Nachfolger der Videospiele?
Menschen mit Asperger-Syndrom ärgern sich über die Berichterstattung zum Newtown-Grundschulmörder
Adam Lanza, der Massenmörder von Newtown, wurde US-Medien, die Personen aus Umfeld befragten, am Freitag und Samstag unter anderem als Spross reicher Eltern, als Scheidungskind, als unauffällig, als jemand, der auffiel, weil er seine Schulbücher statt in einem Rucksack in einer Aktentasche transportierte, als "ruhig", als "sehr schlau", als "sonderbar", als "verhaltensgestört" und als "autistisch" beschrieben. Weil nichts Konkretes über ein Motiv seiner Tat bekannt war, setzte ein Mechanismus ein, der aus vergangenen Jahrzehnten bekannt ist: Die Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf einen einzigen Aspekt.
In der Vergangenheit waren das häufig Bestandteile des Medienkonsums eines Täters: Heavy Metal, Horrorfilme und "Killerspiele". In den Tagen und Wochen darauf erschienen dann Artikel und Fernsehberichte über diese Phänomene, die es auch ohne Kausalkette schafften, Bezüge zur Tat herzustellen. Nach dem Newtown-Grundschulmassaker erschienen im Spiegel und in anderen Medien keine Artikel über Scheidungskinder oder Aktentaschenträger, sondern über Menschen mit Asperger-Syndrom.
Asperger gilt als sehr milde Form von Autismus. So mild, dass die meisten Menschen damit ein recht normales Leben führen und lediglich Schwierigkeiten mit manchen gesellschaftlichen Gepflogenheiten, Traditionen und Erwartungen anderer Menschen haben. Ein besonderer Hang zur Gewalt ist nicht bekannt. Asperger-Betroffene ärgern sich deshalb öffentlich über Artikel wie dem im Spiegel, in dem ihrer Ansicht nach über die Schilderung fragwürdiger ärztlicher Diagnosen des Frauenmörders Heinrich Pommerenke und des Eislinger Vierfachmörders Frederik B. ein Zusammenhang zwischen Asperger und Gewalt assoziiert wird.
Auch andere Medien, die über das Newtown-Massaker berichten, erreichen mittlerweile Zuschriften von Asperger-Gruppen und Asperger-Aktivisten. Diese gehen teilweise so weit, dass sie sogar Lanzas Umfeldbeschreibung als "autistisch" durch "introvertiert" ersetzt haben möchten. Ob sie damit allerdings ihrem Anliegen einen Gefallen tun, ist fraglich: Schon aus dem Krimi kennt man den Effekt, dass jemand den Verdacht auf sich lenkt, wenn er versucht, Information verschwinden zu lassen. Ganz egal, ob er wirklich der Täter war oder nicht.
Ein effektiver Schutz vor Diskriminierung dürfte deshalb nicht in Zensur, sondern in mehr Information zu suchen sein. Auch der Spiegel hat mittlerweile ein Zitat aus Professor Helmut Remschmidts 2006 erschienenem Buch Asperger-Syndrom: Manuale psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen in seinen Artikel einfügt, das anstatt weniger mehr Informationen liefert:
Obwohl gegenwärtig noch nicht genügend epidemiologische Studien vorliegen, vermuten die meisten Autoren, dass autistische Menschen eine niedrigere Kriminalrate hätten als nicht autistische Menschen. Sie wären eher Opfer als Täter. Zudem würden sie dazu neigen, Gesetze rigide anzuwenden und hätten Probleme mit Gesetzesüberschreitungen.
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