Mohammed Superstar
Ghassan Homsi 30.10.2005
Ich weiß nicht, ob
diese Zeilen jemals gelesen werden, aber der Versuch soll es wert sein.
Ein gutes Versteck dafür wird mir noch einfallen. Falls ich doch
noch erwischt werde. Ich verstecke mich, weil ich zwei unglücklichen
alten Männern zur Flucht aus ihrer lebenslangen Haft verholfen habe
- und damit den letzten Plan der extremsten aller islamistischen Gruppierungen
verraten habe, auch wenn dieser im Grunde schon längst gescheitert
war ...
Die Stechmücken bin ich los, Allah sei Dank. Den Trick
verriet mir die glutäugige Abha vom Bauernmarkt, die bestimmt auch
sonst einiges zu bieten hätte, wenn man es bloß sehen könnte:
Sobald ein Warmblütler das Sirren der Mücke hört, läuft
ein Schauder über seine Haut. Diese sondert daraufhin Duftstoffe
ab, welche die Mücke als Zielmarkierung nutzt. Wenn man das Schaudern
unterdrücken kann, wird man nicht mehr gestochen. Jedenfalls weniger
als vorher. Vor dem gleichen Problem stehen übrigens auch unsere
Kleriker: Solange sie bei jedem Wort zusammenzucken, das nicht mindestens
drei Mal von hochheiligster Stelle sanktioniert wurde, ist es ihnen nicht
möglich, vernünftige Arbeit zu leisten. Sie werden von ihrer
Paranoia vollständig ausgebremst. Und deshalb können wir schon
zufrieden sein, dass in den arabischen Ländern keiner hungert und
dass etwa jeder Hundertste sogar Zugang zum Internet hat.
Wobei - die übrigen 99 würden ja doch nur die gleichen Pornoclips herunterladen wie Mr. 100. Etwas anderes interessiert die Leute nicht mehr! Sogar die ehemals zigtausend Internetseiten mit islamischen oder gar islamistischen Inhalten sind inzwischen fast alle mangels Besuchern eingestellt worden. Am beliebtesten sind noch die Seiten der Reformatoren, die sich in Europa verkrochen haben und darauf warten, dass am Himmel über den verlassenen Bohrtürmen der Arabischen Halbinsel ein Silberstreif erscheint. Ich denke, das ist nur eine Ausrede dafür, behaglich im mit Recyclingmaterialien ausgepolsterten europäischen Bett liegen zu bleiben.
Ja, Europa hatte sich zunehmend eingeigelt und seinen Blick nach oben gerichtet, über die den Amerikanern abgekaufte ISS hinaus. Seitdem auch Baikonur zu Europa zählte, starteten die Raketen dort im Drei-Tage-Takt. Mittlerweile kontrolliert das kommerziell betriebene Satellitennetz der EU die Wasserentnahme der privatisierten Flüsse Nil, Euphrat und Tigris.
Und Europa dachte gar nicht
daran, zusammen- oder auseinanderzubrechen, wie es UdSSR und USA vorgemacht
haben. Unsere Hoffnungen, mit Bomben in Madrid, London, Brüssel und
anderswo irgendetwas verändern zu können, zerbrachen bald an
der Realität der fast lückenlosen Überwachung und auch
der Behäbigkeit der satten Europäer. Sie machten einfach nicht
mehr mit. Selbst die Arbeitslosenheere ließen sich nicht für
den Dschihad einspannen, denn die meisten der rekrutierten ABM-Kräfte
verschwanden mit dem zur Verfügung gestellten Geld und verkauften
den Sprengstoff an das organisierte Verbrechen. Dafür bekamen sie
Freistunden in Bordellen und Spielbanken. Ich werde nachher einige Suren
extra aufsagen, um mich von diesen frevelhaften Gedanken zu reinigen.
So langsam wurde auch dem letzten Mullah klar, dass für radikale Eroberer niemand mehr das geringste Interesse zeigte. Die arabische Welt war plötzlich auf sich selbst zurückgeworfen. Zwar hinterließen die abrückenden Besatzungstruppen aller Herren Länder ein Machtvakuum, das im Selbstentzündungsverfahren diverse Bürgerkriege auslöste. Doch diese gingen schnell zu Ende, da sich die Industrieländer in seltener Geschlossenheit weigerten, den betroffenen Ländern weiter Waffen zu liefern. Nicht etwa aus humanitären Gründen, oh nein, sondern um sich bloß nicht dem Verdacht auszusetzen, mit dem "internationalen Terrorismus" Geschäfte zu machen.
Trotz alledem hätten
wir Islamisten vor 2020 noch Chancen gehabt. Lange genug hatten wir die
Medien beherrscht, Bin Ladens Bilder hingen in Millionen Stuben, und das
Waffenmuseum in Jericho erzielte Besucherrekorde mit einer Ausstellung
über die frühen palästinensischen Quds- und Qassam-Raketen.
Viele Menschen in Saudi-Arabien und anderswo hatten den Terrorismus freiwillig
unterstützt (solange er nur woanders stattfand). Doch nach dem Ende
der Ölschwemme war der point of no return erreicht - und niemand,
aber auch wirklich niemand wollte mehr etwas von Glaubenskriegern oder
himmlischen Verheißungen wissen. Stattdessen stehen die Leute Schlange,
um für unglaubliche Beträge Weltraumtourist spielen zu können!
Doch weiter in meinem Bericht.
Theoretiker setzen den 11. September gerne auf die Nullposition ihrer
Zeittabellen. Ich jedoch weiß genau, dass der wahre Anstoß
für den Zusammenbruch unseres Traumes einer islamischen Umma ein
ganz anderer war. Fast alle Experten sind sich darüber einig, dass
es im Grunde immer nur um das Erdöl ging. Und spätestens 1973
hätte dies auch jeder merken müssen. Kaum ein Vierteljahrhundert
später kamen sich die Vereinigten Staaten dann so unschlagbar vor,
dass sie erst in Afghanistan einmarschierten, dann im Irak versandeten
und sich anschließend mit Persien anlegten, nachdem Syrien keinerlei
Anstalten gezeigt hatte, etwas anderes als "toter Käfer" zu spielen.
Die US-Administration war sauer auf Syrien, weil die Geheimdienste bestätigt hatten, dass die dortige Armee schon emsig damit beschäftigt war, Kasernen und Kontrollpunkte für die amerikanischen Einheiten vorzubereiten. Ebenso verhandelte das Wirtschaftministerium in Damaskus bereits mit den Staatskooperativen, um der Army nach der Besetzung Syriens angemessene Dienstleistungsangebote vorzulegen. Unter Baschar al-Assad gewannen die Damaszener Händlerclans einen so großen Einfluss auf den Machtapparat, dass dieser bereit war einer Strategie der Umarmung zu folgen, mit der die USA allerdings überhaupt nichts anzufangen wussten. Tausende von syrischen Soldaten, die eifrig ihre Exerzierplätze fegten, boten selbst aus der Vogelperspektive der militärischen Satelliten einen äußerst ärgerlichen Anblick.
Und damit nähern wir
uns schon den wahren Gründen für den zerplatzten islamistischen
Traum, zumindest ein paar Schritte. Am Anfang stand der Zusammenbruch
des Versorgungs- und Nachschubsystems der US Army. Ein klassisches Beispiel
für Dominoeffekte. Ausgelöst durch einen Hackerangriff auf ein
paar .us- und .mil-Adressen, der in beabsichtigter Synchronizität
mit dem Mini-EPM in der Nähe der wichtigsten Logistikbasis erfolgte.
Und dann dauerte es ein klein bisschen zu lange, bis alles wieder soweit funktionierte, dass man wenigstens damit beginnen konnte, den Nachschub von Hand in die wartenden Versorgungsflugzeuge einzuladen.
Da waren die Hamburger auf den Übersee-Basen schon längst ausgegangen. Und als dann ein paar in Kurdistan stationierte GIs einige türkische Dörfer plünderten, ging ein Aufschrei der Empörung durch Europa, das erst vor kurzem die halbmondförmige Kröte geschluckt und der Türkei den Gesamtbeitritt genehmigt hatte, womit den vielen noch immer leseunkundigen Anatolierinnen plötzlich der gleiche Schutz zustand wie den Ladys in London, den Señoritas in Barcelona und den Babuschkas in Moskau. Haben Sie schon einmal einen wütenden Rentner mit Spazierstock gesehen, der hinter ein paar diebischen Bengeln herrennt? Nun, Europa bekam die USA am Ohr zu fassen und ließ nicht mehr los. Zwar übernahmen UN-Hilfsorganisation zeitweise die Versorgung der amerikanischen Truppen - allerdings nur, bis der Generalsekretär dies unter Hinweis auf die immensen Schulden der USA bei den Vereinten Nationen verbot.
Der Versorgungsengpass
der US Army geschah, als der Kleine zwei Jahre alt war - und der erste
kippende Stein berührte den zweiten. Alles weitere war nur noch Physik.
Europa initiierte einen weltweiten Boykott der USA. Im Verlauf der lang
anhaltenden Rückzugsgefechte aus Asien, Afrika und Südamerika
schlidderten die USA knapp an einem neuen Bürgerkrieg vorbei, bei
dem diesmal neben den Nord- und den Südstaaten auch noch die "Vereinigten
Ethnien" mitgemischt hätten, die zwar keine eigenen Territorien besaßen,
deren Untergrundnetz jedoch tief in jede Stadt Amerikas reichte. Der fragile
Amerikanische Frieden hält, doch das Land stagniert. Denn obwohl
einer der vier Präsidenten Muslim ist, wird der internationale Boykott
nur von den mutigen Kubanern unterlaufen, die die begehrten Chips, Nanos
und Optos nach Florida hinüberschmuggeln.
Es war dann 2021, als (sehr verfrüht) bekannt wurde,
wer da in der Nähe von Mekka am Heranwachsen war. Es war diese Nachricht,
die den letzten Dominostein umwarf. Mohammed II. war fast 15 und sollte
eigentlich in wenigen Jahren als charismatischer und kämpferischer
Führer die zweite und endgültige islamische Eroberung der Welt
anführen. Doch diesmal ließ sich die Information nicht so leicht
unterdrücken wie noch 1975 in Syrien, als einige New-Age-Sufis das
Wiedererscheinen des Messias bekannt gegeben hatten. Nach dem Ölkrieg
von 1973 war das Timing eigentlich perfekt gewesen. Der damalige Messias
wartete mit einer koranbasierten und bestechend einfachen Lösung
für alle Energie- und Umweltprobleme auf, die allerdings weder den
Ölkonzernen noch dem Vatikan schmeckte. Und den lokalen Machthabern
genau so wenig. Der Mann jedenfalls starb dann 1999, ohne dass mehr als
nur ein paar Esoteriker von ihm erfahren hätten. Und ein paar Hippies,
die die Geschichte der Messias-Maschine an ihren Lagerfeuern weitererzählen.
Der Plan der saudischen Verschwörer dagegen war von ganz anderem
Kaliber. Und damit bin ich an der heikelsten Stelle meines Berichtes angekommen,
denn man könnte durch diese Informationen Rückschlüsse
auf meine Identität ziehen und mich vielleicht doch noch schnappen!
Kein sehr angenehmer Gedanke. Die irdischen Scharia-Strafen sehen für
Geheimnisverrat inzwischen diverse operative Verfahren vor, nach denen
der Rest von mir zwar denken, aber kaum noch etwas anderes machen kann.
Wieder so ein zwiespältiges Resultat der Globalisierung und der hohen
Preise für gesunde Spenderorgane!
Jedenfalls gehörte
ich zum Ausbildungsteam von Mohammed II. Ich wurde engagiert, weil ich
mich in Afghanistan und Palästina bewährt hatte, als unerschütterlicher
Islamist galt, keinerlei nahe Angehörige mehr besaß und damit
einverstanden war, bei einem Selbstmordattentat zu "sterben". Man entnahm
mir eine Handvoll Gewebe, um am Ort des Anschlags genügend DNA-Spuren
verspritzen zu können, und bald darauf gab es mich nicht mehr. Ein
Kampfgenosse mehr hatte sich in die Kette der Märtyrer eingereiht,
die vor dem himmlischen Haus auf ihre Jungfrauen warten.
In Wirklichkeit brachte ich dem Jungen Kampftricks und
Taktik, Selbstverteidigung und Waffenkunde bei. Andere unterrichteten
ihn in Geschichte, in Sprachen und vielem mehr. Wir wollten die Entwicklung
von fast 1500 Jahren in ein bis zwei Jahrzehnten "nachholen" - schließlich
musste Mohammed bei seinem Machtantritt auf dem neuesten Wissensstand
sein.
Unser Team leistete gute
Arbeit! Er war ein aufgeweckter Bursche mit großen schwarzen Augen
und feinen Gesichtszügen. Mit neun Jahren zeigten wir ihm zum ersten
Mal das Internet, selbstverständlich stark gefiltert. Mit elf hackte
er die ersten Sperren, und noch bevor er dreizehn wurde, konnten wir vor
ihm kaum mehr etwas geheim halten. Außer seiner Herkunft, denn darüber
war ja auch im Netz nichts zu finden. Wie sehr wir uns doch irrten! Er
war unsere einzige Hoffnung, nachdem alle anderen Pläne an der harten
Wirklichkeit namens Globalisierung und an dem mangelnden Feindbild zerschellt
waren. Und je religiöser wir waren, desto mehr sahen wir in ihm die
alte Identität, die alte Verkörperung - jene von vor 1500 Jahren.
Ich weiß bis heute nicht, wer der eigentliche Ideengeber war. Man
hat es mir nie gesagt. Der Fama zufolge sollen einige Söhne und Vettern
des damaligen Königs von Saudi-Arabien die Zeichen der Zeit erkannt
haben: Ohne Öl = Geld = Waffen = USA war der Zusammenbruch der Ibn
Saud-Dynastie vorprogrammiert. Also hatten diese Männer ein paar
"terroristische Angriffe" auf Forschungszentren im Westen in Auftrag gegeben
und für den Gegenwert von jeweils 50 Millionen Dollar zwei der weltbesten
Genetiker geliefert bekommen, gut verpackt und bei bester Gesundheit,
auch wenn die Entführten noch Monate später bei jedem russisch
klingenden Wort auffällig zusammenzuckten. Ihre Aufgabe war eindeutig,
das Labor Weltklasse und die Mitarbeiter höchst motiviert. So war
es nur eine Frage der Zeit, bis die ausgewählte Leihmutter entbunden
wurde und alle Anwesenden einstimmig der Meinung waren, die Schreie des
Neugeborenen würden ausgesprochen gesund und vielversprechend klingen.
Ja, ich war von Beginn
an eingeweiht in das Geheimnis des Klons, den man aus den Stammzellen
jener Zähne geschaffen hatte, die aus dem Grab des Propheten Mohammed
- Allahs Segen und Gnade sei mit ihm - herausgeholt worden waren. Und
ich achtete und liebte den jungen Mann, der sich mit seinen gut 14 Jahren
im Internet outete und bekannt gab, dass ihm Allah offenbart hatte, seine
diesmalige Rolle sei die eines Rocksängers! Irgendwie hatte er eins
und eins zusammengezählt, oder vielleicht hatte irgendjemand doch
nicht dicht gehalten. Jedenfalls bekamen drei meiner saudischen Auftraggeber
Herzinfarkte und einer eine Gallenkolik. Zwei weitere begingen Selbstmord,
möge Allah ihnen vergeben.
Was Mohammed II. betrifft, so hat er inzwischen ein paar Dutzend Suren vertont, und die Downloads sollen alle Rekorde sprengen. Die Musik selbst bezeichnet "Mo" als "Sufi-Rock", seinen Server hat er "Dar-al-Islam" genannt - und sein Schlachtruf lautet ... SALAAAAAM!! Friede!
Im Moment ist der Teufel los, wenn man das so sagen darf - aber vielleicht kann ich mich ja doch bald wieder aus meinem Versteck herauswagen. Die Erdhöhlen im Irak sind wirklich nicht sehr bequem. Solange ich aber nicht sicher weiß, dass die Saudis völlig bankrott sind und das ausgesetzte Kopfgeld gestrichen wurde, halte ich mich lieber noch bedeckt.
Als sich der knapp 15-Jährige
outete, glaubte ihm natürlich niemand, auch dann nicht, als er die
ersten Suren flüsterte, sang, schrie und röchelte. Da war ich
es, der den zwei fast vergessenen Genetikern zur Flucht verhalf. Sie waren
inzwischen etwas wunderlich, hatten die Jahre jedoch unbeschadet überstanden,
weil anfänglich der Plan bestand, im Falle eines Unglücks oder
gar Attentats auf Mo einen weiteren Zahn auferstehen zu lassen. Später
scheuten wir uns dann, die eigentlichen "Väter" des neuen Propheten
einfach so zu töten. Als die beiden "Auferstandenen" (Pressezitat)
die alten Gerüchte - und die neuen Behauptungen! - bestätigten
... nun, den Rest der Geschichte kennt inzwischen wohl jeder.
Der Islam ist die sich zur Zeit am schnellsten verbreitende Religion auf unserem Planeten. Die Zahl der Konvertierungen überflügelt die der Geburtenrate. Doch obwohl ich Mo wie den eigenen Sohn liebe, kann ich mit seinem NEUEN ISLAM nicht viel anfangen. Natürlich - er ist so selbstsicher, so jung und so siegesgewiss, dass er gar nicht mehr zu kämpfen braucht, und sicherlich wird schon bald die erste Pilgerfahrt nach Mekka stattfinden, bei der die "Sufis" auftreten werden - vielleicht zusammen mit Rappern aus Indonesien, Undergroundbands aus Syrien, Moslem-Bangras aus Indien und Mohammads Lions aus Eritrea?! Aber - bei Allah - es ist nicht das, was die Söhne Sauds der Welt schenken wollten. Und wo ist jetzt noch Platz für einen Islamisten? Wer will mich denn noch haben?
Übersetzung: Achmed A.W. Khammas, Berlin
Zuerst erschienen in "Zenith. Zeitschrift für den Orient", Ausgabe 3/2005.