Die geheime zweite Kubakrise
Über Hundert geheime taktische Atomwaffen verblieben 1962 zunächst auf Kuba
Die Welt hatte am 27.10.1962, dem "Schwarzen Samstag", gerade ihren bisher gefährlichsten Tag erlebt. Ein B 52 Stratofortress-Bomber hatte gegen Mittag US-amerikanischer Ortszeit eine Atombombe über dem Johnston Atoll zu Testzwecken abgeworfen, während auf der anderen Seite des Globus in Europa US-Bomber nicht nur mit konventionellen Atomwaffen, sondern erstmals auch mit scharfen Wasserstoffbomben bestückt wurden. Auf den einsitzig geflogenen F 100 Super Sabre-Bombern bekamen einzelne Piloten sogar die Macht über Nuklearwaffen, die mehrere Hundert Mal stärker waren, als die vergleichsweise einfachen Atombomben der sowjetischen Iljushin 28-Piloten. Vorgesehene elektronische Sicherheitsvorkehrungen, die Eigenmächtigkeiten von Piloten hätten ausschließen sollen, waren noch nicht einsatzbereit. Ausgerechnet an diesem Tag verirrte sich ein U2-Pilot aufgrund von nordlichtbedingten Navigationsproblemen versehentlich in den sowjetischen Luftraum, woraufhin ihn sechs russische Jäger mit Abschussbefehl verfolgten. Gleichzeitig schossen auf Kuba zwei sowjetische Generäle ohne Absegnung Moskaus eine ebenfalls überfliegende U2 mit Boden-Luft-Raketen ab, was den Pilot das Leben kostete. Auch die Sowjets führten an diesem Tag einen planmäßigen atmosphärischen Atomwaffentest durch. Ein Jahr zuvor hatten sie (während der Berlin-Krise) die größte Bombe überhaupt getestet.
Aufgrund der kurzfristigen Einigung zwischen dem Weißen Haus und dem Kreml wurden die 42 strategischen Mittelstreckenraketen, von denen die USA allerdings nur 36 entdeckt hatten, wieder abgebaut und deren Rückverschiffung eingeleitet. Jedoch verblieben über 100 taktische Nuklearwaffen, welche die USA fast vollständig übersehen hatten, und über die daher nicht verhandelt worden war. Letztes Jahr berichtete die Archivarin Svetlana Savranskaya Hintergründe, warum die Sowjets diese geheimen taktischen Waffen nicht gleichzeitig mit den strategischen Mittelstreckenraketen abzogen.
Über den Verbleib dieser zur Verteidigung gedachten Waffensysteme, die im Falle einer US-Invasion über 100.000 Soldaten das Leben gekostet hätten, gab es intern zunächst keine Entscheidung. In den täglichen Telegrammen zwischen Chruschtschow und dem auf Kuba befindlichen Anastas Mikojan, Moskaus damals zweitmächtigstem Mann, wurden die taktischen Waffen mit keinem Wort angesprochen. Möglicherweise war Chruschtschow der nicht geregelte Verbleib der Kernwaffen gar nicht bewusst. Auch Mikojan erwähnte das Thema nicht, vielleicht deshalb, um das Risiko auszuschließen, dass eine Konversation über das damals wohl brisanteste Staatsgeheimnis hätte abgehört werden können. Der heimliche Verbleib von Atomwaffen war genau das Szenario, welches der aggressive Air Force-Kommandant General LeMay befürchtete und daher nach wie vor auf einen Angriff drängte. Die höchste Alarmstufe unterhalb eines Atomkriegs, DEFCON 2, wurde erst am 20.11.1962 aufgehoben. Der von Anfang an zum Angriff ratende Vereinigte Generalstab fühlte sich von der Politik "verladen", wie es Admiral Anderson ausdrückte.
Nach dem Rückzieher Chruschtschows waren die Beziehungen zwischen Castro und seinen russischen Gästen gespannt. Der tief enttäuschte Revolutionsführer bedachte Chruschtschow mit wüsten Beleidigungen und weigerte sich mehrere Tage, Mikojan überhaupt zu empfangen. Mikojan plante, Castro die taktischen Nuklearwaffen anzubieten, um ihm das zwischen den Supermächten erzielte Abkommen schmackhaft zu machen. Auch Castro verlangte deren Verbleib, sowie die Ausbildung seiner Streitkräfte in der Bedienung. Tatsächlich wären die Kernwaffen die einzige erfolgversprechende Abwehrstrategie gegen das US-Militär gewesen. Nach wie vor plante man im Pentagon einen massiven konventionellen Luftschlag, dem das kubanische Militär nichts hätte entgegen setzen können. Statt Deeskalation ordnete der stolze Revolutionär den Beschuss tieffliegender US-Spionageflugzeuge an, welche den zwischen den Supermächten vereinbarten Abzug der strategischen Raketen überwachen sollten. Castro persönlich war an einen Stützpunkt gereist, von dem aus ein erwartetes US-Flugzeug hätte abgeschossen werden sollen. Die Aggressivität Castros, der seinem Credo "Vaterland oder Tod" folgte und die beigelegte Krise hätte neu entfachen können, beunruhigte Mikojan. Ein eigenmächtiger atomarer Angriff etwa auf den US-Stützpunkt Guantánamo hätte den Weltfrieden gefährdet.
Mikojan entschied schließlich selbst, dass die taktischen Kernwaffen nicht in temperamentvolle kubanische Hände geraten sollten. Er behauptete am 22.11.1962 gegenüber Castro die Existenz eines "geheimem Gesetzes", das es verbiete, atomare Waffen an Dritte weiter zu geben. Castros Wünschen, das in Wirklichkeit frei erfundene Gesetz möge geändert werden, vermochte der Diplomat natürlich nicht zu entsprechen. Ein Widerstand Castros, der sich verraten fühlte, hätte den Abzug erschwert und ggf. den bislang geheimen Verbleib der Waffen auf Kuba offenbart. Im Dezember 1962 waren schließlich alle Nuklearwaffen von Kuba wieder in die Sowjetunion verschifft worden.
Am 10.12.1962 schlug Chruschtschow Kennedy in einem Brief vor, weltweit sämtliche Nuklearwaffen bis zum Ende von Kennedys zweiter Amtszeit abzubauen. Die Parteien verständigten sich auf einen Vertrag zur Beendigung von Kernwaffentests in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser, der am 10.10.1963 in Kraft trat. Am 22.11.1963 wurde Kennedy unter mysteriösen Umständen getötet.
UPDATE (29.10.2012): Heute wurden zu diesem Thema neue Dokumente veröffentlicht.
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