Neuanfang in Mardscha?
Afghanische Regierung beschränkt Berichterstattung über Kämpfe mit Taliban
Die afghanische Regierung hat gestern das Verbot der Berichterstattung über Talibanangriffe bekannt gegeben; Journalisten dürfen nur mehr über die Geschehnisse nach dem Angriff berichten und auch das nur mit einer eigens ausgestellten Erlaubnis. Wie sehr es im Augenblick auf "konstruktive", optimistische Berichterstattung ankommt, ist auch in den aktuellen Meldungen der US-Medien zum Stand der Dinge in Mardscha zu spüren.
Obschon seit längerer Zeit schon von der Eroberung der Taliban-Hochburg die Rede ist, sind in den entsprechenden Artikeln noch immer Einschränkungen zu lesen. Zwar ist die afghanische Fahne gehisst, ein neuer Chef der Stadtregierung eingesetzt, aber auch der US-Kommandeur Mc Chrystal spricht davon, dass die militärische Phase noch nicht beendet sei: "We're not at the end of the military phase, but we're clearly approaching that." Es sei nicht klar, ob die Taliban geflüchtet seien oder nur einstweilen die Waffen zur Seite gelegt hätten. Möglicherweise müsse man sich auf Selbstmordanschläge gefasst machen, so der US-General. Zwei Wochen habe die Großoffensive auf Mardscha gebraucht, um die "Phase 2", den Aufbau einer neuen Regierung und Verwaltung, einzuleiten, 100 Aufständische wurden getötet, sechs Nato-Soldaten verloren ihr Leben, so der offizielle Zwischenbericht.
Um ein Zeichen zu setzen, dass Mardscha nun der Kontrolle der afghanischen Zentralregierung ist, hat man gestern den zweiten Vizepräsidenten Afghanistans, Karim Khalili von Kabul nach Mardscha eingeladen - das erste Mal seit 35 Jahren, dass ein Vizepräsident die Provinz Helmand besucht habe, wird feierlich herausgestellt. Bei seiner Ansprache vor den Dorfältesten offenbarten sich, wie Reporter berichten, größere Unsicherheiten darüber, wie mit dem Anbau von Opium weiter verfahren wird.
Nach Angaben der New York Times wollen die US-Streikräfte zunächst nichts gegen den Anbau unternehmen, wohingegen die afghanische Regierung keine derartigen Versprechungen abgeben will. Viel wird davon abhängigen, welche "vertrauensbildenden Maßnahmen" sich die neue Stadtregierung demgegenüber einfallen lassen wird. Die bisherige Praxis lässt nicht viel Hoffung aufkeimen. Da die afghanischen Polizisten - und die Verwaltung - als besonders korrupt gelten, wird es wohl lange dauern, bis sich die Bevölkerung davon überzeugen lässt, dass sich die Dinge wirklich so ändern, wie es die Ankündigungen der Regierung und ihrer Verbündeten versprechen. Abwarten, ob Versprechen auch eingehalten werden, soll nach einem aktuellen Bericht der pakistanischen Zeitung Frontier Post, auch die vorherrschende Devise der Taliban sein. Stimmt, was die Zeitung, die als gut informierte Quelle über Verhältnisse im Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan gilt, in ihrem Bericht behauptet, so ist eine Bereitschaft zur Kooperation der Taliban mit der Kabuler Regierung tatsächlich vorhanden:
"He (a ranking Taliban commander) says Taliban minds are changing after having fought Afghan and international forces for seven years. "There are a lot of people like me," he says. 'We have decided to cooperate with the government, but the government has to trust and cooperate with us.'"
Ob dem tatsächlich so ist, ist in dem komplizierten Info-Poker mit unterschiedlichen Akteuren und Interessen, die ihre Verhandlungspositionen ausreizen, allerdings nicht nachprüfbar.
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