Verwechslungsgefahr offline...
Twister31.07.2004
Als Evangeline Loppessita - von allen, die sie liebten oder hassten, nur La Loppessita genannt - in mein Leben trat, hatte ich noch nie von ihr gehört. Ich interessierte mich nicht für die Reichen und Schönen oder für Mode. Wie hätte ich von ihr hören sollen?
Und doch stand sie eines Tages vor meiner Tür, Haare und Gesicht durch einen Schleier verborgen, begleitet von einem Tross schwarz gekleideter, bulliger Bodyguards und jenen Männern, denen man den Manager und Anwalt schon von weitem ansah.
Ich kam nicht dazu sie zu fragen, was sie wollten, denn man schob mich brüsk zur Seite, betrat meine Wohnung und schloss die Tür. Und dann nahm La Loppessita den Schleier ab und ich blickte erschrocken und fasziniert zugleich auf ihr Gesicht.
Es war als schaute ich in einen perfekten Spiegel. Die gleiche gerade Nase, die gleichen grünen Augen, der leichte Schmollmund, die hohen Wangenknochen. Als wären wir Zwillinge. Doch La Loppessita ließ mir keine Zeit, meine Überraschung zu verarbeiten.
"Ich bin nicht gewillt, das hinzunehmen. Selbst unser Gang ist gleich." fauchte sie und dann klärte mich ihr Manager darüber auf, dass La Loppessita es nicht dulden würde, dass man mich mir ihr verwechseln könne. Sie würde verlangen, dass ich dafür Sorge trage, dass eine Verwechslungsgefahr nicht mehr besteht. Nicht die geringste Möglichkeit, wie er betonte.
"Wenn eine Homepage mit meiner verwechselt werden kann, dann sorge ich dafür, dass sie sich verändert oder verschwindet." sagte La Loppessita kalt und ihre Augen waren wie grüne Murmeln als sie ihren Schleier wieder über ihr Haar und auch das Gesicht zog. "Deine Wahl, Kleine."
Ich nahm den silbernen Kugelschreiber, den mir ihr Manager reichte. "Kluge Wahl." sagte er und ich verpflichtete mich, jegliche Verwechslungsgefahr zu unterbinden.
Als sie gingen, zog ich meine Schuhe an und ging zum Supermarkt um die Ecke. Ich kaufte Whisky. Und Whisky. Und Whisky. Und Kopfschmerztabletten bei der Apotheke. Und dann stellte ich mich vor den Spiegel und während ich trank und trank und trank und zwischendurch die Tabletten schluckte, sah ich fortwährend in den Spiegel, sah mein Gesicht. Das letzte Mal. Dann schwankte ich auf den Balkon hinaus, kletterte auf das Geländer und machte mich daran, meinen Vertrag zu erfüllen.
Ich hörte nie wieder etwas von La Loppessita, doch ab und an sah ich ihr Bild auf den Titelbildern der Magazine. Dann krallte sich meine Hand fester um den Griff der Krücke und ich humpelte weiter.
Ein Jahr später klingelte es an der Tür. Es gab nicht mehr viele, die mich besuchten. So öffnete ich langsam die Tür und blickte auf den Mann im grauen Anzug, der mich seinerseits musterte. Sein Blick glitt über die Krücke, über meine mit wulstigen Narben bedeckten Beine, blieb dann an meinem Gesicht hängen, dieser wüsten Landschaft aus mühsam zusammengesetzten Knochen, aus zusammengeflickter Haut und dicken Narben.
"Keine Verwechslungsgefahr mehr." sagte ich tonlos doch er winkte nur ab. "Hey, das ist Schnee von gestern. Hör mal, die Leute sind angeödet von La Loppessita und all den anderen perfekten Tussen. Sie wollen was anderes, etwas völlig Neues. Und da dachte ich spontan an Dich."
Er berührte meine deformierte Nase und sah fasziniert auf die abgebrochenen Zähne, die zu reparieren ich mir nicht leisten konnte.
"Super, einfach super, Baby. Die Leute werden Dich lieben..."
Er hielt mir den Kugelschreiber hin, mit dem ich vor einem Jahr den Vertrag unterschrieben hatte, der mich für immer zu einer lebenden Monstrosität gemacht hatte.
"Sag mal..." Er legte prüfend den Kopf schräg. "Eitern die Wunden ab und zu? Das wäre einfach noch geiler, finde ich."
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