k
Nachrichten aus Kultur und Medien

Filmpreisverleihung wird zur Anklage für spanische Regierung

Bei der Verleihung der Goya-Filmpreise wurden die Konservativen massiv für ihre Politik angegriffen

  • drucken
  • versenden

"Ich habe meinen Vater in einem staatlichen Krankenhaus sterben sehen und es gab dort nicht einmal eine Decke, um ihn zuzudecken", erklärte Candela Peña. Sie nutzte am späten Sonntag die Auszeichnung mit dem wichtigsten spanischen Filmpreis für die beste Nebendarstellerin dazu, um harsche Kritik an der konservativen Regierung zu üben. Sie erhielt den "Goya" für ihre Leistungen im Film "Una pistola en cada mano"(Eine Pistole in jeder Hand) von Cesc Gay.

Es war ihr erster Job in den letzten drei Jahren, in denen ihr Vater starb und sie einen Sohn zur Welt brachte. Bei der im Fernsehen übertragenen Gala schoss sie scharf mit Worten. Sie berichtete aus eigener Erfahrung, welche Auswirkungen die Sparprogramme im staatlichen Gesundheitssystem haben, wo sogar Mineralwasser für Kranke fehle. Sie wies auch auf die Lage im Bildungssystem hin. Da auch dort wie an kaum einer anderen Stelle gespart wird, fragte sie sich, "welche Ausbildung meinen Sohn an staatlichen Schulen erwartet".

Sie blieb nicht allein, vom Podium hagelte die Kritik nur so auf die Konservativen nieder. Die Filmschaffenden solidarisierten sich mit denen, die am Wochenende erneut auf die Straßen gingen. Vor der Preisverleihung protestierten viele Ärzte und Krankenpfleger in der Hauptstadt Madrid gegen erneut gegen geplante Privatisierungen. Am Vortag demonstrierten zahllose Menschen in mehr als 50 Städten dagegen, dass 400.000 Familien sogar von Banken aus ihren Wohnungen geworfen wurden, die Steuermilliarden zur Rettung erhalten. Einer noch größeren Zahl droht die Räumung, weil sie wegen Arbeitslosigkeit Kredite nicht mehr bezahlen können.

Auch Pablo Berger, der für seine gewagte Schwarz-Weiß-Adaption von "Blancanieves" (Schneewichten) den Goya für den besten Film erhielt, schloss sich den Kritiken an. Sein Stummfilm räumte mit zehn Auszeichnungen ab. Auch seine Hauptdarstellerin Maribel Verdú wurde ausgezeichnet. Sie widmete ihren Goya denen, "die ihre Wohnungen, ihre Hoffnungen, ihre Zukunft sogar ihr Leben verlieren". Damit sprach sie die Selbstmorde bei Räumungen an. Sie seien Opfer eines "obsoleten, ungerechten Systems, dass es erlaubt, die Armen zu bestehlen, um die Reichen reicher zu machen", zitierte sie den griechischen Filmemacher Costa-Gavras.

Der Präsident der Filmakademie wandte sich vor allem dagegen, dass die Volkspartei (PP) die Mehrwertsteuer für Kultur auf den "höchsten Satz in Europa" angehoben hat. Aus Protest dagegen hatte sich ein Filmfestival sogar einem Generalstreik angeschlossen. Während Fußball und der umstrittene Stierkampf, der nun sogar zum geschützten Kulturgut werden soll, weiter vom verringerten Satz profitieren, müssen nach der "brutalen Anhebung der Mehrwertsteuer" nun an Kinokassen 21 Prozent berappt werden. Macho kündigte an, man werde nicht nachlassen, "bis dieser Fehler korrigiert ist" und richtete den Blick dabei auf Kultusminister José Ignacio Wert. Kino sei ein kultureller Schatz, dem in Spanien schwerer Schaden auch durch die gekürzte Filmförderung zugefügt werde, beklagte Macho.

Anspielungen auf Korruption, die sogar die Regierung bis zum Ministerpräsidenten Mariano Rajoy erschüttert, fehlten auch bei ihm nicht. Macho kritisierte auch die "progressive Verschlechterung" im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, wo bisweilen von Säuberungen gesprochen wird. Anhänger der Regierung wurden seit dem Regierungswechsel auf Leitungsposten gesetzt und kritische Journalisten entlassen. Spanien wurde kürzlich vom Europarat wegen des "politischen Drucks" auf Medien in einem Atemzug mit Ungarn, Serbien, Ukraine und Italien europa/presiones politicas/rtve/ kritisiert.

Der international bekannte spanische Schauspieler Javier Bardem erhielt den Preis für den besten Dokumentarfilm. "Hijos de las nubes" (Kinder der Wolken) beschreibt das Schicksal von Saharauis in der von Marokko besetzten Westsahara. Weil am gleichen Tag 24 Saharauis von einem Militärgericht in Rabat zum Teil zu lebenslänglichen Haftstrafen verurteilt wurden, war es für Bardem trotz der Auszeichnung ein "trauriger Tag". Mit einem Protestlager hatten 2010 tausende Saharauis über Wochen friedlich gegen die marokkanische Besatzung und für soziale Verbesserungen protestiert. Bei der brutalen Räumung im November 2010 eskalierte aber die Gewalt. "Spanien muss gegen die ungerechten und überzogenen Urteile vorgehen", fordert Bardem.

http://www.heise.de/tp/blogs/6/153767
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Dein Staat gehört Dir!

Ein Abschiedsbrief an das Wutbürgertum

Cover

Enthemmte Wirtschaft

Krisen, Politik und Grenzen der Demokratie. Interviews von Reinhard Jellen zur neuen Übergangszeit.

Mensch+ 9/11 - Der Kampf um die Wahrheit Vom Datum zum Dossier
bilder

seen.by


TELEPOLIS