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28.07.2008

Internet macht einsam...

... und Telefonieren macht...?

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Als die Leute anfingen ins Theater zu gehen, wetterte die Kirche und witterte den finalen Sittenverfall. Was wenn sich einer Ödipus als Vorbild nimmt, und das familiäre Morden anfängt?

Als die Leute anfingen, massig Romane zu lesen, fürchtete man Rückenverformungen und Schwindsucht. Ist ja schädlich, diese Sitzerei.

Als die Kids Comics lasen, tat man fürchten tun, dass die Sprache, also dass man sich dann gar nicht mehr in ganzen Sätzen, ihr wisst schon. Baff. Kawong.

Und wer computerspielt, der ist sowieso immer zweieinhalb Minuten vor dem nächsten Amoklauf. Erleben wir ja täglich. Oder auch nicht.

Dann erzählte mir gestern am Telefon ein eher beiläufiger Bekannter (ok, ich gestehe, wir haben uns auf dem Barcamp Offenburg getroffen), wie er jemand, auf den er bei Twitter (schon wieder dieses Ding was keiner mag und keiner kennt) gestoßen war, weil er GTD gesucht hatte. (GTD? Das erklär ich dann ein ander mal, ja?) Jedenfalls wie er mit dem zu Abend gegessen hat und sich köstlich unterhalten hat. Der Twitterbekannte war nämlich zufällig in des entfernten Bekannten eher ablegelgenem Heimatort, was der entfernte Bekannte wusste, weil der andere das getwittert hatte. Surprise. nd: Der andere kannte mich auch, d.h. wir 'kennen' uns seit Jahren aus Mailinglisten und haben uns getroffen, ein mal, halb zufällig, auf nem,,, eh,,, Barcamp Frankfurt.

Wer jetzt verwirrt ist, malt es sich am besten auf. Oder hätte ich Alice, Bob und Charlie benutzen sollen?

So weit so irrelevant. Relevant war aber, dass während die -ja an sich und genetisch kommunikationsschwachen - Männer sofort anfingen, verbal zu kuscheln, die Damen, die irgendwie mit mussten, sich noch ne Weile psychosozial aneinander rantasteten und Siezten. Offliner halt. Da wäre vielleicht eher ein Fernsehabend angebracht gewesen? Da muss man, ehm, frau nix reden.

Das war auch, so etwa 1992, meine erste Erfahrung bei einem Treffen von Leuten, die im TUBmud Berlin aktiv waren. Man traf sich, merkte sich kurz, welche biologische Einheit zu welchem Nickname gehörte und 'redete' dann weiter, so wie man vorher gechattet hatte. Wer einem vorher vom reinen Textchat sympathisch war, der enttäuschte auch "in persona" (was eigentlich 'in der Maske' heißt, was auch wieder ein anderes Thema ist) nicht. das, was angeblich Kommunikation so bestimmmt - Aussehen, Gestik, Stimmfall, Mimik - all das erwies sich als irrelevant.

Und während manche Mediensozio- und -psychologen ebenfalls den Untergang des Abendlandes herbeianalysieren, treffen sich die Onliner fröhlich entweder bei den so legendären wie exklusiven Canossa-Feten (ich war bisher nur bei der ersten) oder bei den vollkommen offenen Mobile Mondays, Webmontagen, Wiki Wednesdays, Startup Fridays, Lunch 2.0s und Barcamps, Podcamps, ArtCamps, SocialCamps, Typo3Camps, Re:publicas, LUG-Meets, Wikipedia-Stammtischen, WikiManias, CCC-Weihnachts-Congressen, CCC-Sommercamps, Schließsport-Trainings, Pl0gbars und was da noch alles kreucht und fleucht.

Und natürlich haben sie, wenn sie da sitzen, immer Laptops auf den Knien, was die punktuell anwesende Journaille dann angemessen irritiert und was jene als todsicheren Beleg für die Kommunikationsgestörtheit der digital sozialisierten Anwesenden dient. Während die doch einfach nur zuhören, googeln, chatten und twittern gleichzeitig.

So wie es Leute gibt, die keine Bücher lesen oder alternativ keinen Fernseher haben, scheint es jetzt schick zu sein, kein Handy mehr zu haben, sich bei XING abzumelden oder sonstwie die Datensparsamkeit zu zelebrieren.

Hey, so lange das "social life" nicht drunter leidet: prima. Aber nicht dass dann die medialen Soziopsychologen bald den Netzverweigerer als eigentliches Problem entdecken und ihn als kommunikationsgestört auch im realen Leben einstufen müssen.

http://www.heise.de/tp/blogs/7/113412
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