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Nachrichten aus Kultur und Medien

Selbstmörder-Verschwörungstheoretiker

Leyendecker hält Uwe Barschels Tod noch immer für Sterbehilfe

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Kurz, nachdem vor genau 25 Jahren die Leiche des vormaligen Ministerpräsidenten Uwe Barschel von Journalisten bekleidet in einer Badewanne aufgefunden worden war, wurde von führenden Medien die Interpretation "Selbstmord" ausgegeben. Der ehrgeizige Politiker sei gescheitert und habe keinen anderen Ausweg mehr gesehen. Auch den Schweizer Behörden war schnell signalisiert worden, dass man an anderen Ergebnissen als Freitod nicht sonderlich interessiert sei. Ein Großteil der Öffentlichkeit begnügte sich mit einem ausgerechnet auf den schillernden Reiner Pfeiffer zurückgehenden Hinweis auf eine Suizidanleitung, bei der eine Badewanne benutzt werde. Anders als bei Barschel tritt hierbei jedoch der Tod nicht durch Medikamente ein, sondern durch Ertrinken, wenn der betäubte Körper durch Eigengewicht mit dem Kopf unter die Wasseroberfläche gleitet. Auch ist es bei Suiziden ungewöhnlich, dass die tödliche Substanz rektal verabreicht wird, wie es offenbar in Genf der Fall war.

Die allgemeine Bewertung des ominösen Sachverhalts geriet jedoch ins Wanken, als die Lübecker Staatsanwaltschaft ab 1994 den Fall neu aufrollte. 1996 erkundigte sich der damals für den SPIEGEL arbeitende Investigativ-Journalist Hans Leyendecker, der bei einem nicht für Pressekommunikation zuständigen Lübecker Staatsanwalt anrief und fragte suggestiv: „Wollt ihr etwa eine neue Front gegenüber dem BND aufmachen?“ Der damalige Leitende Oberstaatsanwalt Heinrich Wille kommentiert in seinem 2011 erschienenen Buch „Der Mord, der keiner sein durfte“, er habe bei Leyendecker einen “nachrichtendienstlichen Hintergrund“ in Betracht gezogen. Zum 10. Jahrestag schrieb der zur Süddeutschen Zeitung gewechselte Journalist, ein Mord sei „absurd“, Uwe Barschel habe einen solchen „inszeniert“. Barschels Ableben erschien allerdings kaum als typischer Mord, die „Inszenierung“ wäre sehr schwach gewesen.

Leyendecker wurde nicht müde, seine Deutungshoheit im Barschelfall zu verteidigen. Als klar wurde, dass Barschel kaum ohne fremdes Zutun in der geschehenen Weise gestorben sein könne, etwa wegen fehlender Medikamentenpackungen, ersann der Journalist und Küchenpsychologe eine Verschwörungstheorie eines mobilen Sterbehelfers. Das Anbehalten der Kleidung sei der Versuch, Würde zu bewahren. Warum auf die Schuhe verzichtet wurde und was es mit Würde zu tun hat, in einer Hotelzimmerbadewanne ohne geharnischten Abschiedsbrief gegen seine verhassten Gegner zu sterben, bleibt jedoch rätselhaft. Ebenso wenig machte es Sinn, jenes Whiskey-Fläschchen auszuwaschen, was eher für den Versuch einer Spurenbeseitigung spricht. Wille jedoch kann sich nur schwer vorstellen, dass ein solcher Sterbehelfer so kurzfristig nach Genf hätte organisiert werden können. Zum 20. Jahrestag gab Leyendecker ein Interview, in dem er „Verschwörungstheorien“ über Mord als Bedienung sensationsgierigen Publikums bewertete und Skeptiker lächerlich machte. Wille sei nicht „ergebnisoffen“ und ein „Überzeugungstäter“ und spottete 2010 über „alte Männer auf Mördersuche“. Außerdem habe die so gut informierte Stasi doch alles aufgeschrieben, da hätte man längst etwas finden müssen. Den Umstand, dass das MfS damals im Gegenteil eine Untersuchung durchführte, um die Vorgänge in Genf zu ergründen, unterschlug der legendäre Journalist.

Zum 25. Jahrestag nun haben etliche Medien ihre Bewertung geändert. Während DIE ZEIT ein überzeugendes Mordmotiv vermisst (siehe jedoch hier), enthält sich inzwischen sich DER SPIEGEL einer Bewertung. Der konservative Historiker Guido Knopp des eher staatstragenden ZDF tendiert offenbar zur Mordthese. Die meisten Medien orientieren sich nunmehr an Wille.

Heute nun hat Leyendecker noch einmal nachgelegt. Die Tatsache, dass erst vor Kurzem ein an Barschel gefundenes Haar aus der Asservatenkammer unerklärlich verschwand, erwähnt er nicht einmal. Stattdessen verkündet der Journalist, „Selbstmord oder Sterbehilfe taugten nicht für einen Mythos“. Auch bräuchten Verschwörungstheoretiker den „ewigen Thrill“.

http://www.heise.de/tp/blogs/6/152963
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