Wie sicher sind die pakistanischen Atomwaffen?
Nach einem Bericht von Seymour Hersh ist die amerikanische Außenministerin Clinton nicht die einzige, die sich "Supersorgen" macht
Zwischen 60 und 120 nukleare Waffen soll Pakistan haben. Sprengköpfe und Zünder und Träger, Raketen oder Flugzeuge, sind aus Sicherheitsgründen an verschiedenen Orten untergebracht. Nach Informationen des US-Journalisten Seymour Hersh, der sich dafür unter anderem auf ein Gespräch mit dem ehemaligen Präsidenten Musharraf beruft, hat Pakistan ein großes, "bombensicheres" Tunnelsystem für Lagerung und Transport der Nuklearwaffen gebaut: "The tunnels are so deep that a nuclear attack will not touch them."
Die Maßnahmen verhindern natürlich nicht, dass man sich in der amerikanischen Führung allergrößte Sorgen über die Atomwaffen in einem Land macht, das von islamistischen Extremisten bedroht wird, deren Anschläge zeigen, dass man an den heikelsten Punkten zielgenau zuschlagen kann - in der Hauptstadt, im militärischen Hauptquartier, gegen wichtige militärische Führungspersonen.
Hersh liegt in seinem Bericht, der im New Yorker veröffentlicht ist, Ängste und Misstrauen bloß, die sich zwischen den USA und Pakistan in der Frage der Sicherheit der atomaren Sprengköpfe herausgebildet haben, schon seit längerer Zeit. Und Hersh wäre nicht Hersh, wenn er aus seinen Recherchen und Gesprächen mit hochrangigen Vertretern aus Kreisen, die mit der Materie vertraut sind, nicht auch eine sensationelle Info beisteuern könnte: ein amerikanisches Special-Team, eine rapid response force, von Geheimdiensten für den Notfall eingerichtet, Auftrag: die Sicherung des pakistanischen Nukleararsenals im Notfall:
"They have to report within four hours of a crisis to Andrews air field [in Washington DC] and be sent on their way."
Schon einmal soll das Team gestartet sein im letzten Sommer, der Alarm - "wahrscheinlich eine vermisste Atomwaffe - eine fortdauernde Superbefürchtung der USA" (Hersh) - stellte sich allerdings als falscher heraus. Wie immer in solchen Fällen, dementiert die US-Führung solche Spekulationen und Hersh legt nach:
"Ganz sicher gibt es eine rapid response force. Ich gehe sogar einen Schritt weiter, sie wird 'Tailored Fest' genannt. Ich wünschte, sie würden nicht Dinge dementieren, die tatsächlich öffentlich zugänglich sind, wenn man weiß, wo man nachschauen muss. Es ist eine Einheit, die im Fall eines nuklearen Zwischenfalles oder irgendeines Vorfalls im Zusammenhang mit Terroristen zum Einsatz käme."
Für eine Art Dementi, das die tatsächlichen Einsatzmöglichkeiten der Truppe betrifft, sorgt Hershs Bericht selbst. Danach sieht es nicht so aus, als ob die Verantwortlichen in den USA wüssten, wo Pakistan seine Atomwaffen versteckt hält.
Zwar gebe es ein sehr enges beiderseitiges Verhältnis zwischen den Generälen Michael Mullen, dem Vorsitzenden der Joint Chiefs of Staff, und dem pakistanischen Armeechef General Kayani, aber, das ist die Haupterkenntnis aus den Gesprächen, die Hersh geführt hat: Das Misstrauen zwischen den Vertretern der USA und Pakistan ist so groß, dass sich Pakistan hütet, den Aufenthaltsort der Waffen an die USA zu verraten - nicht zuletzt, weil in der pakistanischen Führung befürchtet, die Information könnte an Indien weitergeleitet werden. Doch auch die amerikanischen Regierungsvertreter zeigen sich als sehr misstrauisch. So zitiert Hersh einen ehemaligen hochrangigen Bush-Regierungsmitarbeiter mit den Worten:
"Wenn ein pakistanischer General mit dir über das Thema Atomwaffen spricht und seine Lippen bewegen sich, dann lügt er. Die Pakistaner würden ihre Geheimnisse niemandem verraten und ganz sicher nicht einem Land, das sie aus ihrer Perspektive behandelt hat wie ein Geschirr, das man nach dem Gebrauch wegwirft."
Worauf der frühere US-Regierungsvertreter anspielt, ist die Abwendung der USA von Pakistan nach der erfolgreichen "Befreiung" Afghanistans von den Sowjettruppen, bei der "Gotteskrieger", deren Netzwerk in Pakistan geschaffen wurde - mit Unterstützung der USA - , eine entscheidende Rolle spielten. Dass die USA Pakistan auch jetzt im Kampf gegen die Taliban und Terrorgruppen als Proxy benützen würden, ist nach Hersh Erkundungen im pakistanischen Offizierscorps eine weit verbreitete Auffassung.
Was die Sicherheits der Atomwaffen betrifft, so Hersh, bestünde die große Angst weniger darin, dass sie den Militanten über Anschläge oder terroristische Manöver in die Hände fallen könnten, sondern dass es zu einem Militärputsch komme, hinter dem islamistische Kräfte stehen.
Diese Sorge findet Hersh von manchen relavanten pakistanischen Gesprächspartnern bestätigt. Er selbst gibt an, dass sich Pakistan seit seinem letzten Aufenthalt vor fünf Jahren deutlich verändert habe: an vielen Zeichen sei zu erkennen, wie sehr die Militanz und der Einfluss des fundamentalistischen Islam zugenommen haben.
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