Afghanistan: Die Stunde der Aufwiegler
Für Karsai und die ISAF wird es schwer, die Lage in Afghanistan nach der Koran-Verbrennung in Bagram zu beruhigen
Aus welchen Motiven heraus die amerikanischen Soldaten Anfang der Woche in Bagram religiöse Schriften und aller Wahrscheinlichkeit nach auch Koran-Exemplare, auf einem Abfallhaufen in Brand steckten, ob aus Dummheit oder absichtlich, ist noch immer nicht offiziell geklärt. In einigen Berichten stand zu lesen, dass die Koran-Ausgaben zum Nachrichtenaustausch von Gefangenen im Lager verwendet wurden und die US-Soldaten sie deshalb aus dem Verkehr zogen. Aber warum sie dann im Feuer landen mussten, obwohl man doch nach zehn Jahren Besatzung über die provokante Wirkung mit möglicherweise verheerenden Folgen Bescheid wissen müsste, bleibt ein Rätsel.
Die Erklärung, dass die fraglichen Dokumente auf dem Abfallhaufen "allem Anschein nach benutzt wurden, um die Kommunikation zwischen Extremisten zu erleichtern“ und die Dokumente selbst extremistischer Natur waren, offensichtlich nach Afghanistan eingeschleust", wie sie ein US-Militärvertreter am Dienstag äußerte, überzeugte auch die US-Führung nicht: Man zog es vor, eigene Fehler einzugestehen. Ungewohnt prompt reagierte der amerikanische ISAF-Kommadeur General Allen mit einer Entschuldigung, zwei Tage später schrieb US-Präsident Obama einen Entschuldigungsbrief an den afghanischen Präsidenten Karsai. Es sollte verhindert werden, was als Gefahr rasch erkannt worden war, dass der brennende Abfallhaufen in Bagram einen Brand im ganzen Land auslösen könnte (Angst vor eskalierenden Protesten).
Vier Tage später haben sich die Proteste empörter Afghanen tatsächlich beträchlich ausgeweitet. Im Zentrum Kabuls sollen sich heute 1.000 empörte Afghanen versammelt haben, von außerhalb sollen sich weitere 4.000 mit Stöcken und Steinen auf den Weg in die Innenstadt gemacht und Auseinandersetzungen mit der Polizei geliefert haben. Unter der Woche wurde von aufgebrachten Mengen in den Vorstädten Kabuls, in Jalalabad, Parwan, Laghman, Logar, Paktia und Kapisa berichtet. Am Donnerstag erschoß ein Mitglied der afghanischen Armee zwei amerikanische Soldaten. In drei Provinzen kamen sieben Afghanen bei Auseinandersetzungen mit Sicherheitskräften ums Leben.
Noch ist nicht absehbar, wann sich die Lage beruhigt. Die Macht Karsais beruhigend einzugreifen, ist beschränkt. In den Zorn über die Schändung des heiligen Buches durch Ungläubige mischt sich auch Unzufriedenheit über die Besatzung, über das Verhalten der internationalen Truppen, die sich in den Protesten Luft verschafft. Die landesweite Erregungen liefert dazu Möglichkeiten, sie politisch auszunutzen, die Flammen weiter zu schüren. Mit dem Gefühl im Rücken, dass dies ja eine legitime Empörung ist. Erste Statements vom Islamischen Emirat in Afghanistan zielen genau darauf:
"The Islamic Emirate of Afghanistan calls on all the youth present in the security apparatus of the Kabul regime to fulfill their religious and national duty to repent for their past sins and to record their names with gold in the history books of Islam and Afghanistan by turning their guns on the foreign infidel invaders instead of their own people."
Doch geht es nicht nur um das Verhältnis der Afghanen zu den internationalen Truppen, allen voran den USA. Die Auseinandersetzungen auf der Straße und vor Gebäuden, in denen internationale Organisationen ihren Sitz haben, finden hauptsächlich zwischen Afghanen statt, zwischen den Aufgebrachten und den Sicherheitskräften. Es geht auch darum, wie die Regierung und ihre Vertreter mit der kritischen Situation fertig werden kann. Ob die Sicherheitskräfte ihre Nerven behalten und nicht in die Menge schießen und ob Geistliche, die auf der Seite der Regierung stehen, die Lage beruhigen können. An einer Ausweitung und Eskalation der Empörung kann nur jenen Machtfilialen liegen, die vom Krieg und den instabilen Verhältnissen profitieren.
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