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Zoide lügen nicht

Herbert W. Franke07.08.2005

Der zielbewusste Ingenieur hat keine Hemmungen, alle technischen Mittel zu nutzen, um sein Ziel zu erreichen. Neue Erkenntnisse der Bioelektronik eröffneten ungeahnte Möglichkeiten zur Lösung von Steuerungsaufgaben. Emotionen beispielsweise sind nichts anderes als psychologische Verstärker mit der Aufgabe, zu zielgerichtetem Verhalten anzuregen. Dann wäre allerdings psychologisches Einfühlungsvermögen, das man Maschinen nicht unbedingt entgegenbringt, von Nutzen.

Im Dock war es unerträglich heiß und trocken.

Parsival hing, an Riemen befestigt, in einem Gestänge. Wenn er seinen schweren, fischförmigen Leib bewegte, dann rieb sich Metall an Metall, und es kam zu einem hohen Klirrton, der sich an den Kunststoffwänden brach und ein misstönendes Echo hervorrief.

Der Oberingenieur oben in der Kanzel sprach einige Worte ins Mikrofon, und die Monteure, die rechts und links neben dem Gestänge an den Flaschenzügen standen, lösten die Bremsen. Der schwere Körper des Zoids sackte wieder ein Stück tiefer, näherte sich der eiskalten Flüssigkeit aus Ammoniak und Methan, mit der die Schleuse überflutet war. Parsival konnte kaum noch ruhig bleiben, so sehr hatte ihn die Erwartung gepackt: endlich einzutauchen in das belebende Element, los zu schwimmen und seine Aufgabe zu erfüllen. Endlich berührten die ersten trägen Wellen seinen Bauch, umspülten den Leib, erreichten die Flossen, die nun nicht mehr ins Leere flatterten, sondern Widerstand fanden. Wieder bewegte er sich leicht - und erschrak selbst vor der Reaktion... Das Gestänge drohte einzustürzen, er war sich seiner Kräfte nicht bewusst gewesen. Er bemühte sich, die letzten Minuten stillzuhalten.

Und dann lockerten sich die Gurte, die Menschen verließen den Raum, der Druck überstieg alle vorstellbaren Maße, und gleichzeitig änderte sich Parsivals Körpergefühl; zum ersten Mal empfand er sich als geschlossenes, unter Spannung stehendes Gebilde.

Er war von den Gurten befreit. Nun ging alles schnell - plötzlich waren die Torflügel der Schleuse offen. Eine Bewegung der Schwanzflosse, und er schoss hinaus. Innerhalb von Sekunden hatte er sich mehrere hundert Meter weit entfernt, und dann nahm er Schwung, drehte den Körper nach unten und fuhr wie ein Pfeil in die Tiefe.

Der Psychologe kannte die Geschichte, und er wusste auch, wie der Versuch ausgegangen war. Unmittelbar hatte er nichts mit wissenschaftlichen Forschungen, mit technischen Problemen zu tun, doch mittelbar war er natürlich betroffen. Obwohl es viele für überflüssig ansahen - eher eine unziemliche, ihre Intimbereiche betreffende Störung - hatte er doch die Aufgabe, für das seelische Gleichgewicht der Mitarbeiter zu sorgen. Und so entging ihm nicht, dass sie während einer langen Wartezeit des Misserfolgs immer mürrischer wurden, dass sie sich stritten, dass die kleine, auf einem fremden Planeten versammelte Gemeinschaft auseinanderbrach. Doch gerade die besondere Situation in beengten Verhältnissen hatte es den Leitern des Projekts nötig erscheinen lassen, einen Psychologen einzusetzen. Ein Planet, weit von jeder Sonne entfernt, eine lebensfeindliche Welt ewiger Kälte. Eine Atmosphäre, die als reinstes Gift anzusehen war, ein Druck, der jedes Stückchen organischer Substanz in Bruchteilen von Sekunden zerquetscht hätte. Und unter solchen Umständen Streit in der Mannschaft?

Dr. Prince hatte durchgesetzt, dass man ihm den Besuch des Vorpostens erlaubte. Er durfte zwar nicht hoffen, jenes unglaubliche Wesen zu sehen, das sie Parsival genannt hatten und das eine so große Rolle in ihrer Arbeit und in ihren Gedanken spielte.

Gemeinsam mit den Technikern stand er an der gewölbten Panzerglasscheibe und blickte auf das Meer hinaus. Sie hatten einen Nuklearstrahler aufsteigen lassen, der hoch oben über der Bucht hing, an so etwas wie einem Ballon oder einem Schwimmkörper befestigt. Für einige Stunden hob er einen Teil der Küste aus dem Schwarz der Weltraumnacht heraus.

Horowski, der diensthabende Ingenieur, stand am Sender und überzeugte sich durch einen Blick auf den Monitor, dass der Ruf ordnungsgemäß hinausging. Doch weder mit Hilfe der Radarortung noch mit den optischen Ferngläsern erblickten sie eine Spur von Parsival.

"Vielleicht meldet er sich überhaupt nicht mehr", vermutete Kromar, der Exobiologe. Er sagte es ruhig, doch es war ihm anzusehen, wie betroffen er war. Es ging ihm auch stark zu Herzen, denn er hatte sich für diesen Teil der Forschungen besonders eingesetzt. Einige Klumpen schwammartiger Materie, die ein automatischer Probensammler aus dem Küstenbereich mitgebracht hatte. Sie unterschied sich von alledem, was dieser Planet sonst zu bieten hatte, und schien, bestimmten physikalischen Kennzeichen gemäß, aus großer Tiefe des Methan-Ammoniak-Meeres zu stammen. Das Interessanteste, ja Aufregendste daran war allerdings die Tatsache einer bestimmten Zellstruktur, die Dr. Kromar einem komplexen Organisationsprozess zuschrieb; von Wachstum wagte er nicht zu reden. Leben unter solch extremer Belastung? Die Wissenschaftler wussten nur so viel, dass sich Leben unter allen möglichen Bedingungen bildet, sogar in den fernen, im Vakuum schwebenden Materiewolken des interstellaren Raums. Warum sollte es nicht auch hier, am Grund des Meeres, zu irgendwelchen eigenartigen Organisationsprozessen gekommen sein?

Alles das ließ sich der Psychologe durch den Kopf gehen. Er schwieg, denn das, was er zu sagen oder zu fragen hatte, wäre den Wissenschaftlern sicher als Störung erschienen. Die Stimmung im Raum bestätigte im großen und ganzen alles das, was er sich als Gründe für die miese psychologische Situation zurechtgelegt hatte. Im Grunde genommen hätte es dieser Bestätigung nicht bedurft, aber irgend etwas hatte ihn doch dazu veranlasst, auf diesem Besuch zu bestehen.

Ein Ruf weckte ihn aus seinen Gedanken. Auf dem kreisrunden Radarschirm war ein von Interferenzfiguren umgebener Fleck erschienen. Jemand drückte ihm ein Fernrohr in die Hand, und dann sah er Parsival. Der Kopf des walartigen Körpers blickte aus dem Wasser, im grellen Licht der künstlichen nuklearen Sonne konnte man sogar die verästelte Antenne erkennen.

"Hallo Parsival!"sagte Horowski ins Mikrofon, wobei er sich sichtlich um eine beherrschte Stimme bemühte. "Wie steht es mit deiner Arbeit? Hast du Erfolg gehabt?" Prince hatte zwar erfahren, dass man sich mit dem Automaten durch menschliche Sprache verständigte, doch er hatte eher an eine Kommunikation mit einigen wenigen Schlüsselworten gedacht.

"Bedaure - noch kein Erfolg." Die Stimme klang ein wenig dumpf, doch sie war verständlich und mutete überraschend menschlich an. Beim technischen Stand, den die Sprachsynthese erreicht hatte, war das in keiner Weise erstaunlich, und doch fühlte sich Prince irgendwie irritiert.

"Ich habe da eine Mulde entdeckt, die ich untersuchen will... Es sieht recht gut aus - ich glaube, dort müsste sich was finden. Ich ziehe also wieder los."

"Nein! Halt! Komm sofort zurück! Der Versuch ist abgebrochen..."

Die letzten Worte sprach Horowski nur noch automatisch. Er legte das Mikrofon weg, sah die Kollegen an.

"Verflucht - immer wieder dasselbe."

Eine Weile blieb es stumm. Prince wartete eine Weile, bis er meinte, es riskieren zu können. Dann fragte er: 2Verläuft das immer so?"

"So, oder so ähnlich", sagte Kromar nicht eben freundlich.

"Sie wollen, dass er die Suche abbricht und zurückkehrt?" erkundigte sich Prince.

"Das wissen Sie doch!" fuhr ihn Horowski an. "Seit sechs Wochen ist er jetzt da draußen, und er findet nichts."

"Und Sie wollen, dass er wieder zurückkehrt?"

Horowski sah Prince an, als wollte er ihm an die Gurgel springen. Dann beherrschte er sich. "Was sonst? Er ist unser leistungsfähigster Automat, wir brauchen ihn für andere Zwecke."

"Entschuldigen Sie meine Unwissenheit", sagte Prince, "aber ich würde es doch gern wissen: Er ist doch auf die Bewegung in dieser Kohlenwasserstoffsuppe eingestellt. Was können Sie sonst mit ihm anfangen?"

Sie erklärten es ihm. Die erste Verärgerung war vorbei, die Enttäuschung gewann Oberhand. Im Moment hatten sie nichts zu tun, und voraussichtlich auch nicht in den nächsten Stunden und Tagen. Er erfuhr, dass das Wertvolle an dem Automaten nicht die auf Spezialzwecke ausgerichtete mechanische Umkleidung war, sondern die Steuereinheit, gewissermaßen das Gehirn. Man konnte sie umprogrammieren, in eine andere Hülle setzen, einer anderen Aufgabe anpassen. Aber dazu musste man sie erst haben.

Parsival hatte eine Tiefe von mehreren Kilometern erreicht, der Druck stieg immer weiter an, und gerade das bereitete ihm Behagen. Die Flüssigkeit hier unten hatte einen besonderen Aggregatzustand erreicht, sie war zwar noch eine wenn auch zähe Flüssigkeit, doch sie gewann zusehends kristalline Eigenschaften - hin und wieder schien sich das Licht in ihr zu brechen und führte zu seltsamen Spiegelungen. Aber da man Parsival kein ästhetisches Bewertungssystem eingebaut hatte, merkte er nichts davon. Was ihm gefiel, waren die schwammartigen Gebilde, die er in steigender Anzahl auf dem Boden fand. Sie traten immer dichter zusammen, einige hatten sich zu größeren knollenartigen Gewächsen vereinigt. Parsival stieß hinunter und sammelte einige der Schwämme ein.

Um die Knollen kümmerte er sich nicht - davon war in seinem Auftrag keine Rede. Langsam kam er tiefer hinunter, er schwamm langsam hin und her, durchmusterte das Terrain mit seinem Echolot.

Er fand ein neues Feld mit Knollen, und während er sie in seinem Tragebeutel verstaute, durchlief ihn das Gefühl unbeschreiblicher Freude.

Der Chef des Forschungsstabs, Prof. Kafker, hatte eine Lagebesprechung angesetzt. Er forderte Kromar auf, den Stand der Dinge darzulegen.

"Zunächst sah alles erfolgversprechend aus", erklärte dieser. Er schaute auf das Bildraster seines Kalenders und überflog die Notizen. "Der Umbau schien gelungen, die Konditionierung okay. Der Start verlief ohne Schwierigkeiten, Parsival schwamm hinaus wir brauchten nur auf die Ergebnisse seiner Sammeltätigkeit zu warten... so glaubten wir zumindest. Aber irgend etwas ging schief."

"Woran es liegt?" Horowski blickte ein wenig ratlos umher. Dann sagte er betont nüchtern: "Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder Parsival hat noch keine Proben gefunden und lässt sich - in einer Art Übereifer - von der Suche nicht abbringen. Oder er funktioniert nicht mehr."

"Es gibt noch eine Möglichkeit", warf der Psychologe ein, der zwar nicht eingeladen worden war, den man aber auch nicht gut wegschicken konnte. Nun blickten ihn alle erstaunt, neugierig oder auch ärgerlich an. "Und die wäre...?"

"Die dritte Möglichkeit? Ganz einfach: Er hat gelogen."

"Zoide lügen nicht", sagte Kromar, und Horowski nickte bestätigend. "Wie kommen Sie darauf?"

Prince zögerte ein wenig, dann sagte er entschuldigend: "Wie Sie wissen, gehöre ich dem Forschungsstab ja gar nicht an - ich bin lediglich Zur Betreuung eingeteilt. Als Psychologe ist mir allerdings etwas aufgefallen, was Sie, meine Herren, vielleicht überhört haben. Da sprach jemand von 'Übereifer'. Das ist kein wisschaftlicher Ausdruck, zumindest nicht einer aus Technik oder Biologie. Vielleicht liegt hier der Schlüssel zu den seltsamen Unstimmigkeiten? Vielleicht könnte man mir etwas Genaueres über die Konditionierung sagen?"

Horowski blickte Kromar an, und Kromar Horowski; sie waren sich nicht einig darüber, wer für diese Frage verantwortlich war. Schließlich sagte Kromar: "Wir sind nicht anders vorgegangen als sonst: Abstimmung auf die Umgebung in Verhalten und Motivation. Parsival fühlt sich wohl in seiner ihm angestammten Umgebung, bei Kälte und hohem Druck; eine solche Abstimmung ist allgemein üblich - bisher hat es niemals Schwierigkeiten gegeben. Die Anpassung an seine spezielle Aufgabe erfolgt durch eine reflexhaft auftretende Emotion, also so etwas wie Freude, wenn ihm das gelingt, was ihm gelingen soll: nämlich Knollen zu finden. Natürlich haben wir bei ihm auch den Antrieb und damit die positive emotionale Verstärkung beim Ausführen von Befehlen beibehalten. Und ähnliches gilt auch für alle mit der Wahrnehmung verbundenen Eindrücke."

Nun blickten alle den Psychologen an, als hätte er ihnen einen prompt verfügbaren Lösungsvorschlag angekündigt. Als er die Mienen der anderen sah, musste er ein wenig lächeln, doch er unterdrückte es. Vielleicht hatte er sogar wirklich eine Erklärung parat?

"Zoide lügen nicht...", sagte er leise, als spräche er zu sich selbst. Dann richete er sich ein wenig auf und fuhr mit festerer Stimme fort: "Jedes intelligente Wesen kann in eine Situation kommen, die es zum Lügen zwingt."

"Ist Parsival intelligent?" fragte einer.

"Da haben wir es also mit einem Wesen zu tun", setzte Prince fort und tat so, als hätte er die Frage nicht gehört, "dessen Empfindungsspielraum außerordentlich eng gezogen ist. Es hat Freude an allem, was ihm gelingt, es hat Angst vor allem, was ihn bedroht. Das ist normal, und das ist notwendig, um ein vernünftiges Verhalten zu erreichen. Zusätzlich hat dieses Wesen, wie alle unsere mechanischen Dienstboten, einen Antrieb zum Gehorsam mitbekommen. Darüber hinaus aber haben Sie, meine Herren, noch etwas übriges getan: Sie wollten den Erfolg ihrer Aktion dadurch sichern, dass Sie für die Erfüllung der Aufgabe eine besonders hohe emotionale Belohnung verheißen. Die Freude am Erfolg tritt dann auf, wenn Parsival die Knollen gefunden hat. Und genau das ist falsch. Sie hätte nämlich dann auftreten müssen, wenn er die Knollen abliefert."

Eine Weile war außer einem nervösen Hüsteln nichts zu hören. Hatten sie ihn verstanden?

"Sie verstehen doch dieses Dilemma", setzte Prince noch einmal an. "Er lebt in einer Welt, in der es ihm gefällt. Er findet Knollen, worüber er große Freude empfindet. Und es dürfte ihm bewusst sein, dass ihm alles das genommen wird, wenn er seine Knollen abgeliefert hat. Die Konsequenz? Er lügt."

Nach einer Weile fragte Prof. Kafker: "Und was sollen wir tun?"

Der Psychologe dachte eine Weile nach. Ihr hättet mich rechtzeitig fragen sollen - das lag ihm auf der Zunge, doch er unterdrückte diese Antwort, die nichts genützt hätte. Statt dessen sagte er: "Schreiben Sie Parsival ab!"

In die Tiefe des Ammoniakmeeres drang keine Spur von Licht- hier wäre es auch dunkel gewesen, wenn eine nahe gelegene Sonne das Land mit wärmenden Strahlen übergossen hätte. Und hier unten war es kalt - der Planet besaß nicht mehr die geringste Spur von jener Wärme, die ihn einst zu einem kugelförmigen Körper geschmolzen hatte.

Und doch war es für Parsival weder dunkel noch kalt. Mit seinem Sonarorgan erfasste er phantastisch geformte Gestalten, eine Form von Leben, die mit jenem Minimum an Energie auskommt, die auch noch nahe am absoluten Nullpunkt Bewegung und Wachstum ermöglicht. Und er hörte nicht nur das Rauschen der langsam aneinander vorbeigleitenden Moleküle, sondern auch eine Art Gesang, der um die knollenartig zusammenhaltenden Schwämme dichter und heller wurde.

Allmählich drang er weiter in die Tiefe vor, er fühlte das Spiel seiner Gliedmaßen, die Bewegung seines Körpers, der in dieser Umgebung richtig zu Hause war, und immer wieder erlebte er die Freude, neue Knollen zu finden, irgendein Abfallprodukt der unbekannten Lebensform, die er zu kleinen Häufchen gruppierte, da in seiner Tragetasche längst kein Platz mehr war. Nur noch ganz leise, in einem Winkel seiner Steuereinheit, lag eine Erinnerung an gestellte Aufgaben, gegebene Befehle, doch die Intensität seines Erlebens war jetzt so stark geworden, dass er sich endgültig davon löste. Er würde nie mehr auftauchen - und ein Leben führen, das zwar sinnlos, doch von Glück erfüllt war.

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