Mehr als 7 Millionen Deutsche wollen mehr arbeiten
Zahlen des Bundesamts für Statistik widerlegen das angebliche Jobwunder
Die Botschaft, die die Bundesregierung und die sie tragenden Koalitionsfraktionen immer wieder ausrufen, ist eine frohe. Dem deutschen Arbeitsmarkt gehe es prächtig, dank der deutschen Exportindustrie müssten sich die Menschen keine Sorge um ihre Jobs machen. Und auch die Hartz-Reformen der Regierung Schröder werden zu ihrem zehnten Geburtstag kräftig gefeiert. In der Welt darf Hilmar Schneider vom Institut der Zukunft der Arbeit (IZA) sogar die Hartz-Gesetze unhinterfragt dafür loben, dass sie den Menschen Angst vor sozialem Abstieg machen, denn diese Angst bewirke, dass auch "weniger gut" bezahlte und "weniger angenehme" Jobs angenommen würden.
Wie es um das angebliche Jobwunder wirklich steht, zeigen aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamtes. 7,4 Millionen Menschen zwischen 15 und 74 Jahren hätten demnach im Jahr 2011 gern mehr gearbeitet, waren also unterbeschäftigt. Die offizielle Arbeitslosenquote für 2011 gibt das Statistische Bundesamt hingegen nur mit knapp drei Millionen an.
Die Zahlen zeigen deutlich, dass viele der gängigen Behauptungen zum Arbeitsmarkt nicht haltbar sind. So beispielsweise die These, dass Frauen oftmals gar keiner Vollzeittätigkeit nachgehen wollen und für das große Angebot an Teilzeitstellen dankbar seien. Tatsächlich sind jedoch von 1,96 Millionen Teilzeitbeschäftigten, die gern mehr arbeiten würden, nur knapp 550.000 männlich. Knapp 72 Prozent der unterbeschäftigten Erwerbspersonen in Teilzeit hingegen sind Frauen. Insbesondere Frauen in Teilzeit aus Ostdeutschland sind dabei von Unterbeschäftigung betroffen. Sie seien zu 31,7 Prozent unterbeschäftigt, während es bei den Frauen im Westen nur 14,3 Prozent und damit nicht einmal halb so viele sind. Dies hat auch mit einem unterschiedlichen Rollenverständnis der ostdeutschen Frauen zu tun: Im Gegensatz zu Frauen aus dem Westen, die vor allem aus familiären Gründen eine Teilzeitstelle annehmen und sich deshalb nicht als unterbeschäftigt sehen, suchen die Ostdeutschen eigentlich eine echte Vollzeitstelle - und empfinden den Teilzeitjob nur als Ersatz, weil das Angebot an Vollzeitstellen nicht ausreicht.
Bei den unterbeschäftigten Vollzeitbeschäftigten kehrt sich dieses Verhältnis um: Insgesamt würden mehr als 1,7 Millionen von ihnen gern länger arbeiten, mehr als 1,2 Millionen von ihnen, und damit rund 73 Prozent, sind Männer. Bemerkenswert ist dabei allerdings die Definition von Vollzeittätigkeit: schon ab einer üblicherweise geleisteten Wochenarbeitszeit von 32 Arbeitsstunden geht das Statistische Bundesamt von einer Vollzeittätigkeit aus. Es liegt auf der Hand, dass insbesondere im Niedriglohnbereich mit einer Arbeitszeit von 32 Stunden noch kein ausreichendes Einkommen erzielt werden kann, insbesondere wenn auch noch eine Familie versorgt werden will.
Deutschlandweit, so die Berechnung des Statistischen Bundesamtes, liegen 17 Prozent des Arbeitskräftepotentials brach. Davon betroffen sind insbesondere die Neuen Bundesländer und Berlin, wo die Quote bei 22,6 Prozent liegt - Frauen sind hier zu 24,6 Prozent betroffen. Am geringsten ist die Unterbeschäftigungs-Quote bei Männern in Westdeutschland. Sie liegt hier aber immer noch bei 14,9 Prozent. Von einem "Jobwunder" kann also vorerst keine Rede sein.
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