Follow me... into the darkness
Twister03.07.2004
Ich glaube, es gab eigentlich nichts Schlimmeres
für mich als sie! Im Ernst, sie war süß und hatte durchaus
ihre Vorteile, aber alles in allem war sie einfach jemand, den man nur verachten
konnte. Natürlich sagte ich ihr das nicht, denn... wie gesagt... sie
war süß und so. Ganz ehrlich: sie hatte einen entzückenden
Po und ich mochte es wie sie redete. Ich mochte sogar, wie sie ihre Haare
färbte, auch wenn die Farben manchmal abstrus aussahen. Und ich finde,
es war eigentlich fair, ihr gegenüber meine Verachtung nicht durchschimmern
zu lassen. Obwohl sie nicht einmal Abitur hatte, fand ich sie nicht deshalb
verachtenswert, es war eher wegen ihrer Penetranz. Und deshalb fing ich
irgendwann an mir zu überlegen, wie ich ihr wehtun konnte. Ich weiß,
das klingt gemein oder pervers, aber... ach, ich werde Dich einfach duzen,
okay? Das macht es einfacher, Dir zu erklären, worum es mir ging.
Also zurück zum Wehtun. Hast Du nie einen
Freund oder eine Freundin gehabt, über die (oder über den) Du
wirklich Macht gehabt hast? Hast Du es nie genossen zu sagen "oh, morgen
habe ich keine Zeit" nur um zu sehen wie die Reaktion ist? Hat Dir jemand
zehnmal die Frage gestellt, ob er dich sehen würde, ob Du ihn treffen
willst? Und hast Du zehnmal mit "ich weiß nicht" geantwortet obwohl
Du längst "ja" gesagt hattest? Hattest Du dieses wirklich wirklich
wirklich gute, geile Gefühl dabei? Ich ja. Und das ist eben Macht.
Macht, den anderen zu lenken. Macht, den anderen zu manipulieren. Das ist
Befriedigung pur. Und dem anderen wehtun zu können ist noch viel schöner.
Also fing ich an ihr zu sagen, was sie falsch machte. Erst nur sehr vorsichtig und sehr sanft. So eine Art vorsichtiges Abstubsen. "Hallo... ich bin es... da gibt es etwas, was ich sagen wollte..." Dann ein "hallo... ich bin es wieder..." und so ging es weiter. Ich war nicht plump, wirklich nicht. Plump sein ist irgendwie beschämend. Ich aber war sanft, sehr sanft sogar. Ich mochte sie ja wirklich.
Eines Abends saß sie dann bei mir, hielt
ein Glas in der Hand und weinte. "Ich bin dick, oder?" fragte sie und wusste
die Antwort doch längst. "Nein", sagte ich freundlich. "Also nicht
direkt dick. Ich finde es okay, dass Du eben ungesund isst. Und unregelmäßig.
Und ich denke, es ist wichtig, wie Du Dich fühlst." Ich ließ
ein paar Minuten verstreichen. "Nein, dick würde ich... nun nicht sagen.
Du bist eben... Du bist eben jemand, der den Magersuchtstrip nicht mitmacht."
Und damit hatte ich sie. Ein für alle Male. Es ging ja nicht darum,
etwas Verletzendes zu sagen, das ist langweilig. Es ging darum, eben nichts
Verletzendes zu sagen, das eigene Empfinden, versagt zu haben, zu triggern.
"Hey, es ist okay, nicht den Massenmusikgeschmack zu haben." meinte ich.
"Wirklich. Es muss ja nicht jeder den Standard mögen. Ehrlich nicht."
Jeder meiner Sätze wurde durch "ehrlich nicht" vervollständigt.
Egal ob es um ihre Essgewohnheiten ging, um ihren Musikgeschmack, ihre Bücher,
ihre Kleidung... immer war es "schon okay, etwas anders zu sein", "kein
Problem", "ehrlich nicht"...
Eigentlich, um es ganz ehrlich zu sagen, habe ich ihr ihr ganzes Leben, so ich es kenne, vorgehalten. Wie oft sie nachts zu viel gegessen hat, wann sie welche depressive Musik gehört hat, wann sie zuviel geraucht hat, zuviel gechattet hat, das Falsche gekauft hat, das Falsche angezogen hat, den Falschen angerufen hat. Und - ich gebe es zu. Als sie dann aufstand, ihr Glas noch in der Hand, die Balkontür öffnete, da freute ich mich. Ich freute mich wirklich. Und als ich ihren Schrei hörte, fast unterdrückt, da freute ich mich noch mehr. Gotcha!
Ich war lange alleine und das tat mir weh.
Aber heute sah ich sie... sie sieht wunderhübsch aus. Lange dunkle
Haare, schmale Figur... Ich mag sie. Und sie hat heute als Erstes Joghurt
gegessen. Und die Waage hat etwas Untergewicht angezeigt. Und ihre Musik
war etwas traurig.
"Genau wie auch alle anderen Elektrogeräte ist der Kühlschrank komplett vernetzt." stand auf dem Infoblatt, das jeder Mieter bekam. Ich wünschte, ich würde einen Namen bekommen.
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