"Er schien erregt"
Libyens Staatschef Gaddafi ärgert sich über die Schweiz und erklärt den Dschihad
Er hat sich viel Zeit gelassen - manche Schweizer äugten schon am Tag des Referendums sorgenvoll in seine Richtung -, doch gestern war es dann soweit: Der größte Theaterdonnerer unter Allahs Himmel, Libyens Herrscher Muammar Gaddafi, reagierte offiziell auf das Schweizer Nein zum Minarettbau und erklärte der Eidgenossenschaft den Dschihad: "Jene, welche die Moscheen Gottes zerstören, verdienen es, im Namen des Dschihad angegriffen zu werden und wenn die Schweiz an unserer Grenze läge, dann würden wir sie angreifen." - ein Zitat aus seiner gestrigen Rede zum Geburtstag des Propheten, in der er nach Medienberichten die frommen Zuhörer zunächst über Unterschiede zwischen Terrorismus und Dschihad aufklärte ("im Westen verwechsle man beides ständig"), bevor er sich in eine Erregung gegen die Schweiz hineinsteigerte:
"Ghadhafis Stimme wurde plötzlich lauter, er schien erregt. Er wirkte wütend, als er sagte, dass ein Muslim, falls er mit der Schweiz auf irgendeine Weise zusammenarbeite, zum 'Kafer', also zum vom rechten Glauben Abgefallenen würde."
Trotz seiner großen Performancequalitäten soll Gaddafi (der sich in seiner Erscheinung immer an den deutschen Schauspieler Claude-Oliver Rudolph annähert) an dieser Stelle aber nur wenig Beifall erhalten haben, beobachtet eine Schweizer Journalistin, die die gelassenen Reaktionen in der arabischen Weltauf die Rede Gaddafis - "Der Kerl spinnt, das ist doch bekannt" - den großen Wellen gegenüberstellt, die die Nachricht über Gaddafis Dschihadaufruf in den Schweizer Medien ausgelöst hat. Immerhin hatte Gaddafi nach anderen Quellen dazu aufgerufen, "dass Muslime in großer Menge sich auf dem Weg zu Flughäfen in der islamischen Welt machen und jedes Schweizer Flugzeug vom Landen abhalten sollten, dass alle Häfen für Schweizer Schiffe (!) geschlossen werden sollten und jedes Geschäft und jeder Markt davon abgehalten werden muss, Schweizer Waren zu verkaufen".
Möglicherweise war die Unterscheidung zwischen Terrorismus und Dschihad, die Gadaffi dem erregten Teil seiner Rede vorausschickte, ein Hinweis, der den Zuhörer bedeuten sollte, dass die Appelle des Herrschers, der in theatralische Gesten vernarrt ist, eher symbolisch und nicht allzu wörtlich zu nehmen sind, doch hat Gaddafi schon öfter bewiesen, dass er kein harmloser Schelm ist.
Der seit längerem dauernde Streit zwischen der Schweiz und Gaddafi trägt allerdings schon viele Züge einer Groteske. Sie begann 2008 mit der Verhaftung seines Sohnes Hannibal in einem Genfer Luxushotel und hatte vor wenigen Tagen mit den Bildern vom Schweizer Geschäftsmann Max Göldi, der in Handschellen abgeführt und in ein libysches Gefängnis verbracht wurde, einen letzten Höhepunkt - inklusive der Mitgefühlserklärungen des Gaddafisohnes Hannibal.
Zu ernsthafteren diplomatischen Verwicklungen über die Schweiz und Libyen hinaus führte der Konflikt, als über eine Schweizer Liste von unerwünschten Personen berichtet wurde, auf der angeblich 188 libyschen Persönlichkeiten, unter ihnen Gadaffi und Familie, die Einreise in die Schweiz verboten werde. Libyen reagierte darauf mit dem Stopp der Einreiseerlaubnis für die 25 Mitgliedstaaten des Schengen-Abkommens. Eine Reaktion, die insbesondere Italien in größere Verärgerung auslöste, die sich gegen die Schweiz richtete.
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