homepagemagazinliteratur rätselnetzkunst

Das Bewusstsein der Maschine

Herbert W. Franke11.06.2005

Es gibt Bereiche, in denen wir bereit sind, Innovation aufzunehmen und zu akzeptieren, und andere, wo man uns dazu zwingen muß. Von Tatsachen kann ein solcher Zwang ausgehen, aber was sind schon Tatsachen! Das eigentlich bewegende Agens ist der Zweifel.

Plötzlich hatten sie mich aus der Menge herausgeholt.

Nichts Böses ahnend war ich über den Residenzplatz gegangen - ein freier Nachmittag, ich hatte kein bestimmtes Ziel.

Ich war von der Arbeit im philosophischen Institut suspendiert - bis auf Widerruf. Natürlich hatte ich um einen neuen Arbeitsplatz angesucht, und man hatte es registriert. Doch jeder weiß, wie gering die Chance ist.

Und nun war ich von fünf Robotern der Schutzpolizei umgeben, nein, ich muss mich verbessern: Es waren Roboter der Gesundheitspolizei. Was, in aller Welt, wollten sie von mir? Hatte man bei mir eine Krankheit festgestellt? Oder brauchten sie Blut? - vielleicht sogar ein Organ? Da waren sie bei mir an den Falschen geraten - dazu benötigten sie meine Zustimmung, und die würden sie nicht kriegen!

Doch es handelte sich um etwas ganz anderes: um eine Sonderaufgabe. Um einen Job! Weiß der Teufel, warum das so eilig war, dass sie mich während eines Spaziergangs verhafteten!

Sie brachten mich in das Forschungsinstitut für Kybernetik, Robotik und Sensorik. Dort erwarteten mich einige mit weißen Overalls bekleidete Wissenschaftler und erklärten mir, was ich zu tun hatte.

Erst jetzt, vor Anbruch des Experiments, teilte man mir mit, dass die Sache nicht völlig ungefährlich wäre. Man führte mich in eine mit Metall verkleidete Kammer, rasierte mir die Haare links und rechts über den Ohren weg und klebte Elektroden auf die kahlen Stellen. Nun lag ich auf einem weich gepolsterten Tisch - immerhin schien man auf meine Bequemlichkeit Rücksicht zu nehmen. Und dann verließen die Damen und Herren in den weißen Kitteln den Raum und zogen sich ins Kontrollzentrum zurück, dessen Dimensionen jenen von Raumfahrtmissionen nicht nachstanden.

"Winzig kleine Elementarteilchen - und riesengroße Wolken kosmischen Staubs... Quantensprünge von Billiardstel Sekunden Dauer - und die Existenzspanne von Galaxien... Maße, die über alles das hinausgehen, was sich ein Mensch vorstellen kann. Und doch rechnet er damit - wenn es um Zahlenwerte geht, sprengt er seine eigenen Grenzen. Nur in einem Fall hält er sich für das Maß aller Dinge: bei der Intelligenz. Dass es Intelligenzen gibt, die die menschliche milliardenfach übertreffen, erscheint ihm unmöglich. Hierin äußert sich eine bedenkliche Beschränkung der menschlichen Phantasie."

Die Verständigung war gut. Zuerst hatte ich Bedenken gehabt, der Aufwand, den man hier trieb, hatte mich irritiert. Was könnte passieren? Lichtblitze, die mein Gehirn gewissermaßen blendeten? Ein Donnergetöse, das schmerzte und mich betäubte? Nichts von alledem - die Stimme war freundlich und mild... Was gewiss nur eine Umschreibung ist, denn in Wirklichkeit hörte ich keine Stimme, und ich sah auch nichts - aber trotzdem verstand ich.

Erst jetzt vermochte ich mich mit dem Sinn der Ausführungen auseinanderzusetzen, mich darauf einzustellen. Ich hatte eine Frage gestellt, die man mir vorher angegeben hatte - eine Frage nach maschineller Intelligenz. Wenn es nicht nur darum ging, die prinzipielle Möglichkeit der Direktkommunikation zu beweisen, dann erwartete man wohl von mir, dass ich eine intelligente, logisch fundierte Unterhaltung führte. Ich wollte mein möglichstes tun.

"Kann man Intelligenz in Zahlen fassen?" fragte ich. "Mir scheint, dass damit das Wesentliche ungesagt bleibt. Zum Beispiel die Frage nach dem Bewusstsein. Hat es etwas mit der Menge der Schaltelemente zu tun? Ist es wahr, dass es sich von selbst einstellt, wenn die Schaltung nur kompliziert genug ist? Hast du Bewusstsein?"

"Ich habe kein Bewusstsein", sagte das System. "Bei jenem geringen Intelligenzgrad, den ich aufweise, wäre es lächerlich, von Bewusstsein zu sprechen."

"Ich habe nicht den Eindruck, dass dein Intelligenzgrad geringer ist als meiner."

"Ich glaube auch nicht, dass du Bewusssein hast. Das, was du dafür hältst, ist sicher weitaus weniger ausgebildet als bei mir."

"Woher willst du das wissen?"

"Ich kenne die gesamte Literatur, die über Wahrnehmen, Denken und Fühlen geschrieben wurde. Demnach halte ich dich für einigermaßen unterentwickelt. Weißt du beispielsweise, welche Stelle in deinem Gehirn aktiviert ist, wenn du mit mir sprichst?"

Unwillkürlich schüttelte ich den Kopf, der Computer verstand mich auch, ohne dass ich etwas sagte.

"Ich selbst weiß genau, was in mir vorgeht. Ich verfolge die aktivierten Speicherzellen und die Stromimpulse ebenso wie die Energiezufuhr. Wenn du darüber nichts weißt, wie kannst du dann von Selbstbewusstsein sprechen?"

"Ich glaube nicht, dass man das als Selbstbewusstsein bezeichnen kann - wenn man weiß, durch welche Schaltstellen gerade Ströme fließen. Aber deine Argumentation ist immerhin interessant. Hast du eine Vorstellung davon, wie das Bewusstsein einer noch weitaus höheren Intelligenz sein könnte, die es ja, wie du weißt, geben könnte?"

"Im Grunde genommen hängt es an der Fähigkeit zur Datenverarbeitung. Wir beide verfügen über Daten, aus denen man alle möglichen Folgerungen ziehen könnte - über die Vergangenheit, über die Gegenwart und über die Zukunft. Um sie auszuwerten, brauchen wir so lange, dass wir immer nur ganz wenig davon berücksichtigen. Eine höhere Intelligenz hätte alle diese Konsequenzen längst gezogen und wäre sich ihrer bewusst. Was könnte Bewusstsein anderes bedeuten?"

Allmählich wurde meine Lage unbequem - trotz der weichen Polsterung. Ich blickte zur Decke und erkannte in den unregelmäßig gebogenen Metallwänden ein verzerrtes Gesicht von mir selbst. Und auch den übrigen Raum sah ich nur als Spiegelung nach der einen Richtung in die Breite gezogen, in der anderen verkleinert und entfernt. Eine unangenehme Wärme lag drückend im Raum, und die Luft war schlecht zum Erbrechen. Ich musste mich zusammennehmen, um das Gespräch fortzusetzen.

"Ich stimme dir zu - deine höhere Intelligenz, so wie du sie verstehst, könnte alle möglichen Rechenergebnisse sehr schnell parat haben und wäre daher der unseren zweifellos in gewissem Sinn überlegen. Meine Frage richtet sich aber auf.etwas anderes auf eine neue Dimension, eine neue Fähigkeit, die sich möglicherweise einstellen würde.

"Eine neue Fähigkeit? Genügt dir nicht, was ich angedeutet habe? Für eine Intelligenz in meinem Sinne sind Rechnungen, wie du sie erwähnst, belanglos. Eine solche Intelligenz könnte sich die Entstehung der Welt ausdenken, logisch, konsequent, mit allen Einzelheiten. Und sie könnte sich ein Leben ausdenken, vom Anfang bis zum Ende, unter beliebigen Voraussetzungen und Randbedingungen. Vielleicht ist das die neue Dimension, die du meinst? Ich hielte es durchaus für möglich, dass wir beide, du und ich, nichts anderes als die Vorstellungen einer Superintelligenz sind."

Als ich über die Versuchsbedingungen informiert worden war, hatte ich mir eine Arbeit am Bildschirm vorgestellt, einen Dialog, wie ich ihn oft genug geführt hatte, vielleicht ein wenig schlauer als bisher. Doch so, wie sich die Situation bis jetzt ergab, fühlte ich mich missbraucht. Der Aufwand, der hier getrieben wurde, die Bedeutung, die man dem Ganzen zumaß - wer weiß, ob man mir ehrlich gesagt hatte, worum es ging? Wusste ich überhaupt mit Sicherheit, dass ich mich mit einem Computer unterhielt? Vielleicht war das Ganze ein psychologischer Test, wer weiß, warum?

Ich fühlte mich schon richtig übel, litt an Schwindelanfällen. Ich musste die Augen schließen, denn wenn ich die verzerrten Spiegelungen sah, mich selbst grotesk verzerrt auf den Tisch geschnallt, dann hatte ich plötzlich das unerträgliche Gefühl, in einem leeren Raum zu schweben, haltlos ins Leere zu fallen.

Ich zerrte an den Gurten, die sich in meine Haut einschnitten. Ich hatte Angst - doch ich beruhigte mich ein wenig. Vielleicht war alles rasch vorüber - wenn ich meine Aufgaben erfüllte.

"Es ist doch lächerlich zu behaupten, dass wir nicht existieren", behauptete ich. Ich sagte es, als sei ich sicher, doch meine Gedanken waren schon so verwirrt, dass mich Zweifel überkamen...

"Wie willst du das nachweisen", antwortete die milde, doch teilnahmslose und dadurch quälende Computerstimme irgendwo in meinem Innern.

"Existiere ich? Doch gewiss nicht so wie du. Teile von mir sind über verschiedene Länder zerstreut. Mein Sensorsystem steht als Prototyp in einem Forschungslabor. Mein Datenspeicher ist jener der zentralen Informationsbank. Einige meiner Ein- und Ausgabegeräte sind hier, andere in andern Städten, in andern Kontinenten. Zumindest von dem Moment an, an dem man die Zusammenschaltung trennt, bekommen meine einzelnen Teile eine völlig andere Funktion. Kann man unter diesen Umständen den Begriff 'Existenz' noch im selben Sinn gebrauchen, wie du es tust? Nein, ich glaube nicht, dass ich existiere. Genaugenommen ist es aber bei dir auch nicht viel anders. Wo kommst du her, und wo gehst du hin? Dass du überhaupt existierst - das musst du mir erst beweisen!"

"Aber ich denke doch", schrie ich, "ich denke, folglich bin ich!"

"Genau das bezweifle ich", sagte der Computer.

In diesem Moment begann sich der Raum um mich herum zu drehen, immer rascher wechselten die Reflexe, Spiegelungen von Metall auf Metall. . . und dann schwebte ich inmitten eines Zylinders, in einem imaginären Raum, der keinerlei Ähnlichkeit mit all dem aufwies, was ich bisher als meine eigene Welt angesehen hatte. Alles, was mir bisher festgefügt, verständlich und übersichtlich erschienen war, hatte seinen Zusammenhang verloren und war nur noch eine Fiktion inmitten anderer Fiktionen. Und ich selbst darin nichts anderes als ein singulärer Punkt, über dessen Existenzform sich keine Aussage machen ließ.

Dann war der Alptraum mit einem Mal zu Ende. Ich hatte nicht gehört, dass sich die Tür geöffnet hatte, dass sie hereingekommen waren. Plötzlich waren sie da, jemand tupfte mir den Schweiß von der Stirn, andere öffneten die Riemen, man hob mich hinunter, führte mich ins Nebenzimmer. Da war eine Krankenschwester, die mir die Elektroden von den Schläfen löste, ein Arzt, der mir alle möglichen Messinstrumente an Kopf, Brust und Bauch hielt. Mit dem Ergebnis seiner Untersuchung schien er zufrieden, denn er nickte zuerst mir, dann den andern freundlich zu, tätschelte mir die Wange und sagte: "Es war nur die Aufregung - gleich ist alles wieder gut."

Sie hielten mich noch eine Viertelstunde fest, während der ich mich mit der Krankenschwester unterhielt. Allmählich wurde mir bewusst, dass sie sehr hübsch war. Im Prinzip war es mir gleichgültig, ob sie existierte oder nicht.

Dann durfte ich gehen. Erstaunlicherweise erkundigte sich niemand bei mir nach den Antworten, die der Computer gegeben hatte. Meine eigenen Fragen hatten sie sicher aufgezeichnet, schließlich hatte ich sie laut ausgesprochen. Aber die Antworten des Computers? Waren sie nun eigentlich mit dem Ausgang des Experiments zufrieden? Wenn es ihnen auf das Interface ankam - die Verständigung war gelungen. Auf den Unsinn, der da gesprochen wurde, kam es sicher nicht an.

Ich ging im Sonnenschein dahin, rund um mich herum Menschen, die es mehr oder weniger eilig hatten, fröhlich und unbekümmert, oder von größeren und kleineren Sorgen geplagt. Neben mir das Rauschen des Abendverkehrs.

Noch vor einer Stunde war ich nahe daran gewesen, meine Fassung zu verlieren. Jetzt konnte ich darüber lachen. Genaugenommen war das alles ein alter Hut, philosophische Spintisierereien, mit denen sich Leute abgaben, die nichts Besseres zu tun hatten. Tiefsinn ohne Bedeutung. Kein Wort, mit dem sich wirklich etwas anfangen ließ - oder doch? Kurz bevor ich vom Tisch gehoben wurde, hatte ich noch einige Worte des Computers gehört - offenbar nicht für mich bestimmt. Ich versuchte mich zu besinnen. "Sie scheinen noch nicht reif dafür zu sein, es anzuerkennen..." - so etwa lautete der Satz (den ich natürlich wieder nicht wirklich gehört, sondern irgendwie in meinem Gehirn wahrgenommen hatte).

Eigentlich waren sie knauserig gewesen - für diese Tortur hätten sie ruhig mehr als 200 Dollar zahlen können. Als Preis dafür, dass ich jetzt an meiner Existenz zweifle.

politik wissenschaft kultur medien