Afghanistan: Einig im Frust
Die UN zieht mehr als die Hälfte ihres Personals bis auf weiteres aus Afghanistan ab
Frust und Niedergeschlagenheit und Wut angesichts der vertrackten Lage in Afghanistan haben derzeit ein leichtes Ziel gefunden: Präsident Karzai und die Korruption der afghanische Regierung. Karzai ist augenblicklich der gemeinsame Adressat aller Klagen, die aus den westlichen Führungen kommen.
Nach dem Anschlag auf ein UN-Gästehaus Ende Oktober, bei dem sechs UN-Mitarbeiter getötet wurden, will man nun mehr als Hälfte der UN-Mitarbeiter aus Afghanistan abziehen, gab Kai Eide, Chef der UN-Mission in Afghanistan, bekannt. Etwa 600 Mitarbeiter sollen das Land verlassen und könnten in vier bis fünf Wochen zurückkehren, wenn gewisse Bedingungen eingehalten würden. Eide verknüpfte die angedeutete Rückkehr mit einer Warnung an Präsident Karzai: Dessen Regierung müsste "sauberer" werden. Eide drängt auf ein Revirement der Regierung Karsai "ohne Personen, denen man schwerwiegende Verbrechen, bzw. Verwicklungen in den Drogenhandel vorwirft". In seiner Erkärung deutete Eide sein Bedauern darüber an, dass die UN kein Veto-Recht bei der Besetzung wichtiger Stellen durch solche Repräsentanten habe.
Auch der britische Premierminster Gordon Brown zielte in seiner Afghanistan-Rede auf den afghanischen Präsidenten, der "seinen Verpflichtungen absichtlich oder aus Unvermögen" nicht nachkäme. Angesichts der Risiken, die britische Soldaten in Afghanistan ausgesetzt seien, sei derartige Kritik angebracht, so Brown, der mit seiner Rede erneut die Bereitschaft beschwor, den Afghanistaneinsatz fortzuführen: "We cannot, must not, and will not walk away." Das klingt angesichts der Nervosität, die sich im westlichen Lager bereit macht, schon fast wie das sprichwörtliche Pfeifen im Wald. Selbstkritische Äußerungen zum Anteil des Westens am "Wahldebakel" fehlten in Browns Rede.
Sehr deutlich wurde der französische Außenminister Kouchner im Gespräch mit amerikanischen Journalisten. Zwar kritisierte auch er die Korruption in Afghanistan und die Wahlmanipulationen, relativierte die Kritik aber an unangemessenen Standards, die seiner Auffassung nach für Afghanistan nicht realistisch sind. "Karsai ist korrupt, ok", aber Korruption sei in Afghanistan "zuhause". Trotzdem bleibe Karsai der Mann des Westens - "our guy".
Kouchner fordert von der Nato dringend Gedanken über eine neue Strategie. Die bisherige funktioniere überhaupt nicht; es sei völlig unklar, worin Ziel und Zweck des Einsatzes bestünden: "What is the goal? What is the road? And in the name of what?" Zugleich übte Kouchner Kritik an der zögerlichen Haltung der US-Führung: "Wo sind die Amerikaner? Das fängt an, ein Problem zu werden." Eine Besatzung Afghanistans sei ebenso unmöglich, wie den Krieg in den Bergen gegen die Taliban zu gewinnen. Man könne höchstens ausgewählte Gebiete konsolidieren. Dies sei ein Krieg der Paschtunen, weswegen man enger mit der Bevölkerung zusammenarbeiten müsse. Kouchner forderte darüberhinaus engere Absprachen unter den europäischen Verbündeten.
Den Deutschen hielt er vor, dass sie nur kämpfen würden, "wenn auf sie gefeuert" wird.
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