p
24.11.2012Politik-News
Nachrichten aus Politik & Wirtschaft

Frauen in Saudi-Arabien: SMS an den Mann bei der Ausreise

Keine neue Überwachungsmethode, sondern e-Administration und ein steinaltes System

  • drucken
  • versenden

Handelt es sich um ein neues Beispiel dafür, wie gut sich jahrhundertealte Stammestraditionen und steinharte Islam-Auslegung mit moderner Technik, isnbesondere Überwachungstechnik, verbünden lassen? Die Nachrichtenagentur AFP berichtete diese Tage über eine bemerkenswerte Entdeckung, welche Manal al-Sherif, bekannt für ihre Aktion "Women2Drive" (Sie würden von Männern auf der Straße zusammengeschlagen werden), einer größeren Öffentlichkeit via Twitter weitergab.

Zufällig war demnach bekannt geworden, dass der Ehemann, der Vater oder ein anderer als Aufpasser eingesetzter Mann via SMS darüber informiert wird, wenn die ihm anvertraute Frau das Land verlässt. Bei einem Paar, das Saudi-Arabien verließ, erhielt der Mann innerhalb kürzester Zeit eine Kurznachricht auf seinem Mobiltelefon, das ihn in Kenntnis darüber setzte, dass seine Frau soeben die Grenze passiert habe. In dem Bericht, der sich auf mehreren Infoportalen wiederfindet oder auf Twitter-Accounts verlinkt ist, ist die Rede davon, dass es sich dabei um einen Überwachungsservice handelt, der im Geheimen von einer Behörde in Riyad entwickelt wurde, die auf Ein-und Ausreisen achtet.

Freiheiten eines modernen Bloggers in SA

Aufklärung bringt ein Blick ins Riyadh Bureau, einer Website, auf die an dieser Stelle hingewiesen werden soll, weil sie häufig brauchbare Informationen aus dem Land liefert, das bei inneren Angelegenheiten auf Verschleierung großen Wert legt. Betrieben wird Riyadhbureau.com von Ahmed Al Omran, der mit seinem Blog Saudi Jeans einer internationalen Öffentlichkeit bekannt wurde. Nun hat auch der technophile Al Omran mit saudischen Presserestriktionen und -vorgaben zu tun; seine Meinungsfreiheit ist eingeschränkt, man spürt dies - er ist längst nicht so scharf in der Kritik, wie sie sich der saudi-arabische Blogger Religious Policeman (Die Mission des Religionspolizisten) im letzten Jahrzehnt geleistet hatte. Das "tägliche Journal eines saudischen Mannes aus dem Leben im 'magischen Königreich'" wurde leider 2006 eingestellt; dass sich der Religious Policemen mehr Freiheiten herausnehmen konnte, lag natürlich auch daran, dass er sein Blog anonym von London führte.

Ahmed Al Omran schreibt vom Königreich aus. Sein Riyadh Bureau gibt sich alle Mühe, einer Modernität das Wort zu reden; gegenüber fundamentalistischen Forderungen zögert der Blog-Betreiber nicht mit Kritik, so viel Meinungsfreiheit wird ihm von der saudischen Führung dann doch zugestanden. So kann man seinen Informationen zur Überwachungs-Nachricht einiges Vertrauen schenken; immerhin postet al Omran seit vielen Jahren und er gilt als glaubwürdig - wobei natürlich auch bei seiner Webseite nichts garantiert ist....

Überwachung, Frauen, Aufpasser und alte Schaltungen

Al Omran weist er in seinem Eintrag zur eingangs genannten Geschichte von der geheimen Überwachung der Frauen samt SMS-Informationssystem darauf hin, dass ein ähnlicher Vorgang bereits 2010 auf ein solches "notification system" aufmerksam machte. Seit April 2012 neu hinzugekommen sei nun ein System namens Absher, das, so die Erklärung von Ahmed Al Omran, eine Art e-Administration ist, das Behördengänge erspart, weil es Reiseerlaubnisse auf elektronischem Wege gewährt.

Früher brauchten Frauen, die aus Saudi-Arabien ausreisen wollten, ein Formular, das "yellow slip" genannt wird. Absher macht dieses Formular, auf dem die Unterschrift des Aufpassers notwendig ist und das dem Pass beigelegt wird, überflüssig. Um diesen Dienst in Anspruch nehmen zu können, muss man sich auf einer Webseite des Innenministeriums registrieren. Dazu ist laut Riyadh Bureau auch die Angabe der Nummer des Mobiltelefons nötig, zur Identifikation ("for authentication"). Die Antragsteller würden zudem eine "Electronic Services Registration & Activation Form" unterzeichnen. Die allgemeinen Geschäftsbedingungen enthalten eine Passus, wonach der Dienst SMS-Benachrichtigungen schicken würde, wenn es einen Anlass gibt, der mit den persönlichen Dokumenten (Reisepass, Führerschein etc.) und Handlungen, Geschäftsabwicklungen des Unterzeichners - oder von Personen, die von ihm abhängig sind - zu tun haben.

Daher, so folgert al Omran mit einiger Plausibilität kämen die SMS-Nachrichten, die momentan für Medienmeldungen sorgen. Man könne aber laut AGB aus diesem Dienst aussteigen. Und man müssen ihn auch gar nicht erst in Anspruch nehmen. Wenn man die bequemere elektronische Lösung wolle, also keine Amtsgänge wegen des Ausreiseformulars, sei man aber leider dazu gezwungen.

Den Skandal an der Sache sieht Omran am richtigen, wunden Punkt. Der liegt – in diesem Fall - weniger in dem System, das Benachrichtigungs-SMS verschickt, sondern an dem religiös-politischen System, das verlangt, dass Frauen die Genehmigung von ihren "männlichen Aufpassern" brauchen, um zu verreisen. Das System zwingt auch den, der solche Regeln gar nicht will, dazu, sie zu befolgen. Er hofft darauf, dass das Innenministerium in dem e-Administrationsdienst eines Tages auch die Option einbaue: "Meine weiblichen Verwandten brauchen keine Reiserlaubnis."

Das scheint der Technik zum Trotz in weiter Ferne.

http://www.heise.de/tp/blogs/8/153246
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Peinlicher Fehler deckt die Unterwanderung von Windows durch die NSA auf

Duncan Campbell 09.09.1999

Die Entdeckungen von Nicko van Someren und Andrew Fernandes.

weiterlesen
Cover

Dein Staat gehört Dir!

Ein Abschiedsbrief an das Wutbürgertum

Cover

Können Roboter lügen?

Essays zur Robotik und Künstlichen Intelligenz

bilder

seen.by


TELEPOLIS