Fataler algerischer Alleingang
Der Angriff des algerischen Militärs hat vielen Geiseln und radikalen Islamisten das Leben gekostet, doch das Geiseldrama dauert an
Am Donnerstag versuchte die algerische Armee, die Geiseln in der Erdgas-Förderanlage in Amenas gewaltsam aus den Händen von radikalen Islamisten zu befreien. Bei dem Angriff auf das am Vortag besetzte Gasfeld im Südosten des Landes an der Grenze zu Libyen wurden etliche Geiseln und auch Geiselnehmer getötet, wurde nun aus Frankreich und Großbritannien bestätigt. Der Versuch ist aber definitiv gescheitert, das Problem in der Sahara schnell mit einem kompromisslosen Vorgehen zu lösen. Noch immer verschanzen sich die "Unterzeichner mit Blut", die Al-Kaida im Maghreb (AQMI) nahestehen, in der Anlage mit etlichen Geiseln.
Dabei hatte die staatliche algerische Nachrichtenagentur APS sogar gemeldet, das Geiseldrama sei beendet. Doch musste APS schnell zurückrudern. Deshalb ist nun auch die APS-Meldung zunächst mit Vorsicht genossen werden, wonach das Militär etwa 650 Geiseln befreit haben will. Mit Berufung auf Sicherheitskräfte wurde mitgeteilt, fast 100 der 132 ausländischen Geiseln gerettet worden seien. Das erstaunt, denn bisher wurde deren Zahl mit höchstens 45 angegeben.
Der Darstellung, die Geiselnahme, sei beendet, hatten auch die radikalen Islamisten unter Führung von Moktar Belmoktar widersprochen, die in Kontakt mit der mauretanischen Nachrichtenagentur ANI stehen. Ihre Angaben vom Vortag haben sie konkretisiert. Erneut bezifferten sie die Zahl der beim Angriff getöteten Geiseln auf 34, während sie die Zahl der getöteten Geiselnehmer von 14 auf 15 heraufgesetzt haben.
Dass es sich um eine gut vorbereitete und von langer Hand geplante Aktion handelt, bestätigten sie. Man sei "seit zwei Monaten" bereit, erklärte ein Sprecher der Gruppe. Dass es keinen Zusammenhang zum militärischen Eingreifen Frankreichs in Mali gäbe, wie Paris behauptet, wies er zurück. Man habe vorausgesehen, dass sich Algerien "mit Frankreich verbünden wird". Algerien hatte der französischen Luftwaffe für das militärische Eingreifen im angrenzenden Mali Überflugrechte gewährt. Frankreich geht in Mali gegen Islamisten und Tuareg-Rebellen vor.
Die Islamisten haben nicht nur erneut gedroht, alle übrigen Geiseln zu ermorden, sondern kündigten auch weitere Angriffe auf Interessen der Länder an, die Frankreich unterstützen. Direkt wurde die Bevölkerung in Algerien angesprochen. "Halten sie sich von Anlagen fern, die von ausländischen Unternehmen betrieben werden, denn wir werden dort zuschlagen, wo es niemand vermutet."
Kritik an der algerischen Regierung
Dass das Drama in der algerischen Wüste aber längst nicht beendet ist, hat auch das britische Außenministerium bestätigt. Es sprach davon, dass an verschiedenen Stellen des Geländes "Aktivitäten der Terroristen" anhielten. Großbritannien wurde auf schlechte Nachrichten vorbereitet. Die Zahl gefährdeter Personen aus dem Königreich war zunächst mit etwa 30 angegeben worden. Damit stellen Briten wohl die größte Gruppe unter den ausländischen Geiseln, die mit bis zu 45 beziffert wird, während der überwiegende Teil aus Algerier stammt. Das Gasfeld wird von der britischen BP, der norwegischen Statoil und der algerischen Sonatrach ausgebeutet.
Cameron hat am Freitag in einer Rede von dem Unterhaus aber erklärt, die Zahl der "bedrohten Personen" habe sich "deutlich verringert". Das kann auch damit zu tun haben, dass Geiseln beim Angriff fliehen konnten oder ums Leben kamen.
Stephen McFaul, Ingenieur aus dem nordirischen Belfast, überlebte den Raketenbeschuss. Er hat gesehen, wie vier mit Geiseln besetzte Fahrzeuge explodierten. Das teilte sein Bruder Brian mit, nachdem er Stephen gesprochen hatte. Keiner der Insassen der getroffenen Fahrzeuge habe überlebt, bekräftigte er. Den Geiseln waren, wie auch seinem Bruder, Sprengstoffgürtel angelegt worden, um die Armee von einem Angriff abzuhalten. Stephen habe fliehen können, weil sein Fahrzeug verunglückte, als es beschossen wurde.
Das deckt sich mit Angaben, die der algerische Premierminister Abdelmalek Sellal gegenüber Cameron machte. Als die Islamisten versucht hätten, mit den Geiseln zu fliehen, sei man eingeschritten, da eine Bedrohung für das Leben der Geiseln bestanden habe, begründete Sellal den Angriff. Cameron kritisierte, dass die Forderungen unbeachtet geblieben seien, das Leben der Geiseln müsse oberste Priorität haben. "Ich habe technische und Geheimdienstunterstützung angeboten, besonders von Experten für Geiselnahmen, um eine erfolgreiche Lösung zu finden." Cameron beschwerte sich, dass alle Angebote abgelehnt wurden und noch immer keine Klarheit über die reale Lage bestehe. Man sei auch von Algerien nicht vor wichtigen Schritten konsultiert worden, worauf neben Großbritannien, auch die USA und Japan zuvor gedrängt hatten. Deshalb prasselt auch aus den USA Kritik auf Algier ein, denn auch die USA hatten Hilfe angeboten. Der japanische Ministerpräsident Shinzo Abe ist ebenfalls sauer, denn nach bisher vorliegenden Informationen kostete der Angriff zwei Japanern das Leben. So herrscht in Tokio noch Unklarheit über das Schicksal von weiteren 14 Japanern.
Zwar ist die Lage noch verworren, klar ist aber, dass die militärischen Intervention in Mali längst die Grenze überschritten hat, während sich die Unterstützung weiterer Länder anbahnt, die damit auch ins Blickfeld der Islamisten geraten. Die Europäische Union hatte am Donnerstag entschieden, Militär-Ausbilder nach Mali zu schicken. Die Bundeswehr will sich mit zwei Transportmaschinen an der Intervention in dem westafrikanischen Land beteiligen. Sie sollen nicht die französischen Truppen verstärken, sondern Soldaten der westafrikanischen Allianz Ecowas aus den umliegenden Ländern nach Mali fliegen, die sich an der "Friedensmission" beteiligen sollen.
Paris geht dort praktisch im Alleingang gegen Islamisten und Tuareg-Rebellen im Norden des Landes vor. Im April hatten die - nach einem Militärputsch in Bamako - das Machtvakuum genutzt und den Norden des Landes für unabhängig erklärt. Er wird Azawad genannt. Die Region verfügt über viel Uran, Öl, Gas, Gold und Phosphat. Kritiker meinen deshalb, Paris sorge sich vor allem um den Uran-Nachschub für seine Atomkraftwerke und interveniere deshalb in der Region. Auch der benachbarte Niger wird durch Entführungen ebenfalls immer unsicherer, woher Frankreich ein Drittel seines Urans fördert. Bis 2014 soll dort die zweitgrößte oberirdische Uranmine bereit zum Abbau sein.
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