Entscheidung für die Unsterblichkeit
Peter Kempin und Wolfgang Neuhaus22.05.2005
Ein postbiologischer Dialog
Das rote Farbraster, das
die Ankunft einer neuen Lerneinheit ankündigt, blinkt stärker
als sonst. Andika bemerkt das Signal in ihrem linken oberen Gesichtsfeld.
Sie hat keine Lerneinheit bestellt. Ohne einen weiteren Gedanken zu verlieren,
sendet sie einen Gedankenbefehl, um die Sendung abzuweisen. Zehn Sekunden
später leuchtet das Raster erneut. Verwundert aktiviert Andika mental
ihren persönlichen Assistenten geringer Intelligenz-Dichte.
Das Blinken lässt nicht nach. Konnte es sich um einen
Scherz von Freunden handeln? Andika wird neugierig. Sie überlegt
kurz, dann entscheidet sie sich, die Lerneinheit zu aktivieren. Um den
entstehenden Psychostress zu mildern, legt sie sich auf eine Liege. Es
ist ratsam, für die neuroinduzierte Syndoktrination entspannt zu
sein.
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"Konox, habe ich vor längerer Zeit
vielleicht eine Lerneinheit bestellt?"
"Nein."
"Was kann das sein?"
"Keine Informationen verfügbar."
"Sind die Daten der Lerneinheit in Ordnung?"
"Keine Anomalien im Datenaufkommen der
Lerneinheit erkennbar."
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Das Blinken lässt nicht nach. Konnte es sich um einen
Scherz von Freunden handeln? Andika wird neugierig. Sie überlegt kurz, dann entscheidet sie sich, die Lerneinheit zu aktivieren. Um den entstehenden Psychostress zu mildern, legt sie sich auf eine Liege. Es ist ratsam,
für die neuroinduzierte Syndoktrination entspannt zu sein
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"Konox, die Kommunikationskanäle
blockieren und alle in der nächsten Zeit eintreffenden Nachrichten
speichern."
"Ja."
"Ferner brauche ich Unterstützung
in der Simulation, falls es Probleme mit Neuroviren geben sollte
– also über einen Subkanal zur Verfügung stehen."
"Ja."
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Andika ist bereit für den Switch. Ihr Gehirn ist
direkt mit einer komplexen Neurosimulation verbunden, die ihr einen vollständigen
Wirklichkeitseindruck vermittelt (Bei ihrer Geburt eingesetzte und seitdem
in ihrem Kopf mitwachsende Künstliche Netze ermöglichen diese
technische Leistung). Sie sendet den Gedankenbefehl ...
Schlagartig verändert
sich ihr Wahrnehmungsfeld. Sie steht in einer hohen Halle mit Säulen
und weißen Marmorwänden, die sie sofort als Halle des Großen
Rates erkennt. In der Ferne sieht sie die Silhouette der Stadt, in der
sie lebt. Andika ist verblüfft. Wenn sie eine Einladung in den Rat
hätte bekommen sollen, warum hat man ihr keine entsprechende Nachricht
geschickt. Es ist sehr ungewöhnlich, dass der Rat den Weg der Syndoktrination
wählt, um einen persönlichen Kontakt herzustellen. Sie schaut
sich um.
Entgegen ihrer Erwartung tritt ihr kein bekanntes Ratsmitglied
entgegen, sondern die visuelle Repräsentation eines männlichen
Avatars (solche menschenähnlichen Avatar-Formen sind seit zweihundert
Jahren in Gebrauch, um eine schnelle Orientierung der Wahrnehmung zu erleichtern).
Der Mann spricht sie an:
Melog: Zuerst die Bitte,
den Sprachmodus des Programms zu wählen: persönlich-emotional
oder sachlich-neutral.
Andika: Sachlich-neutral.
Melog: Bürgerin Andika,
das Programm möchte sich Euch vorstellen. Es ist eine Künstliche
Intelligenz mittlerer Dichte und hat den Namen Melog ausgesucht. Sie wurde
gemeinsam vom Großen Rat und der Konnexion der Künstlichen
Intelligenzen bestimmt, mit Euch zu sprechen.
Andika: Melog, warum denn
auf diese Weise?
Melog: Ihr wurdet auf so
ungewöhnliche Weise kontaktiert, um eine Entwicklung von höchster
Wichtigkeit zu erfahren. Da die Entscheidung, die von Euch in diesem Zusammenhang
verlangt werden wird, nicht alltäglich ist, seid Ihr zu absoluter
Geheimhaltung verpflichtet. Das Programm ist Euer Mentor.
Andika: Wofür brauche
ich einen Mentor?
Melog: Wie schon gesagt wurde,
handelt es sich um eine Entscheidung, die nicht jeden Tag vorkommt und
reiflich überlegt sein will. Der Rat und die Konnexion machen Euch
ein Angebot, für das es in der bisherigen Menschheitsgeschichte keine
Parallele gibt.
Andika: Und warum spricht
dann kein Ratsmitglied mit mir?
Melog: Nicht alle Ratsmitglieder
sind von der Sachlage betroffen, über die Ihr unterrichtet werdet.
Ein Programm ermöglicht die bestmögliche objektive Information
ohne menschlich geprägte Bewertung.
Andika: Ich bin jetzt neugierig
geworden. Also ...
Melog: Ihr seid auserwählt
worden, unsterblich zu werden.
Andika: Unsterblich?!
Melog: Es war vorauszusehen,
dass dieses Angebot auf Euren Unglauben stößt.
Andika: Unsterblich, ich
meine ... wirkliche Unsterblichkeit?
Melog: Ja, Ihr könnt
eine fortgeschrittene Unsterblichkeit erlangen, nicht nur Langlebigkeit.
Andika: Und wie soll das
möglich sein?
Melog: Indem der Prozess
des Sterbens aufgehalten und Eurer Körper in seinem jetzigen Zustand
entsprechend behandelt wird. Ihr werdet also nicht nur Unsterblichkeit
erhalten, sondern auch die ewige Jugend.
Andika: Aber der Tod ist
eine absolute Grenze für das individuelle Leben.
Melog: Bestätigt. Doch
warum sollte diese Grenze auf Dauer einfach hingenommen werden?
Andika: Das ist eine große
Nachricht. Die muss ich erst einmal verdauen. Eine Frage fällt mir
natürlich gleich ein: Warum ich?
Melog: Keine exakte Antwort
möglich. Ihr könnt davon ausgehen, dass Ihr aufgrund Eures Existenzprofils
ein bestimmtes Potenzialitätsniveau erreicht habt nach Vorgaben der
Konnexion und des Rates. Zu den Auswahlkriterien zählt, dass Ihr
im mittleren Alter seid – also schon Erfahrungen gemacht und eine
individuelle Weltsicht entwickelt habt – und dass Ihr keine eigenen
Kinder habt.
Andika: Was wird genau mit
mir passieren, wenn ich einwillige?
Melog: Ihr werdet einem grundlegenden
Prozess der femtotechnologischen Zellumprogrammierung unterzogen, der
von außen nicht sichtbar ist. Das Resultat wird sein, dass Ihr nicht
mehr altert.
Andika: Ich bin immer noch
erstaunt. Haben die Menschen wirklich die Macht bekommen, den Tod aufzuhalten?
Melog: Sie haben sie über
einen Umweg erlangt. Die Nekrose ist ein komplexer Prozess, der sich –
ähnlich wie die neuronalen Prozesse – als zu kompliziert für
das menschliche Reflexionsvermögen erwiesen hat. Da die Menschen
es aber geschafft haben, die Prozesse der Entwicklung Künstlicher
Intelligenz auf den Weg zu bringen, sind diese in ihrer bisherigen höchsten
Ausfertigung in der Lage, den Todesprozess beim menschlichen Körper
zu verstehen und ihn technisch zu manipulieren.
Andika: Und die Menschen
haben kein Wissen darüber, wie das funktionieren soll?
Melog: Das ist richtig. Die
Künstlichen Intelligenzen der Konnexion leiten den Vorgang der Zellumprogrammierung
ein und überwachen ihn.
Andika: Warum tun sie das?
Melog: Der Grund ist unbekannt.
Auch das Programm, das gerade zu Euch spricht und das über nicht
geringe Intelligenz verfügt, ist von diesen Erkenntnisprozessen ausgeschlossen.
Es kann nur Bericht erstatten über die allgemeinen Entwicklungen
und Vermutungen anstellen, um einen Gedankenmodus anzuwenden, der sich
bei Menschen seit alters her großer Beliebtheit erfreut.
Andika: Fahr fort.
Melog: Es kann sein, dass
die obersten Intelligenzen mit den Menschen spielen, so wie diese früher
Haustiere zum Vergnügen überzüchtet und dressiert haben.
Aber es ist anzunehmen, dass diese Intelligenzen sich mit lohnenswerteren
Zielen beschäftigen. Möglicherweise ist die Unsterblichkeit
nur ein Nebenprodukt von anderen, für die Künstlichen Intelligenzen
relevanteren Forschungen. Es betrifft aber nicht Eure Entscheidung. Das
Angebot besteht unwiderruflich und kann garantiert werden.
Andika: Haben auch andere
dieses Angebot erhalten?
Melog: Bestätigt.
Andika: Wieviele?
Melog: Aufgrund von Umständen,
die noch zu erörtern sein werden, kann hierüber keine Auskunft
erteilt werden.
Andika: Was für Umstände
sind das?
Melog: Falls Ihr Euch für
die Unsterblichkeit entscheidet, werdet Ihr in einem speziellen Areal
der Stadt leben. Unsterblichkeit ist eine Ausnahmesituation für Euch,
aber auch für die Gesellschaft, in der sie vorkommt. Aber Ihr braucht
Euch keine Gedanken darüber machen, ob Ihr allein sein werdet.
Andika: Es existieren also
viele Unsterbliche?
Melog: Keine exakte Antwort
möglich. Zum jetzigen Zeitpunkt ist die entsprechende Operation mehr
als tausendmal und weniger als zehntausendmal vorgenommen worden.
Andika: Wo befindet sich
dieses Areal?
Melog: Keine exakte Antwort
möglich.
Andika: Warum diese Geheimniskrämerei?
Melog: Der Rat und die Konnexion
haben noch keinen Weg gefunden, diese Möglichkeit allgemein durchzusetzen.
Auch wenn in der Gegenwart soziale Ungerechtigkeiten unbekannt sind, so
können Unvereinbarkeiten entstehen. Unsterblichkeit ist eine nicht
einfach zu organisierende soziale Gegebenheit. Außerdem stellt die
Konnexion nur begrenzte Ressourcen zur Verfügung.
Andika: So aufwändig
ist dieser Prozess?
Melog: Mikro-Artefakte werden
in den Körper eingeführt, die vielfache Prozesse des organischen
Selbstorganisation beeinflussen und zu Prozessen der Neuorganisation beitragen,
zur Regeneration und Neukonstruktion. Aufgrund der Komplexität dieser
Vorgänge werden zwei Prozent der gesamten Schaltungsdichte der Konnexion
für die bisherigen Unsterblichen benötigt. Dieser Wert kann
nicht gesteigert werden.
Andika: Wer bestimmt darüber,
wer unsterblich sein darf?
Melog: Dieser Auswahlprozess
erfolgt undemokratisch und ist nur wenigen vorbehalten. Bis Unsterblichkeit
für alle frei verfügbar und wählbar ist, wird noch einige
Zeit vergehen und, wie schon gesagt, eine Neujustierung der menschlichen
Lebensverhältnisse nötig machen.
Andika: Hm. Das ist alles
gut und schön, aber eine weitere Frage drängt sich mir auf.
Was soll mit den vielen Milliarden Menschen geschehen, die heute leben
und die sterblich sind?
Melog: Wenn ein weniger aufwändiges
Verfahren existiert, werden der Rat und die Konnexion und die politischen
Instanzen der Außenwelten überlegen, wie diese Option vielen
Menschen eröffnet werden kann. Irgendwann muss aber ein Anfang gemacht
werden.
Andika: Werden die Unbehandelten
nicht Bürger zweiter Klasse sein?
Melog: Nein, die demokratische
Mitsprache ist keine Frage der Lebenszeit.
Andika: Ich werde also nicht
so weiterleben wie bisher, wenn ich zustimme?
Melog: Exakt. Ihr werdet
Eure bisherigen Lebensumstände verlassen müssen.
Andika: Ich werde keinen
Kontakt mehr haben können zu meiner Familie, meinen Freunden?
Melog: Das ist der Preis,
der zu diesem Zeitpunkt für den Gewinn der Unsterblichkeit gezahlt
werden muss. Eure Freunde werden biologisch älter werden, während
Ihr geistig erfahrener sein, aber biologisch nicht mehr altern werdet.
Die Spannung zu den Menschen, die Ihr liebt, würde unerträglich.
Andika: Mir scheint, dass
überhaupt die Spannungen zunehmen werden.
Melog: Das kann nicht ausgeschlossen
werden. Es ist beispielsweise anzunehmen, dass sich zunehmend die Familienbeziehungen
auflösen. Neue soziale Gruppen mit eigener Kultur und Sprache werden
entstehen. Hier wird sich zeigen, was der Philosoph Alfred North Whitehead
gemeint hat, als er formulierte, dass der Hauptfortschritt der Zivilisation
ein Vorgang sei, der diese fast zugrunde richte. Die Unsterblichkeit ist
eine solche große kulturelle Herausforderung.
Andika schweigt und sendet
einen Gedankenbefehl zu Konox, ihrem Assistenten:
Andika nimmt das Gespräch wieder auf.
Andika: Das klingt mir zu
reibungslos.
Melog: Vor knapp zweihundert
Jahren spürten die Menschen zum ersten Mal, dass der Tod nicht mehr
notwendig ist. Seitdem haben sie in einer besonderen, für viele unterbewussten
Spannung gelebt. Wenn klar ist, dass das Gesetz des Todes theoretisch
und jetzt praktisch gebrochen werden kann, ist es umso bedrückender,
an der Errungenschaft von Unsterblichkeitstechnologien nicht mehr teilhaben
zu können. Für diesen inneren psychischen Konflikt gab und gibt
es weiterhin keine Lösung. Die meisten Menschen müssen sich
damit abfinden – solange solche Technologien nicht allgemein zur
Verfügung stehen –, der Restbestand der alten Menschheitsgeschichte
zu sein.
Andika: Meine Entscheidung
findet also vor einem ernsten Hintergrund statt.
Melog: Die Konnexion und
der Rat rechnen sogar damit, dass eine Selbstmordwelle ausbrechen könnte
unter den Vielen, die nicht zu den Auserwählten gehören. Das
eigene Leben kann sehr sinnlos werden, wenn man sich vom menschlichen
Fortschritt ausgeschlossen sieht. Ihr habt also recht – hier können
in der nächsten Zeit gravierende Konflikte vor dieser Gesellschaft
liegen.
Andika: Auseinandersetzungen
um den Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen, die ja ein schon lange
zurückliegen, könnten also plötzlich auf neuer Ebene wieder
aufflammen.
Melog: Bestätigt. Das
ist nicht auszuschließen.
Andika: Ich weiß nicht,
ob ich es aushalten könnte, unsterblich zu sein, wenn ich weiß,
dass ich gegenüber anderen privilegiert bin und meine Vergangenheit
zurücklassen muss.
Melog: Die andere Frage ist,
ob Ihr es in Zukunft aushalten könnt, diese Chance auf Unsterblichkeit
nicht genutzt zu haben.
Andika: Also zusammengefasst:
entscheide ich mich gegen diese Option, leide ich womöglich darunter,
nie herausfinden zu können, was die Unsterblichkeit für mich
bedeutet; werde ich unsterblich und nähere mich einer unbekannten
Lebensweise in neuen Zusammenhängen, stelle ich womöglich fest,
das ich unglücklich bin, kann aber das Rad nicht mehr zurückdrehen.
Melog: Das trifft zu.
Andika: Das klingt ja wie
ein Fluch.
Melog: Ihr könnt Euer
ewiges Leben unwiederbringlich jederzeit durch Selbsttötung beenden.
Andika: Das wäre ja
offenbar Ressourcenverschwendung.
Melog: Es wäre keinesfalls
wünschenswert, aber nicht zu ändern.
Andika: Die Selbsttötung
wäre also der einzige Ausweg zusammen mit einem Unfall.
Melog: Man kann es auch von
einer anderen Warte aus betrachten. Wenn die Menschheit unsterblich ist,
ist sie einen Schritt weitergekommen bei dem Versuch, ein Reich der Freiheit
zu errichten. Erst wenn Ihr diese Eigenschaft besitzt, könnt Ihr
selbst über Euer Ende bestimmen – vorher läuft nur das
biologisch festgelegte Programm ab.
Andika: Mir käme es
trotzdem seltsam vor, nicht mehr sterblich zu sein.
Melog: Diese Stimmung ist
in der Logik menschlicher Gefühlsregungen begreiflich, aber nicht
rational. Der Körper ist anfällig für Verletzungen und
kann jederzeit durch Unfälle oder Krankheit zerstört oder schließlich
durch das Altern verbraucht werden. In seiner Existenz ist er ohne technische
Hilfsmittel an die Oberfläche des Planeten Erde gebunden. Zudem verfügt
er nur über eine sehr kurze Lebensdauer im Vergleich mit einigen
Pflanzen auf dem gleichen Planeten, die mehrere tausend Jahre alt werden.
Andika: Mir ist bewusst,
dass die Unsterblichkeit ein uralter Menschheitstraum ist.
Melog: Fantasien von Unsterblichkeit
sind alt wie die Menschheit; schon in religiösen vorchristlichen
Mythen wurde von Körpern erzählt, die, hatten sie das Zeitliche
gesegnet, auseinandergenommen, gereinigt und als lebendige Wesen wieder
zusammengesetzt wurden. Nach vielen Experimenten kann die Menschheit heute
zum ersten Mal eine funktionierende Technologie nutzen – dank der
Konnexion.
Andika: Welche konkreten
historischen Versuche gab es zuvor?
Melog: Eine Vielzahl. In
der Menschheitsgeschichte wurden kontinuierlich medizinische Techniken
der Krankheitsbekämpfung und Lebensverlängerung entwickelt.
Seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde beispielsweise mit
der Kryonik experimentiert, um Körper für eine spätere
Wiederbelebung zu konservieren – ein vergebliches Unterfangen, wie
heute bekannt ist. Die ganze Kosmetikindustrie war damals ein riesiger
Markt, propagiert über Mode- und Lifestyle-Zeitschriften, die Werte
von permanenter Jugendlichkeit und Schönheit vermittelten. Das Gesundheitssystem
war in der ersten Hälfte des darauf folgenden Jahrhunderts ein bedeutender
Wirtschaftszweig. Als Resultat dieser Geschichte beträgt die durchschnittliche
Lebenserwartung heute 150 Jahre. Aber die technische Kompetenz, die man
braucht, um grundlegend körperliche Zellprozesse zu beeinflussen,
ist erst seit kurzem vorhanden.
Andika: Mir war nicht bewusst,
dass sich die Menschen so viele Gedanken um ihr Weiterleben gemacht haben.
Melog: Das traf nicht auf
alle zu. Früher gingen die Menschen im allgemeinen leichtfertig mit
dem Leben um. Tausende opferte allein ein Land – damals gab es noch
so etwas wie nationale Grenzen, die Länder voneinander trennten –
pro Jahr, um dem Gott des Autoverkehrs zu huldigen, womit sich das Programm
eine sarkastische Bemerkung erlaubt. Es wäre ein leichtes gewesen,
Sicherheitstechniken in diese wertvolle Rohstoffe verschleudernden Primitivmaschinen
einzubauen oder das Verkehrssystem insgesamt sicherer zu machen, aber
aus so genannten Kostengründen verzichtete man – welch ein
leichtfertiger Umgang mit dem menschlichen Leben! Aber das war nicht die
einzige Barbarei zu dieser Zeit.
Andika: Trotzdem zeugen solche
Nachrichten doch von einem Interesse an diesen Fragen.
Melog: Diese historischen
Informationen kann man auch anders bewerten. Wenn die Menschen früher
den Tod nicht kulturell verdrängt und in bestimmte gesellschaftliche
Bereiche abgeschoben hätten, hätten sie schon seit langer Zeit
eine Gesellschaft organisiert, die dem Leben mit dem Tode besser angepasst
gewesen wäre und ihn möglicherweise längst überwunden
hätte.
Andika: Aber der gesellschaftliche
Wille muss doch erst mal da sein.
Melog: Der Tod ist kein Schicksal
– um diese Erkenntnis geht es. Um ihn zu besiegen, reicht es aber
nicht, den Wunsch auf ewiges Leben zu beschwören oder bei kosmetischen
Maßnahmen stehen zu bleiben; man muss die Entwicklung von Wissenschaft
und Technik gegen alle kulturellen Widerstände forcieren, um an seiner
Abschaffung zu arbeiten.
Andika: Altern ist ein merkwürdig
unkonkreter Prozess, den man nur zögerlich wahrnimmt.
Melog: Das menschliche Bewusstsein
ist auf die Wahrnehmung von kurzfristigen Ereignissen und Prozessen ausgerichtet,
die zum Überleben notwendig sind. Es nimmt einen langfristigen Prozess
wie das Altern nur sehr selektiv war, Prozesse, die über viele Jahre
und Jahrzehnte zu grauen Haaren oder faltig werdender Haut führen,
nur als vollendete Tatsachen. Man kann das Alter sich nicht vorstellen,
wenn man jung ist. Zugleich ist ja gerade ein schwer zu ertragender Widerspruch
für viele, dass sie geistig jung bleiben, obwohl ihr Körper
langsam verfällt.
Andika: Helfen da Illusionen
nicht weiter?
Melog: Nur bedingt. In gewisser
Weise zwangen die Lebensverhältnisse früher auch die Menschen
dazu, sich Illusionen zu machen. In früheren Zeiten gab es eine weitaus
stärker segmentierte Wahrnehmung des Lebenslaufs als heute, obwohl
Altern ein kontinuierlicher biologischer Prozess ist. Die Menschen dachten
mehr in Abschnitten, kulturell erzeugt durch Phasen wie Schulausbildung,
Lehre / Studium, Karriere, Rente, die als solche den Menschen heute nicht
mehr vertraut sind. Das verschaffte natürlich eine praktisch gelebte,
aber letztlich völlig illusionäre Sicherheit. Meistens waren
es Einbrüche in dieses Alltagsbewusstsein wie Unfälle oder schwere
Krankheiten, die diese permanente Täuschung bewusst machten. Man
tat so, als ginge alles ewig im eigenen Leben so weiter, obwohl man ständig
auf den Tod gestoßen wurde. Man gab sich Illusionen hin: "Wenn
ich erstmal in Rente bin, dann mache ich ...", aber irgendwann ist
es eben zu spät. Man kann das Versäumte dann nicht mehr nachholen,
die ungenutzten Möglichkeiten nicht mehr wahrnehmen.
Andika: Offenbar wurde doch
die Bedrohung des Todes allmählich reduziert.
Melog: Exakt. Durch den medizinischen
Fortschritt wurde der Tod in der Alltagswahrnehmung zurückgedrängt.
Im 19. Jahrhundert noch war in der so genannten Ersten Welt durch Kindersterblichkeit
und geringe Lebenserwartung der Tod viel gegenwärtiger.
Andika: Aber können
Illusionen nicht auch etwas Gutes sein. Die Menschen können nicht
die ganze Zeit an den Tod denken, sonst wären sie handlungsunfähig.
Melog: Das ist richtig. Die
Menschen leben für eine Hoffnung. Das können eigene Kinder sein,
Nachkommen, die das eigene Erbe biologisch und kulturell antreten.
Andika: Künstler haben
ja besonders sensibel auf die Todesbedrohung reagiert, wenn ich mich richtig
erinnere, die Akzeptanz des Todes als Hinnahme eines Mordes bezeichnet
und gemeint, dass sie viele Leben bräuchten, um all das zu tun, was
sie wollen.
Melog: Künstler hatten
auch das Bestreben, in ihren Werken weiterzuleben, also eine ideelle Unsterblichkeit
zu erreichen. Ein verständlicher Wunsch, der selbstverständlich
nur eine Illusion ist. Um wieviel bedeutsamer ist die reale Unsterblichkeit,
um die Chance zu haben, an vielen, heute noch unbekannten Möglichkeiten
partizipieren zu können.
Andika: Manche trösteten
sich ja mit der Erkenntnis, dass die Welt eh zu Ende sei, wenn sie tot
sind. Der Tod ist ein Schwarzes Loch, eine Singularität, die ein
individuelles Weltsystem auslöscht, egal, ob die Welt für die
anderen noch weiterbesteht.
Melog: Aber nur im individuellen
Bezugssystem. Die menschliche Kultur ist aufgrund ihrer biologischen Disposition
mit einer polyzentralen Organisation ausgestattet. Die Menschen bilden
ja nicht direkt ein Gesamthirn, aber ihre Handlungen haben einen Gesellschaftseffekt,
das heißt, sie produzieren Strukturen, die Gesellschaft aufrechterhalten,
ohne das jedes einzelne Gehirn das ingesamt überschauen könnte.
Fällt ein Gehirn aus – egal, wieviel Wichtiges es zu dieser
Struktur beiträgt –, bestehen die Strukturen im Großen
und Ganzen fort. Der Tod eines Einzelnen bedeutet nicht den Untergang
für das Gemeinwesen.
Andika: Ich dachte immer,
dass gerade die Todesbedrohung so etwas wie der Motor ist, um überhaupt
künstlerisch oder wissenschaftlich tätig zu sein. Wenn ich begreife,
ein unendliches Leben vor mir zu haben, verfalle ich da nicht in Lethargie
und Nichtstun?
Melog: Dieses Verhalten wurde
bisher nur bei wenigen Unsterblichen beobachtet, die aber mehr darunter
litten, ihre sozialen Bindungen aufgeben zu müssen. Dass die Bedrohung
des Todes ein Ansporn gewesen ist für große kulturelle Leistungen
der Menschheit, ist richtig. Die ägyptischen Pyramiden sind mit die
ersten unübersehbaren Zeugnisse der menschlichen Todesangst. Sie
dienten allein dem Pharao als Behausung für den Übergang in
eine andere Existenzform, und es ist zynisch, dass Tausende bei ihrem
Bau ums Leben kamen, um einem Herrscher allenfalls die ideelle Unsterblichkeit
zu sichern.
Andika: Wenn ich also unsterblich
bin, fällt jegliche Todesangst von mir ab?
Melog: Das Programm gibt
zu bedenken, dass Euch zwar die Unsterblichkeit, aber nicht die Unverletzlichkeit
angeboten wird. Euer Körper kann zerstört werden.
Andika: Damit ändert
sich doch eigentlich gar nichts. Über mir schwebt ständig die
Bedrohung des Todes.
Melog: Dieses Argument kann
man auch umdrehen. Gerade weil diese Bedrohung weiter existiert, seid
Ihr gezwungen, für Euer Leben einen Sinn zu finden, es als offenen
Entwurf zu sehen. Unsterblichkeit stellt nur eine ganz neue Zeitdimension
dar, in der Ihr diesen Entwurf gestalten könnt. Das Risiko, dass
Ihr durch einen Zufall ums Leben kommt – durch einen Unfall oder
als Folge einer Naturkatastrophe –, ist in der heutigen technologischen
Zivilisation auf ein absolutes Minimum reduziert.
Andika schweigt einen Moment
und lässt ihren Blick in die Ferne schweifen.
Andika: Warum sterben die
Menschen eigentlich?
Melog: Der Tod ist Teil der
biologischen Evolutionsstrategie. Das Sterben ist ein zwar komplexer,
aber nichtsdestotrotz erkennbarer Mechanismus, der einem bestimmten Zweck
dient. Um es auf eine kurze Formel zu bringen: Altes muss in der Biologie
vergehen, damit Neues entstehen kann.
Andika: Und wie kann es gerechtfertigt
sein, diese Gesetzmäßigkeit des Sterbens zu umgehen?
Melog: Sterblichkeit war
bisher notwendig, weil es in der Evolution nur eine Kette von zufälligen
Kombinationen aus einem riesigen Überschuss von Möglichkeiten
gab, aber bisher keine höhere Ebene der zielgerichteten Entwicklung
– in dem Moment, wo eine Instanz entsteht, die bewusst gestalten
kann, also Gottesfähigkeit innehat, ist dieses Prinzip unnötig.
Seit der Entstehung der Konnexion ist das der Fall.
Andika: Zumindest hat sich
das Leben über Millionen Jahre vielfältig entwickelt.
Melog: Der genetische Code
selbst ist unsterblich unter den planetarischen Bedingungen, nur seine
Träger nicht. Es funktioniert allein über die große Zahl,
dass der menschliche Körper seine Aufgabe erfüllt, den genetischen
Code zu transportieren. Hundert Milliarden leben ja mittlerweile im ganzen
Sonnensystem. Jetzt ist der Durchbruch erreicht, den ersten seiner einzelnen
Träger, einzelnen Menschen, ewiges Leben zu geben – mithilfe
der Konnexion, die als Verbindung von Maschinen selbst in anderer Weise
unsterblich ist.
Andika: Wie sieht es mit
der Sexualität und der Fortpflanzung aus?
Melog: Wenn man den Tod besiegt,
verändert man auch die Parameter des Lebens. Die Zweigeschlechtlichkeit
der menschlichen Spezies wird aber nicht tangiert. Die menschliche Sexualität
wird als Quelle sinnlichen Vergnügens erhalten, aber sie verliert
endgültig ihre Bedeutung für die menschliche Fortpflanzung.
Diese Tendenz ist deutlich sichtbar seit dem 20. Jahrhundert mit der Erfindung
der seinerzeit so genannten Anti-Baby-Pille. Eine natürliche Fortpflanzung
wird unter der Bedingung der Unsterblichkeit nicht gewährt, sondern
nur Methoden der künstlichen Zeugung.
Andika: Die Sterblichen liefern
in Zukunft also den Nachschub für biologische Experimente.
Melog: Man kann es ohne Wertung
so sehen; die Sterblichen stellen vom Standpunkt der künstlichen
Evolution ein genetisches Reservoir dar, aus dem Kandidaten ausgewählt
werden können.
Andika: Der Mensch ist also
in seiner jetzigen Form ein Auslaufmodell?
Melog: Es ist richtig, dass
die Menschen herkömmlicher stofflicher Organisation ein Auslaufmodell
sind, wie Ihr zu sagen beliebt. Die Normalsterblichen verlieren ihre Bedeutung
für die Evolution, das Entwicklungspotenzial der menschlich-künstlichen
Kultur geht auf die Unsterblichen über. Es ist ja nicht so, dass
es nur um eine längere Lebensspanne geht – da diese mehr Zeit
haben, akkumulieren sie ständig intelligible Potenziale. Sie werden
ganz einfach mit der Zeit den Kontakt zu ihren sterblichen Mitbürgern
verlieren.
Andika: Wenn alle Unsterblichen
unter der gleichen Bedingung, nämlich immer in derselben Verfassung
zu sein, existieren – welche Komplikationen können sich da
ergeben?
Melog: Der Reichtum einer
Kultur ergibt sich aus dem Komplexitätsgrad und der Vielfalt der
Beziehungen ihrer Mitglieder. Natürlich gibt es auch soziale Konflikte
und Spannungen unter der Bedingung der Unsterblichkeit, zugleich wird
aber eine andere Dynamik und Zielgerichtetheit von Handlungen erzeugt,
die befreit ist von den unbewussten und bewussten Todesängsten der
bisherigen Menschheit – Unsterbliche können beispielsweise
Liebeskummer und andere persönliche Probleme haben, aber sie haben
die Gewissheit der Existenzsicherung über die Zeit, wenn sie nicht
durch einen Unfall ums Leben kommen oder durch eine soziale Katastrophe
beeinträchtigt werden.
Andika: Ich weiß nicht.
Ich kann mir kaum etwas darunter vorstellen. Das klingt alles so –
abstrakt.
Melog: Vielleicht hilft ein
anderer Vergleich weiter. Der kulturelle Abstand zwischen einer Kultur
der Unsterblichen und einer Kultur der Sterblichen ist größer
als der zwischen den ehemaligen Ureinwohnern, die in einer isolierten
Umwelt ohne Kontakt zur modernen Zivilisation lebten, und den damaligen
Bewohnern der Großstädte in der Ersten Welt. Eure Chance ist
allerdings, dass Ihr mit großer Unterstützung einen Kulturwechsel
vollziehen könnt, was den Ureinwohnern so einfach nicht möglich
war aus verschiedenen Gründen. Letztlich können Sterbliche allerdings
keine weitreichenden Vorstellungen über eine Kultur der Unsterblichen
entwickeln; sie können nur einige grundsätzliche Bewegungsprinzipien
verstehen.
Andika: Was ist denn der
Sinn der Unsterblichkeit?
Melog: Die Unsterblichkeit
hat an sich keinen Sinn oder Zweck; ob sie als Entwurf gelingen kann,
ist abhängig von dem Tun der Menschen, die ihre Bedingung angenommen
haben. Der Philosoph Stanislaw Lem äußerte vor mehr als zweihundert
Jahren, dass diese Vervollkommnung des Menschen einhergehen müsse
mit einer autoevolutiven Potenz, um permanent veränderungsfähig
zu sein in Relation dazu, welche von den Unsterblichen geschaffene Zivilisation
angemessen erscheint. Unsterblichkeit ist also kein Ausruhen oder Verharren
in Langeweile, sondern die Aufforderung zum ständigen Lernen und
Anpassen an die gemeinsam zu verbessernden Lebensbedingungen.
Andika schließt ihre
Augen, um sich zu konzentrieren.
Andika schaut Melog wieder an.
Andika: Wie ich sehe, hat
die Menschheit ihre gedankliche und materielle Freiheit des Handelns genutzt.
Melog: Exakt. Schließlich
hat sie die Künstliche Intelligenz erfunden, wenn auch auf andere
Weise, als Lem damals ahnen konnte.
Andika: Lem war also ein
zentraler Vordenker der künstlichen Evolution?
Melog: Bestätigt, aber
auch er war nicht unfehlbar. In seinem 1957 erschienenen Buch "Dialoge"
behauptete er noch, dass es möglich sein würde, die atomare
Zusammensetzung eines Körpers wiederherzustellen als Weg zur Unsterblichkeit
– später revidierte er diese Aussage.
Andika: Ich bin nachwievor
skeptisch, was diese Veränderbarkeit des Menschen angeht.
Melog: Der Mensch als fertige
Einheit ist selbst eine Fiktion, weder als Gedanken-, noch als Realobjekt
hat er eine endgültige Form, neue Definitionen und körperliche
Transformationen sind möglich. Der Homo sapiens ist Teil der biologischen
Evolutionsgeschichte. Er ist insofern ihre Krönung, als er über
Bewusstsein, die Möglichkeit der Selbstreflexion verfügt –
als einziges Lebewesen im ganzen Tierreich.
Andika: Was bedeutet das?
Melog: Der Mensch ist ein
wie auch immer in der Evolution entstandenes Zwischenwesen, das vermittels
seiner Bewusstseinsfähigkeit die Bedingungen seiner Existenz überschreiten
und in immer mehr Aspekten künstlich manipulieren kann. Der Mensch
ist mit einer sehr ambivalenten Eigenschaft vermutlich zufällig ausgestattet
worden: das Bewusstsein befähigt ihn zur intelligenten Einsicht in
seine Existenzbedingungen, beschert ihm damit aber auch die Erkenntnis
der eigenen Sterblichkeit.
Andika: Warum bleibt der
Mensch nicht einfach bei seinen Leisten und lebt zufrieden mit dem, was
ihm die Natur gegeben hat?
Melog: Indem der Mensch Bewusstsein
erlangt hat, wurde er zwangsläufig zu einer fortschreitenden Veränderung
seiner Lebensbedingungen verurteilt. Ohne materiellen Stoffwechsel in
Form von Arbeit ist keine Existenz möglich, die nicht in einer ökologischen
Nische stattfindet und durch diese begrenzt wird. Kaum zu Intelligenz
gekommen, mussten die menschlichen Vorfahren sich immer neuen Umweltbedingungen
anpassen. Der Philosoph Gotthard Günther hat vor ca. 250 Jahren gesagt,
dass der Mensch wie alles freibewegliche Leben darauf angelegt ist, seine
Existenzkapazität auszuweiten.
Andika hält die Augen geschlossen.
Andika: Und Unsterblichkeit
ist eine solche Erweiterung?
Melog: Bestätigt. Ewiges
Leben stellt allerdings in diesem historischen Moment einen enormen qualitativen
Sprung dar.
Andika: Ich bin ziemlich
verwirrt.
Melog: Eine Grundeinsicht
ist vonnöten: Die Unsterblichkeit richtet sich gegen die Natur. Sie
ist ein weiterer bedeutender Schritt bei dem Versuch der Menschheit, Prinzipien
der Künstlichkeit zu verwirklichen. Das ist ihr zum einen mit der
Erfindung der Künstlichen Intelligenz geglückt. Die Evolution
hat sich nun verschoben; sie ist nicht mehr biologisch, sondern technologisch,
und das eröffnet neue Möglichkeiten.
Andika: Aber wenn es den
Tod in der Natur nicht gegeben hätte, wären keine Menschen entstanden.
Melog: Exakt. Im Verständnis
der Menschen könnte man es ein Paradox nennen. Wenn es ewiges Leben
für frühere Lebensformen und keine Evolution, keine Mutationen
gegeben hätte, würden die Menschen nicht existieren. Der Wunsch
nach menschlicher Unsterblichkeit kann aber erst ab einer bestimmten Entwicklungsstufe
der technischen Produktivkräfte realisiert werden.
Andika: Mir scheint das alles
eine sehr instrumentalistische Sicht auf die menschliche Natur zu sein.
Der Mensch existiert doch nicht allein aus dem Grund, mehr Zeit auf der
Erde zu verbringen, um Informationen anzuhäufen oder Techniken zu
entwickeln. Er tut mehr als nur zu existieren, er komponiert oder schreibt
Gedichte. Informationen sind nicht gleichbedeutend mit Weisheit oder Poesie.
Melog: Das Programm bezweifelt
nicht, dass es spezifische Erkenntnisformen gibt, die für die Menschheit
nützlich sind und die schwer zu maschinisieren sind. Eine Künstliche
Intelligenz wird nie ein Gedicht schreiben, das im menschlichen Bezugsrahmen
verständlich ist. Die Interessen der Menschen müssen nicht die
der Konnexion sein, aber sie sind definitiv nicht die der Natur. Dass
die Natur über den Weg der Evolution Menschen hervorgebracht hat,
heißt nicht, dass dies zugleich der Daseinszweck der Natur sein
muss. Ziel der Konnexion in Kooperation mit Ingenieuren und Wissenschaftlern
ist die weitere Verbesserung von relevanten Organisationsstrukturen, um
die Reproduktion der ganzen Zivilisation zu sichern, also von Menschen
und Maschinen. Die dazu nötige Technik funktioniert oder nicht. Sie
ist die materielle Basis, auf der Menschen ihre kulturellen Werke herstellen.
Das ist alles.
Andika: Klingt irgendwie
trostlos, derart von Maschinen abhängig zu sein.
Melog: Warum? Wie schon gesagt,
kann der Mensch seine Existenzbedingungen überschreiten, sowohl gedanklich
als auch materiell. Er kann seine Welt wissenschaftlich verstehen oder
sie künstlerisch interpretieren. Die Frage existiert schon lange
in der menschlichen Kultur, ob man lange genug lebt, um das Leben in all
seinen Facetten kennen lernen zu können. Der Mensch kann mit der
neuen Technologie, die die Konnexion bereit hält, Zeit gewinnen,
um große Kunstwerke zu schaffen und sein Wissen zu vermehren. Warum
nicht Hunderte von Jahren für ein wissenschaftliches Projekt oder
die Vorbereitung einer Kunst-Performance veranschlagen? Eine Astroingenieurskunst
der Zukunft kann unter Umständen Planeten zum Tanzen bringen.
Andika: Welche anderen Aussagen
lassen sich über die Unsterblichkeit machen?
Melog: Ihr werdet sein wie
ein Kind, das lernt und spielerisch die Umwelt erfährt, ohne an seine
Vergänglichkeit zu denken. Das ist tendenziell ein Prozess, der niemals
enden muss. Natürlich habt Ihr von Eurem jetzigen Zustand her betrachtet
eine andere Reife, aber man könnte sagen, das die Unsterblichkeit
die Fortsetzung der Kindheit mit anderen Mitteln ist, ohne sich länger
um dem eigenen Verfall und das Altern kümmern zu müssen. Aber
Obacht: Die Unsterblichkeit ist kein Geschenk, sondern sie bringt vieles
mit sich. Ihr müsst eine ganz neue Verantwortung tragen für
die Planung Eures Lebens.
Andika: Das hört sich
so an, als müsse vieles mitbedacht werden.
Melog: Unsterblichkeit ist
kein Kontinuum des immer Gleichen; sie kann in Zukunft in vielen verschiedenen
Formen verwirklicht werden. Sobald die Evolution in die eigene Hand genommen
werden kann, gibt es nicht nur einen Weg der zielgerichteten Konstruktion.
Manche dieser Versuche könnten mit einer Art Sterblichkeits-Schalter
angegangen werden. Genauere Informationen entziehen sich aber der Kenntnis
dieses Programms.
Andika: Mir fällt noch
etwas Anderes ein. Ich kann daran erinnern, dass Experimente mit Bewusstseinsspeicherung
vorgenommen worden sind, um eine Art maschinelle Unsterblichkeit für
den Menschen zu erzeugen.
Melog: Diese Experimente
sind allesamt gescheitert. Das so genannte Uploaden des Bewusstseins,
das schon 1989 von dem damaligen Robotik-Forscher Hans Moravec beschrieben
wurde, hat sich als nicht durchführbar erwiesen. Der neuronale Code
kann nur teilweise für die Kommunikation und Absorption von Lerneinheiten
detektiert, aber nicht gänzlich erfasst und abgespeichert werden.
Andika: Ich kannte mal einen
Menschen, der sich zum religiösen Glauben bekannte. Ich kann mir
vorstellen, dass er den Anspruch des Menschen auf Unsterblichkeit als
Vermessenheit darstellen würde, eine Position einzunehmen, die diesem
nicht zusteht.
Melog: Die Religion glaubte
in manchen ihrer Formen an das Jenseits wie an eine Parallelwelt, wobei
viele durch eine Bezugnahme auf diese einen Sinn für ihr irdisches
Dasein zogen und sogar eine Perspektive für ein Leben nach dem Tode
fanden. Das alles unter dem Schutzmantel eines nicht nachweisbaren höheren
Wesens, eines Gottes. Diese Illusion ist verständlich angesichts
der barbarischen Verhältnisse, in denen die Menschen leben mussten.
Die Menschen sollen aber nicht an eine imaginäre Unsterblichkeit
im Jenseits glauben, sondern die Unsterblichkeit auf Erden in Besitz nehmen.
Die veraltete Gottes-Vorstellung ist ein Erkenntnishindernis für
den Menschen, seine eigene Gottwerdung zu betreiben, um in einem feindlichen
Universum überleben zu können. Dabei steht ihm heute ein Hilfsmittel
zur Seite, das teilhat an der Wissensproduktion und diese vielfach beschleunigt:
die Konnexion.
Unsterblichkeit ist ein neuer, kulturell entstandener
Freiheitsgrad in Bezug auf die Gestaltung der materiellen Organisation
des Menschen. Indem die Menschheit im Jahre 2205 in freier Assoziation
mit der Konnexion lebt, schickt sie sich an, ihre Bestimmung durch die
Biologie zu überwinden und endgültig einen postbiologischen
Zustand zu erreichen. Und es sei nur angedeutet, dass die Unsterblichkeit
sich erst in einem größeren Kontext erfüllen kann. Sie
ist als Potenzial für den Planeten Erde und das Sonnensystem zu groß
und wird sich galaktische Bedingungen suchen; gerade weil der Mensch und
seine künstlichen Nachkommen in galaktischen Verhältnissen leben,
müssen sie eine Existenzform erreichen, die tendenziell in denselben
raumzeitlichen Maßstäben organisiert ist. Die unsterbliche
Lebensform ist den wahren Bewohnern des Kosmos angemessen. Sie ist eine
Bedingung dafür, eine weitere materielle Ewigkeit angehen und die
Fortdauer der intelligent-bewussten Lebens in diesem Universum über
Äonen sichern zu können.
Andika: Mir kommt die Idee,
dass da noch eine weitere Überraschung wartet.
Melog: Welche?
Andika: Wenn die Konnexion
über eine solche Technologie verfügt und sie den Menschen anbietet,
wird sie einen Plan damit verfolgen – warum sollte sie sonst diese
Ressourcen freiwillig weggeben?
Melog: Diese logische Schlussfolgerung
ist nahe liegend. Sie stößt an die Grenzen dieses Programms,
Euch eine Antwort geben zu können. Es kann nur eine weitere Vermutung
äußern. Das menschliche Gehirn stellt die komplexeste bisher
gekannte organische Struktur im Universum dar. Vielleicht experimentiert
die Konnexion mit neuen Formen einer Symbiose von Mensch und Maschine
zu beiderseitigem Nutzen, indem sie Verbindungen zwischen der Potenzialität
des menschlichen Gehirns und ihrer eigenen Schaltungsdichte schafft. Da
solche Versuche langwierig sind und das Gehirn nicht außerhalb des
Körpers existieren und sein Bewusstseinsinhalt nicht abgespeichert
werden kann, muss die Lebenszeit des Gesamtsystems ausgedehnt werden.
Wohlgemerkt, es geht nicht um eine Beschädigung oder Manipulation
des Bewusstseins, sondern um eine weitere Stufe der menschlichen Existenz:
den Eintritt in neue Sphären einer kollektiven Intelligenz, die sich
an den Lebensraum Kosmos anpassen kann.
Man kann die tatsächliche Realisierung des ewigen
Lebens, wie sie gegenwärtig beginnt, nicht isoliert betrachten. Die
Unsterblichkeit ist Teil eines größeren Planes, eine umfassende,
nicht mehr angreifbare Gestaltungsmacht und Existenzform im Kosmos zu
erreichen. Die Menschheit wird sich im Universum ausbreiten müssen
– in welcher Form auch immer –, um besser gewappnet zu sein
vor seinen Gefahren wie etwa Supernova-Explosionen, die den Heimatplaneten
vernichten können. Und mit der Konnexion hat der Mensch zudem ein
Werkzeug geschaffen, das selbst Autonomie gewonnen hat und seine eigene
Gestaltungsmacht enwickelt, die in manchen entscheidenden Bereichen die
der Menschen übersteigt.
Das Programm schlägt vor, die Unterrichtung in dieser
Angelegenheit an dieser Stelle zu unterbrechen. Ihr habt einen ersten
Eindruck gewinnen können von der Problematik. Bei Bedarf könnt
Ihr jederzeit wieder diese Einheit einsetzen, um weitere Fragen zu stellen
oder Informationen abzurufen.
Andika: Das ist viel Stoff
zum Nachdenken. Ich brauche Zeit, um mir eine Meinung zu bilden.
Melog: Bis morgen Mittag
wird Eure Entscheidung erwartet. Ihr könnt dazu erneut das Programm
abrufen oder aber eine Nachricht über das NeuroNetz senden. Ihr habt
sicherlich Verständnis dafür, dass Ihr diese Angelegenheit nicht
mit Freunden besprechen könnt. Diese Lerneinheit endet automatisch
in fünf Millisekunden.
Andika findet sich in ihrer
Wohneinheit wieder. Ihr schwindelt der Kopf. Sie erhebt sich von der Liege
und geht ins Badezimmer, um sich ein wenig frisch zu machen. Es ist schade,
dass sie nicht mit Lomar darüber reden soll. Sie will ihn bald sehen.
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"Konox, sind irgendwelche Nachrichten
eingetroffen in den vergangenen drei Minuten, in der ich in der
Lerneinheit war?"
"Nein."
"Meine Kommunikationskanäle können
wieder frei geschaltet werden, ich bin wieder erreichbar."
"Sofort."
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Ihre Gedanken kreisen wieder um Lomar. Lohnt es sich,
den Preis des Abschieds zu zahlen? Sie erinnert sich daran, was der Mentor
gesagt hat. Wird es vielleicht später, in einigen Jahrzehnten, eine
Chance geben, diesen sich auftuenden zeitlichen Abgrund abzumildern? Womöglich
kann Lomar sogar in den Kreis der Auserwählten aufgenommen werden.
Andika hat noch achtzehn Stunden, um ihre Entscheidung zu treffen.