halbes Dutzend Islamisten, die wirklich alles taten, damit man sie auch ja als solche erkennt: weißes Gewand, weiße Kappe, Bart, so gut er wächst, und auf der Stirn diese dunkle Stelle, die entsteht, wenn die Haut sich sehr oft am Gebetsteppich reibt. Ich fuhr in der Spur zu ihrer Linken und sah, dass sie sich köstlich amüsierten..." (Weiter hier)
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