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Politik & Wirtschaft

USA: Zehn Prozent Arbeitslose bringen zehn Prozent Produktivitätssteigerung

Wer in den USA nicht zu den offiziell 10,2 Prozent an Arbeitslosen gehört, schuftet offenbar wie blöd. In der Folge produzieren sieben Millionen weniger Arbeitskräfte nun um 3,5 Prozent mehr Güter und Dienstleistungen

Kein Wunder, dass die US-Börsen nur kurz ins Minus rutschten, nachdem die Arbeitslosenstatistik am Freitag erstmals seit 1983 wieder zweistellig ausfiel. Allerdings hatten die meisten Analysten erst gegen Jahresende mit zweistelligen Arbeitslosenraten gerechnet, so dass die Wall Street eine kleine Schecksekunde lang den Rückwärtsgang einlegte. Immerhin waren um 15.000 mehr Arbeitsplätze verloren gegangen als erwartet, was den Hoffnungen auf ein Anspringen des privaten Konsums einen weiteren Dämpfer erteilte.

Am Höhepunkt der Krise waren monatlich jedoch noch fast eine dreiviertel Million Jobs verloren gegangen. Rasch setzte sich die Ansicht durch, dass die hohe Arbeitslosigkeit die Fed jedenfalls von baldigen Zinsanhebungen abhalten werde. Aber damit hatte, nachdem die Notenbank bereits am Mittwoch offiziell steigende Leitzinsen für längere Zeit ausgeschlossen hatte, ohnehin niemand gerechnet.

Was den Aktieninvestoren wohl tatsächlich gefiel, waren die hohen Gewinne, die Corporate America aus dieser Situation abschöpfen kann. Immerhin wurden im 3. Quartal mit rund sieben Millionen Arbeitskräften weniger um 3,5 Prozent mehr an Gütern und Dienstleistungen produziert als im Vorjahreszeitraum. Dementsprechend erhöhte sich die Arbeitsproduktivität um satte 9,5 Prozent, was unmittelbar auf die Gewinne der Unternehmen durchgeschlagen hat. So konnten in der laufenden Berichtssaison angeführt von Banken und Technologiekonzerne bislang immerhin rund 70 Prozent der börsenotierten Unternehmen die ohnehin nicht bescheidenen Ertragserwartungen der Analysten übertreffen, was auch die Boni und Erfolgsbeteiligungen bald wieder auf die vor der Krise gewohnten Niveaus bringen dürfte. Dies wohl insbesondere im Finanzsektor, der durch die niedrigen Leitzinsen, die nur in bescheidenem Ausmaß an die Kunden weitergegeben werden, eine zusätzliche und nicht unbeträchtliche öffentliche Förderung erhält.

Die offizielle Statistik, die nach 9,8 Prozent im September für Oktober nun 10,2 Prozent (15,7 Mio.) Arbeitslose ausweist, berücksichtigt weder frustrierte Arbeitsuchende, die sich schon einen Monat lang nirgends mehr um eine Stelle beworben haben, noch jene, die nur Teilzeit arbeiten, obwohl sie eine Vollzeitstelle suchen. Werden diese inkludiert, steigt die Arbeitslosenrate auf 17,5 Prozent, was den bisherigen Nachkriegsrekord von 17,2 Prozent im Jahr 1982 sogar noch übertrifft, als nach der engeren offiziell immerhin 10,5 Prozent Arbeitslose gemeldet wurden.

Demnach verloren diesen Oktober weitere 190.000 US-Beschäftigte ihre Jobs, was angesichts der schweren wirtschaftlichen Verwerfungen nicht überraschen sollt. Insgesamt waren die direkten Jobverluste in dieser Krise jedoch eher gering und auf dem Niveau der vergleichsweise milden Rezession von 2001/2002. Und diejenigen, die ihre Jobs behalten haben, konnten gegenüber dem Vorjahr bei stagnierenden Löhnen aufgrund sinkender Preise real sogar eine rund 1,5prozentige Lohnsteigerung durchsetzen, was bei den vorangegangenen Krisen nicht der Fall war, bei denen deutliche Lohnabschläge von vier bis acht Prozent zu verzeichnen waren.

Das Problem sei dann auch, dass sich die Unternehmen offenbar weigern, neue Arbeitskräfte aufzunehmen, meint das Arbeitsministerium, wobei die USA allein aufgrund des Bevölkerungswachstums monatlich rund 200.000 neue Jobs benötigen. Wer einmal entlassen wurde, habe demnach kaum Chancen, wieder eine Anstellung zu finden, weshalb nun monatlich Hunderttausende an Langzeitarbeitslosen aus der Sozialversicherung fallen und auf Notstandshilfen angewiesen sind. Dementsprechend unterzeichnete Präsident Obama noch am Freitag ein Gesetz, das die Bezugsdauer von Arbeitslosenunterstützung um 14 bis 20 Wochen verlängerte.

Immerhin war die Zahl der Entlassungen neuerlich niedriger als im Vormonat und es kam zu einem Ansteigen der Teilzeitbeschäftigungen um 34.000, was oft einem Ansteigen der Vollzeitstellen vorangeht. Die Frage dürfte nun sein, wie lange die Unternehmen einfach die Mitarbeiter härter arbeiten lassen können, bevor sie neue Mitarbeiter einstellen. Von den Mitarbeitern dürfte angesichts der Lage am Arbeitsmarkt dahingehend jedenfalls wenig Widerstand zu erwarten sein.

Während die Obama-Administration sagt, mit dem im Februar beschlossenen 787-Mrd.-USD-Konjunkturprogramm 640.000 Jobs entweder gerettet oder neu geschaffen zu haben, ist ihr dem Senat gemachtes Versprechen, die Arbeitslosenrate durch das Konjunkturpaket im Jahresschnitt unter acht Prozent halten zu können, natürlich längst Makulatur und auch die davon ursprünglich erhofften 3,5 Millionen Arbeitsplätze erscheinen inzwischen reichlich übertrieben. Obama, der am Freitag angekündigt hat, „nicht zu rasten, bis jeder Amerikaner, der einen Job sucht, auch einen findet“, verlängerte gleichzeitig mit der Maximaldauer der Unterstützung dann auch gleich noch ein gerade auslaufendes Programm, das erstmaligen Hauskäufern eine in Cash ausgezahlte Steuergutschrift von 8000 Dollar zuweist. Manche Ökonomen fordern hingegen bereits ein weiteres Konjunkturpaket, das noch größer ausfallen soll als das Rekordprogramm vom Frühjahr.

Rainer Sommer07.11.2009
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Kommentare lesen (39 Beiträge)
Schuften offenbar wie blöd?
Re: unproduktive Arbeitskräfte entlassen = Wirtschaftswachstum
Re: Wenn nur unproduktive Kostenstellen wie Investment-Banker rausgeschmissen we

 
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