Hamburg: Schwarz-Grün regiert weiter
Christoph Ahlhaus (CDU) wurde auch mit Stimmen der Opposition zum Ersten Bürgermeister der Hansestadt gewählt
Hamburg achtet sehr auf sein Image als weltoffene und liberale Metropole. Der ehemalige erste Bürgermeister Ole von Beust (CDU) verkörperte genau den Typus Hanseaten, von dem die meisten Hamburgerinnen und Hamburger sich gern in der Öffentlichkeit vertreten lassen wollten: weltgewandt, mit einem Hauch Understatement, locker und charmant, kurzum Everybody's Darling.
Der strahlende Sunnyboy lächelte scheinbar mehr, als dass er regierte. Darüber geriet in der Öffentlichkeit bisweilen in Vergessenheit, dass er seinen Posten der Koalition mit dem ehemaligen "Richter Gnadenlos", dem Rechtspopulisten Ronald Barnabas Schill, zu verdanken hatte, und in letzter Konsequenz für die gesamte Politik des Senats verantwortlich war. Auch für die des als rechten Hardliner bekannten Innensenators Christoph Ahlhaus.
Dieser hingegen entspricht nicht dem Bild von "Everybody's Darling", ist ein Quiddje, also ein Zuagreister, ein Nicht-Hamburger, der Schlagzeilen machte, weil er Unsummen für die Sicherheit seiner Privatvilla ausgab - öffentliche Gelder, versteht sich, und obendrein wurde seine Verbindung zu der "Turnerschaft Ghibellinia" bekannt.
Gerade schlagende Verbindungen prägen in vielen Orten das Image als Unistadt und sind ein beliebtes Netzwerk in konservativen Kreisen, in der weltoffenen und liberalen Elbmetropole sind sie indes nicht gern gesehen. Doch trotz all dieser Makel wurde Ahlhaus am gestrigen Mittwoch zum Ersten Bürgermeister der Hansestadt gewählt. Mit allen Stimmen der schwarz-grünen Koalition - plus zwei Stimmen der Opposition, vorausgesetzt, wirklich alle Mitglieder der CDU- und der GAL-Fraktion haben für ihn gestimmt.
Er habe sich von der Burschenschaft distanziert, hieß es in grünen Kreisen. Also alles wieder im grünen Bereich, die Koalition könne fortgesetzt werden. Ahlhaus ließ nach Bekanntwerden seiner Verbindung zu "Ghibellinia" durch den Pressesprecher der Innenbehörde, Thomas Buttler, verkünden, er sei als .so genannter Conkneipant, als assoziiertes Gastmitglied, dort geführt worden. Die Antifaschistischen Initiative Heidelberg (AIHD) zweifelt an dieser Version. Ahlhaus sei seit Beendigung seines Studiums 1999 Mitglied der schlagenden "Turnerschaft Ghibellinia" im "Coburger Convent" (CC). Ihm sei bekannt gewesen, dass sich bei der Ghibellinia in den 1990er Jahren ein Lesekreis der Jungen Freiheit traf und Kontakte bis hin ins rechte Lager gepflegt wurden.
Bereits im Jahr 2001 habe sich Ahlhaus innerhalb der Heidelberger Korporationen für eine Wiederbelebung des Heidelberger "Maiansingens" eingesetzt. Organisiert wurde dieses traditionelle Absingen von Trinkliedern und der Nationalhymne bis 1996 maßgeblich von der Burschenschaft "Normannia", die immer wieder durch ihre enge Einbindung in die neonazistische Szene aufgefallen war, z. B. durch Veranstaltungen mit Holocaustleugnern. Antifaschistischen Organisationen gelang es 1997, dass das Maiansingen verboten wurde.
Antifaschistische Aktivitäten sind Ahlhaus laut AIHD sowieso ein Dorn im Auge: Am 10. November 2003 habe er als kommunalpolitischer Sprecher der Heidelberger CDU die Stadtverwaltung aufgefordert, die jährliche Gedenkveranstaltung des DGB zur Erinnerung an die von den Nazis ermordeten Widerstandskämpfer zu unterbinden. Diese Veranstaltung habe er in einer Presseerklärung als "Hetzveranstaltung" bezeichnet, die an "Geschmacklosigkeit kaum zu überbieten" sei. Zugleich propagierte er die Teilnahme studentischer Korporationen am städtischen Heldengedenken auf dem von den Nationalsozialisten erbauten "Ehrenfriedhof" in Heidelberg.
Zu all dem hat Ahlhaus bis dato öffentlich nicht Stellung genommen. Es hat ihn aber auch niemand gefragt. Außer der Antifa Heidelberg und der Linksfraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft scheint sich niemand so recht für die politische Praxis in Vergangenheit und Gegenwart des neuen Bürgermeisters zu interessieren. Es gab weder Proteste während der Bürgerschaftssitzung, noch kritische Stellungnahmen politischer Organisationen zu der Wahl.
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