Papst als Flüstertüte
Jesusbuch, Teil 3: Andacht statt Aufklärung
Israels Botschafter beim Heiligen Stuhl, Mordechai Levy, rühmte vor anderthalb Jahren den Papst als "Megaphon" (neudeutsch: Flüstertüte). Da war gerade Benedikts Jesusbuch, Teil 2, herausgekommen. Grund für die Hype war nur ein Satz in dem papalen Werk: "Die Kirche muss sich nicht um die Bekehrung der Juden bemühen, da der von Gott dafür festgesetzte Zeitpunkt ... abgewartet werden muss."
Die katholische Kirche hatte in der Missionierungsfrage scheinbar eingelenkt. In Israel sah man das offenbar als theologisch-politischen Heilsakt an. Auch werde, so Levy, die Behauptung einer Kollektivschuld der Juden am Tod Jesu in Benedikts Buch endlich zurückgewiesen. Dabei war der bejubelte Satz gar nicht sehr originell. Benedikt seinerseits hatte hier bloß die Theologin Hildegard Brem zitiert.
Zurück in die Kindheit
Nach so viel Lob erwartete eine geplagte Welt den dritten Band der päpstlichen Jesus-Trilogie mit Spannung. Jetzt, zufällig zur Vorweihnachtszeit, ist er erschienen: Joseph Ratzinger alias Benedikt XVI. nennt ihn: "Jesus von Nazareth: Prolog - Die Kindheitsgeschichten". Für 20 Euro gibt es 170 Seiten über die Kindheit Jesu. Vom römischen Verlagshaus Rizzoli war das Vergnügen schon zur Frankfurter Buchmesse angekündigt worden.
Verlegerisch aber kein Kinderspiel: Vorgesehen sind mindestens Übersetzungen in 20 Sprachen. Die Startauflage in dieser Woche: 1 Million. Allein die deutsche Ausgabe zählt 100.000. Angeblich gibt es weltweit bereits Vorbestellungen für 1,2 Millionen Exemplare. Da kratzt sich so mancher kleine Sachbuchautor am Kopf.
Salonfähige Magier, vergessene Konquistadoren
Ausgiebig handelt der Pontifex über die Magier, die sog. Heiligen drei Könige. Sie stünden für den "Aufbruch der Menschheit auf Christus hin", für die "Bewegung der Religionen." Aber hier irrt der Meister: Die Bibel selbst zeigt in keiner Weise, dass die Magier aus dem Osten für die gesamte Menschheit stehen. Auch heilsgeschichtlich gesehen, sind die Magier eher von zweifelhaftem Wert. Durch sie erfährt Herodes überhaupt erst von dem messianischen Kind – worauf hin er seine eigene Regentschaft in Gefahr sieht und düstere Mordpläne schmiedet. Die Zahl der reisenden Sterndeuter bleibt dabei gänzlich offen.
Der wichtigste Satz in Ratzingers Buch kommt eher unauffällig daher. Er hat mit dem Reich Gottes zu tun. Manchmal, so der Autor, ziehen die "Mächtigen dieser Welt" dieses Reich "an sich". Wie wahr. Jetzt endlich hätte man gern mehr Konkretes. Was ist "das Reich", und wieso versteht die Welt was Bestimmtes darunter? Aber leider, dabei bleibt’s.
Historisch Genaueres erfährt der Leser nicht. Will er womöglich auch gar nicht, jetzt, wo alle Glocken klingen. Weder wird hier die geistlich-weltliche Herrschsucht aus unseligen Jahrhunderten zum Thema, noch die brutalen Missionierungsmethoden der Konquistadoren, noch etwa der klerikale Pakt mit Mussolini oder die fatale Liaison des Vatikans mit Adolf Hitler und seinen Schergen im Reichskonkordat von 1933.
Derlei Erinnerungen wären dem vorweihnachtlichen Gesäusel wohl auch nicht dienlich.
Darstellungsbreite ändern
Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.




