Koranverbrennung "ausgesetzt"
Während sich Kostüm-Prediger Terry Jones nochmal im Scheinwerferlicht von seiner Wichtigkeit leiten lässt, kommt es in Afghanistan zum ersten Todesfall
Auch in der Bizzaro-Welt gibt es Pragmatismus. Zu erkennen ist das am Gespräch, das der Kreuzzügler Terry Jones mit Gott führt. Sein Gebet hält der Bücherverbrenner am Schreibtisch, wie ein Angestellter im weißen Hemd mit Krawatte. Auf dem rückenschonenden Bürostuhl schwingt er mit geschlossenen Augen und verschränkten Händen zwischen Computertastatur und einer Schrankvitrine ausgiebig hin und her, totale Versenkung im Gebetsraum Büro. So wie Jones ließ sich noch kein Christ beim Beten filmen, seine Bewegungen erinnern von Ferne an das Auf- und Ab von Muslimen beim Gebet.
Er bittet Gott um Antwort in der Sache, wird Jones in dem ABC-Videobeitrag (das zweite Video im Artikel) zitiert, das ihn beim Beten zeigt. Wie er das macht, läßt an Rushkoff denken: Der Computer, das Internet, das Kleben am nie versiegenden Nachrichtenstrom hält uns von der Reflexion ab. Jones beherzigt das, sekundenschnell entfernt er sich periodisch von Bildschirm und Tastatur, um zu reflektieren und sich zu besinnen. Sekunden, die genügen müssen, um eine Antwort zu finden, die eilig gefunden werden soll, die ganze Welt wartet schließlich darauf.
Und es ist kein Zufall, dass Jones seinen Gott dort anruft, wo er mit dem Internet verbunden ist. Ohne Internet und Medien wäre Jones nichts; kein Star, nur eine provinzielle Lee-Marvin-Bizzaro-Parodie als Prediger, der seine Anhänger für ebay-Möbelverkäufe schuften läßt, damit er weiter weiße Hemden kaufen kann. Noch ist sein Stern nicht ganz verglüht. Die UNO, der Vatikan, die Regierungen von Indonesien, Indien, Pakistan, der afghanische Präsident Karsai, US-Außenministerin Clinton, US-Präsident Obama, das FBI und Interpol: Sie alle haben sich in den letzten beiden Tagen zu Jones geäußert und ihn als Luntenleger hingestellt, der "bessere Engel" (Obama) braucht. Verteidigungsminister Gates rief ihn gestern persönlich an, um ihn davon zu überzeugen, dass die Koran-Verbrennung keine gute Idee ist.
Jones handelte pragmatisch, als er die Veranstaltung "Burn a Quran" schließlich abblies; der Druck irdischer Autoritäten war offensichtlich zu groß und amerikanischer Patriotismus funktioniert als Treibstoff für Hetze nicht, wenn das Leben von Soldaten in Gefahr ist. Das hat Jones erkannt, aber er musste es natürlich anders darstellen. Man habe ihm angeboten, dass das islamische Gemeindezentrum woanders, nicht in der Nähe des "Ground Zero", gebaut würde, erläuterte Jones vor Kameras. So wichtig war er. Als er später, nach einer Richtigstellung des New Yorker Imams von Park51, der von solchen Händel nichts wusste, öffentlich eingestehen musste, dass diese Macht nur eine (Selbst-)Täuschung war, nahm er Zuflucht zum großen biblischen Thema der Lüge und des Verrats - aber nicht ohne Pragmatik, wie sie auch Politiker üben: Die Veranstaltung sei angesichts neuester Enthüllungen nur mehr vorläufig "ausgesetzt" und "nicht abgesagt".
Das Chaos, das der Gockel von "Doves World" mit seinen Flügelschlägen angefacht hat, hat in Afghanistan, wo sich Meuten zum wütenden Protest vor einer Nato-Militärbasis versammelten und sie laut Guardian angriffen, ein erstes Todesopfer gekostet. Laut Informationen des Spiegel haben etwa 600 Demonstranten das deutsche Feldlager in Faizabad, in Nordafghanistan, mit Steinwürfen angegriffen. Meldungen von einem Todesopfer würden aber demnach weder von der Polizei noch von der Bundeswehr bestätigt.
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