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"Unerträgliche Filmblasphemie"

Der Anti-Pornograph Ulrich Seidl wurde von einem Katholiken wegen Gefühlsverletzung angezeigt

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Vor zehn Jahren wurde der österreichische Regisseur Ulrich Seidl mit seinem Film Hundstage berühmt. Rüdiger Suchsland befand in Telepolis über ihn: "Für die einen ist Seidls Werk geniale Kunst, für andere menschenverachtendes Depressionskino." Oder beides gleichzeitig, möchte man hinzufügen, denn das muss sich ja nicht ausschließen. Seidl schuf – wenn man so will – in noch weitaus größerem Ausmaß als John Waters – eine Art Anti-Pornographie: Sex-Szenen die so abstoßend und so trist inszeniert sind, dass sie eine eindeutig triebverringernde Wirkung haben. Dieser Handschrift blieb der Regisseur auch mit Nachfolgewerken wie Import/Export oder Paradies: Liebe treu.

Letzterer ist der Beginn einer geplanten Trilogie über "Glaube, Liebe und Triebe". Den zweiten Teil dieser Reihe, Paradies: Glaube, stellte Seidl am 31. August bei den Filmfestspielen in Venedig vor. In ihm spielt die aus Hundstage bekannte Maria Hofstätter eine fanatische Katholikin, die mit einer riesigen Marienstatue bei fremden Leuten einfällt und diese missionieren will, wobei sie sich deutlich aufdringlicher verhält als Zeugen Jehovas, Mormonen oder Evangelikale. In einer Szene des Film masturbiert sie mit einem Kruzifix.

Das erregte den italienischen Rechtsanwalt Pietro Guerini offenbar so sehr, dass er über die von ihm gegründete und geleitete Anti-Abtreibungs-Lobbyorganisation NO194 bei der Staatsanwaltschaft von Venedig Anzeige erstattete, weil Seidl seiner Ansicht nach damit "zwei Milliarden Christen auf der Welt beleidigt, für die das Kreuz ein Symbol ihrer Religion ist".

Dass er mit der Anzeige die Bekanntheit des Films und die Zuschauernachfrage deutlich steigern dürfte, hat Guerini nach eigenen Angaben einkalkuliert. Allerdings hofft er auf eine Strafe, die so hart ausfällt, dass sie "andere [davon] abhalten wird, die katholische Religion zu beleidigen". Außerdem will er den Regisseur, das Filmteam und die Festivalleitung auch zivilrechtlich belangen und Schadenersatz für verletzte Gefühle von sich und Dritten kassieren. Dafür in Frage kommen könnte zum Beispiel Souad Sbai, ein Rezensent des Portals Il Sussidiario, den der "Nihilismus" des Films an nichts weniger als Anders Breivik erinnert. Oder die Organisation Militia Christi, die von "unerträglicher Filmblasphemie" spricht.

http://www.heise.de/tp/blogs/6/152741
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