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Nachrichten aus Kultur und Medien

Drogenpolitik Links - bitte nicht zu liberal!

Ein Zwischenruf zur Berichterstattung über den Parteitag der Linken

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Dass die amtliche Unterscheidung zwischen sogenannten weichen und harten Drogen willkürlich ist, haben lebenserfahrene Leute am letzten Wochenende dem Parteitag der Linken nahezulegen versucht. Das Echo von Medienvertretern - auch von solchen, die den Piraten oder den Grünen nahestehen - spricht Bände.

Ob der Medienschelte bewerkstelligte das Establishment der Partei noch am Abend eine Zähmung der ziemlich lautlos verabschiedeten Vorschläge von linken Drogenexperten (und auch beim Thema "Soldateneinsätze" sorgte der ehemalige Sozialdemokrat Oskar Lafontaine höchstpersönlich für den Erhalt einer Gesprächsbrücke zu den vier bürgerlichen Parteien).

Solange man das mehr oder weniger gelegentliche Kiffen von modernen Kommunikationstechnologienutzern und ökologisch wachen Bürgern verteidigt, geht noch alles in Ordnung. Doch wehe dem, der sich mit den Outsidern und Gestrandeten solidarisiert. So weit will man denn doch nicht sinken. "Ich danke, dir lieber Gott", heißt es im Lukas-Evangelium (Kapitel 18, Vers 11), "dass ich nicht so - tief unten - bin wie jener da".

Gerne hätte man, dass der stalinistische Charakter der "Linken" noch etwas offener zutage träte. Da sind libertäre drogenpolitische Anwandlungen von halbwegs orthodoxen Marxisten nicht gerade hilfreich. Aber immerhin, man muss bei der Thematisierung solcher exotischen Punkte im Parteiprogramm der Linken sich nicht mit einer rationalen Kritik der ökonomischen Widersprüche belasten, wie sie jedem denkenden Menschen seit rund 160 Jahren grundsätzlich offen steht.

Dass der gesellschaftliche Leidenshaushalt infolge von Alkoholkrankheit das Ausmaß der individuellen und sozialen Zerstörungsfolgen des illegalisierten Rauschmittelkonsums um ein Vielfaches übersteigt, kann man mit lässiger Handbewegung ignorieren. Dafür gibt es einen breiten gesellschaftlichen Konsens und eine allgegenwärtige Kultur der Sprachlosigkeit. Als aufgeklärter Mensch weiß man natürlich auch, dass die selektive Kriminalisierung von Cannabis-Gebrauch einer rationalen - d.h. pharmakologischen - Überprüfung im Vergleich mit Alkohol nicht standhalten kann.

Aber einige Drogensünder braucht man schon, um die Rauschkultur des durchschnittlichen oder zumindest halbwegs integrierten Bürgers verteidigen zu können. Zum Beispiel Opiat-Konsumenten. Soweit ich es beurteilen kann, zeichnen sich Opiate durch eine besonders hohe Übereinstimmung mit eigenen biochemischen Troststoffen im Körperhaushalt unserer Spezies aus. Einer meiner ehemaligen Klienten bekannte, dass ihm durch Heroin-Konsum zum ersten Mal in seinem Leben das Gefühl vermittelt worden sei, alles sei irgendwie in Ordnung, auch er selbst.

Gegenüber einer süchtigen virtuellen Geldvermehrungssucht haben Opiat-Konsumenten aus meiner Sicht die besseren biochemischen und sozialverträglichen Argumente auf ihrer Seite. – Opiate zeichnen sich, gerade weil sie eine so unschlagbar gute Antwort auf bestimmte Lebensverwundungen (z.B. sexualisierte Gewalterfahrungen) und auf unsere unheilbare menschliche Glückseligkeitssucht parat haben, durch ein hohes Suchtpotential aus. Man sollte, so rate ich jedem Mitmenschen, unbedingt die Finger davon lassen.

Fest steht indessen, dass ein Konsument von reinen - und unter sauberen Bedingungen konsumierten - Opiaten hundert Jahre alt werden kann, ohne sein physisches Dasein zu gefährden oder seine Mitmenschen in ihren Rechten zu beeinträchtigen. Alle gravierenden negativen Folgeerscheinungen, über die wir gesellschaftlich diskutieren, sind Folgen einer Kriminalisierung von Opiat-Gebrauchern, die einen Drogenmarkt am Laufen erhält, der astronomische Profite zugunsten von Kriegssystemen und Mafiastrukturen abwirft (den westlichen Besatzungsmächten in Afghanistan schulden die Profiteure unendlichen Dank).

Der von mir zitierte Klient, der auch im 50. Lebensjahr von seinem Opiatkonsum nicht ablassen wollte, wurde zuletzt von einem autoritären Richter zu einer Gefängnishaft verurteilt. Direkt nach seiner Haftentlassung konsumierte er zu hoch konzentriertes Heroin vom kriminalisierten Markt. Danach war er tot. Eigentlich ein ganz "gewöhnliches" Schicksal. Aber was geht das uns an?

Im Übrigen habe ich während meiner beruflichen Tätigkeit als "psycho-sozialer Begleiter" von Konsumenten illegalisierter Drogen einen interessanten Einspruch des damaligen Düsseldorfer Polizeipräsenten Michael Dybowski (CDU) gehört, eines "Ordnungsvertreters", dem ich damals zumindest die besten Tugenden des Bürgertums zutraute. Dybowski nämlich fragte auf einer lokalen Fachkonferenz, ob die real existierende Kriminalisierung und Verfolgung von Opiat-Konsumenten - samt ihren Leidensfolgen - wirklich grundgesetzkonform seien. Sein Beitrag ließ nur einen Schluss zu: sie sind es nicht. Die Beweislast liegt auf der Gegenseite.

Peter Bürger

http://www.heise.de/tp/blogs/6/150687
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