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Der zensierte Negerkönig und das Gott

Familienministerin Kristina Schröder betreibt beim Vorlesen für ihre 18 Monate alte Tochter angeblich "Synchronübersetzung"

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Seit gestern erregt Familienministerin Kristina Schröder mit einer Vorab-Pressemeldung zu einem Interview Aufsehen: Der Wochenzeitung Die Zeit erzählte die CDU-Politikerin, sie würde ihrer 18 Monate alten Tochter aus Astrid Lindgrens Kinderbuch Pippi Langstrumpf vorlesen, dabei aber das Wort Negerkönig "synchron übersetzt". Später, wenn ihre Tochter älter ist, wolle sie ihr dann die Geschichte des Begriffs erklären. Die Äußerung lässt vermuten, dass Schröder beim Vorlesen der Geschichte noch nicht sehr weit ist – wenn sie überhaupt schon angefangen hat. Und, dass sie das mit dem (in neueren Auflagen verlagsseitig in einen Südseekönig umzensierten) Negerkönig vielleicht nur bei Theologinnen oder anderswo aufgeschnappt hat.

Würde sie nämlich die ganze Geschichte kennen, dann müsste ihr eigentlich aufgefallen sein, dass Lindgren den Begriff Negerkönig bemerkenswert hautfarbenunabhängig einsetzt, indem sie ihn für Pippis Vater Kapitän Efraim Langstrumpf verwendet. Und die rothaarige Schwedin selbst malt sich eine Zukunft als "Negerprinzessin" aus, wenn er kommt und sie holt: "Hei hopp, was wird das für ein Leben!"

Auch mit den Märchen der Gebrüder Grimm (die selbst z.B. beim Rotkäppchen ein Happy End an die ältere Erzählung von Charles Perrault hinfälschten) hat Schröder Schwierigkeiten: Sie enthalten ihr zu wenige "positive Frauenfiguren". Allerdings kommen in den Geschichten der deutschen Romantiker auch die Männer (und vor allem die Tiere) häufig nicht sonderlich gut weg. Und möglicherweise ist gerade das der Grund dafür, dass Märchen überhaupt das Interesse von Kindern fesseln können (und nicht wegen Langweiligkeit längst im Dunkel der Literaturgeschichte verschwanden).

Ob, wann und wie zensiert die christdemokratische Politikerin (die sich als Backfisch angeblich für Helmut Kohl begeisterte, als ihre Klassenkameradinnen für Pferde schwärmten) ihrer Tochter auch aus der Bibel vorlesen will, sagt sie nicht konkret. Aber sie merkt an, dass man den Artikel der Figur auch durch "das" ersetzen könnte – was freilich gewisse Schwierigkeiten mit sich bringt, wenn es beispielsweise um die Empfängnis Mariens oder um Stellen geht, in denen Jesus zu seinem "Vater" spricht. Schröder könnte hier jedoch möglicherweise auf ein Werk zurückgreifen, das 2003 für viel Amüsement sorgte: die Bibel in gerechter Sprache. Mit ihr müsste sie dann nicht mehr live zensieren, sondern könnte es beim Vorlesen belassen.

http://www.heise.de/tp/blogs/6/153400
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