Kulturpessimisten aller Länder ...
Chinesische Bildungspolitiker machen sich Sorgen um den Fortbestand der Schreibkunst im Computerzeitalter
Schreiben ist eine so selbstverständliche Kulturtechnik, dass die meisten Erwachsenen längst vergessen haben, welche Mühen es ihnen einst als Kind bereitete, ihre Feinmotorik entsprechend zu formen. Ein neuer, seit einigen Monaten in Hamburg tobender Schulkampf um die beste Lehrmethode, ruft manchem das Problem in Erinnerung.
Dabei haben es hierzulande die ABC-Schützen noch vergleichsweise einfach. Anderswo wie in Japan müssen neben den paar lateinischen auch noch die Buchstaben zweier anderer Systeme und zudem Tausende von Schriftzeichen gelernt werden.
Im benachbarten China hat zwar eine große Reform etwas mehr Übersichtlichkeit gebracht, aber der erneuerte Standard umfasst noch immer mehrere Tausend Zeichen. Rund 2400 davon sind notwendig, um 98 Prozent eines durchschnittlichen chinesischen Textes zu verstehen, heißt es in einem 2007 erschienenen Chinesisch-Wörterbuch.
Diese auf einer normalen PC-Tastatur unterzubringen, war eine gewisse Kunst, die bereits in den 1990ern gemeistert wurde und nun von mehreren Hundertmillionen chinesischen Internetnutzern begeistert angewendet wird. Und nicht nur im Netz: Wie wohl inzwischen fast überall in den Industrie- und Schwellenländern ist der Rechner und somit auch das Erstellen von Texten am Bildschirm inzwischen im Land der Mitte allgegenwärtig, auch in den Schulen und Kinderzimmern der Mittelschicht.
Das Ergebnis: Die Handschrift droht in Vergessenheit zu geraten, oder genauer: die Fähigkeit, die Schriftzeichen mit der Hand zu schreiben. Wobei man beim letzteren noch unterscheiden muss, denn in China wird traditionell auch der Kalligrafie ein besonderes Gewicht beigemessen, weil die chinesischen Schriftzeichen bis in die jüngste Vergangenheit mit Pinseln geschrieben wurden.
Diese Fertigkeit scheint besonders auf dem Rückzug zu sein. Die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua berichtet, dass immer mehr Schüler Schwierigkeiten mit der Handschrift hätten. Das Erziehungsministerium in Beijing (Peking) habe daher angeordnet, dass von der dritten bis zur sechsten Klasse in allen Schulen einmal die Woche Kalligrafie unterrichtet werden soll.
Der Schreiber des Berichts hebt die persönlichkeitsbildende Rolle der Kalligrafie hervor - die in dieser Beziehung keinesfalls mit der disziplinierenden Rolle der deutschen Schönschrift zu vergleichen ist -, aber zeigt sich eher pessimistisch. Der Druck auf den einzelnen Schüler sei zu groß, als dass er die Muße, Ruhe und Zeit dafür finden könnte, sich dieser Kunst wirklich hinzugeben.
Darstellungsbreite ändern
Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.
