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Jury und Leser haben entschieden

Autorenwettbewerb 'what if - visionen der informationsgesellschaft'

Sascha Dickel und Christian von Aster gewinnen den Autorenwettbewerb 'what if - visionen der informationsgesellschaft'. Anerkennungen für Alexander Otto und Marcus Pohl.

Die Preisträger

Der Jurypreis ging an Bio-Nostalgie

Der Publikumspreis ging an Infogeddon

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"what if - was wäre wenn?", lautete die Preisfrage, die der Bayerische Rundfunk - Hörspiel und Medienkunst und Telepolis mit der Unterstützung des Informatikjahrs 2006 einer internationalen Autorenschaft gestellt hatte. Gefragt waren literarische Visionen zur Zukunft der Informationsgesellschaft als Kurzgeschichte oder als Hörspiel, die Wettbewerbssprachen waren Deutsch und Englisch. Im Auslobungstext hieß es:

"Seit der Renaissance haben Technik und Wissenschaft den westlichen Gesellschaften und ihren Menschen die Tür zur Zukunft und zu utopischen Entwürfen geöffnet. Die damit in Gang gesetzte Fortschrittsdynamik ist mittlerweile allerdings ambivalent und, vor allem was gesellschaftliche Utopien anbetrifft, von Ängsten oder Zweifeln überlagert worden. Der technisch-wissenschaftliche Fortschritt ist keine Utopie mehr, sondern erwartete und wirtschaftlich erforderliche Notwendigkeit. Das hat das Verhältnis der Menschen zur Zukunft gerade im Aufbruch zur Informations- oder Wissensgesellschaft grundlegend verändert. Anlass für eine Frage, welche Visionen das Konzept unserer Informationsgesellschaft geprägt haben und weiter bestimmen. Welche Rollen spielen die Universalmaschine Computer und das Universalmedium Internet bei der Konstruktion unserer Zukunft? Wohin entwickeln sich die Vorstellungen der Welt als Netzwerk, der Optimierung von Körper, Intelligenz und Wahrnehmung, des Übergangs in virtuelle Realitäten, und nicht zuletzt des Umbaus der Erwerbsgesellschaft?"

Die Jury hatte während des Treffens am 13. November im Bayerischen Rundfunk, München, mit der Hilfe einer Vorjury 10 Beiträge nominiert, die für den Publikumspreis auf www.telepolis.de zur Online-Abstimmung veröffentlicht wurden und unter denen sich auch der Jury-Preisträger befand. Der Jurypreis ist mit 7.500 Euro dotiert, der Publikumspreis mit 2.500 Euro. Das Publikums-Voting fand vom 20.11. - 10.12.2006 statt.

Der Jury gehörten an:
Herbert W. Franke, Autor und Wissenschaftler
Kathrin Röggla, Autorin
Florian Rötzer, Autor und Chefredakteur Telepolis
Julian Doepp, Redakteur Bayerischer Rundfunk
Stefan Iglhaut, Kurator und Ausstellungsmacher

Der Preis der Jury geht an Sascha Dickel, der mit seiner Erzählung Bio-Nostalgie eine Welt beschreibt, in der Menschen keinen Körper mehr haben, sondern nur noch ein Bewusstsein auf Basis von digitalen Daten. Die "Nostalgie" besteht in der Sehnsucht nach einem Körper, nach Sinnlichkeit und körperlicher Sexualität. Die Hoffnung von zwei Protagonisten der Datenwelt, sich in einen irdischen Körper "downzuloaden" und das Strandleben zu genießen, bleibt trügerisch, weil nicht nur die Menschen, sondern die materielle Welt insgesamt nur noch eine Simulation sind. Der Ausflug ins Körperliche misslingt. "Sascha Dickel", so heißt es in der Begründung der Jury, "formuliert in kühlem Ton die Phantasie einer rein virtuellen Datenexistenz, die gleichzeitig universell vernetzt und schmerzlich auf die Datenumgebung beschränkt ist. Die dargestellte Welt erscheint glaubwürdig als eine Welt der Simulationen, in der der Dualismus von Körper und Geist zugunsten eines vom Körper abgelösten Bewusstseins überwunden ist. Die Erfüllung des Traums vom unsterblichen Bewusstsein erweist sich als Unglück."

Neben dem Preis an Sascha Dickel spricht die Jury zwei Anerkennungen aus: an Alexander Otto für seine ironisch-hintergründige Geschichte "Aimée: Herr im eigenen Haus", in der eine intelligente Wohnumgebung beginnt, Einfluss auf die Bewohner auszuüben; und an Marcus Pohls furiose Space Opera-Parodie "Der Circus lauert überall".

Das Publikum entschied anders: Es wählte in einem Online-Voting Christian von Asters Geschichte "Infogeddon" für den Publikumspreis. "Infogeddon" beschwört eine Welt herauf, in der Realität und manipulierte Information nicht mehr unterscheidbar sind. Ein alternativer Lebensstil, der sich jenseits der von Werbung und politischer Beeinflussung beherrschten Medien etabliert, stellt sich als manipuliert heraus, die Leitfigur der Bewegung ist eine Erfindung von Medienmachern.

In über 340 Einsendungen haben Autoren aus den deutschsprachigen Ländern Deutschland, Österreich und der Schweiz, aber auch aus England, Ungarn, Spanien, den USA, Australien und Indien ihre Vision der Zukunft umgesetzt. Bei einem Großteil handelt es sich um Kurzgeschichten, aber auch Hörspiele wurden eingesandt. Über ein Drittel der Beiträge stammt von Autorinnen.

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Zur Auswahl standen:

Aimée: Herr im eigenen Haus
Aus der Reihe
Außendienst
Bio-Nostalgie
Clone (english)
Clone (deutsch)
Der Circus lauert überAll
Der Unterhaltungskubus
Infogeddon
Nanotransgen
Todesursache I.O.


In über 340 Einsendungen haben Autoren aus den deutschsprachigen Ländern Deutschland, Österreich und der Schweiz, aber auch aus England, Ungarn, Spanien, den USA, Australien und Indien ihre Vision der Zukunft umgesetzt. Bei einem Großteil handelt es sich um Kurzgeschichten, aber auch Hörspiele wurden eingesandt. Über ein Drittel der Beiträge stammt von Autorinnen. Bei diesem Wettbewerb waren alle Altersstufen zugelassen, Minderjährige mit Einverständnis der Eltern.

Die Frage nach der Zukunft der Informationsgesellschaft haben die Autoren dieses Wettbewerbs sehr unterschiedlich beantwortet. Dennoch gibt es Themen und Motive, die in den unterschiedlichen Stories wiederkehren, sich verknüpfen und spezifische Muster bilden.Die virtuelle Realität hat die Autoren am meisten fasziniert. Die virtuellen Welten sind bunt, fantastisch, sie bebildern den trockenen Programmcode und die Hardware des Computers und führen die Fantasie des Lesers bis an ihre Grenze. Die virtuelle Realität birgt für viele Autoren ein großes Versprechen: Das menschliche Bewusstsein ist nicht länger an einen Körper gefesselt, sondern tummelt sich im World Wide Web, das Bewusstsein wird grenzenlos und allumfassend und, so die Behauptung vieler Autoren, unsterblich. Aber nicht nur die Realität geht über ins Virtuelle, auch die Schnittstelle zwischen Mensch und Computer wird unsichtbar. Glaubt man den Wettbewerbsbeiträgen, so ist der Mensch der Zukunft per "Bioport" oder "Brainslot" direkt ans Internet angeschlossen und permanent online. Per Gedankenkraft vermittelt er seine Befehle direkt und ohne Umwege an den ausführenden Computer. "Thought Interface" ist einer der zahlreichen Namen für diese Technik. Mensch und Maschine durchdringen sich immer weiter, ein regelrechtes Wettrüsten der menschlichen Spezies beginnt, so ein weiteres Thema dieses Wettbewerbs. Wer es sich leisten kann, optimiert seine Merkfähigkeit und Denkgeschwindigkeit durch einen "Biochip" oder "Brain-Prozessor". Im Krankheitsfall kommen Nanoroboter zum Einsatz. Eingriffe in die DNA haben den Krebs besiegt. Einige Autoren versprechen dem Leser nicht weniger als die Unsterblichkeit. Weitere wichtige Themen dieses Wettbewerbs sind: die Zerstörung der Umwelt, die Klimakatastrophe, der Kampf um Energieressourcen, Arbeitslosigkeit und Armut, Migrationsströme, der Überwachungsstaat.

Auffällig ist, dass die meisten Autoren Schreckenszenarien beschreiben. Die Zukunft wird zur Anti-Utopie: Ein hoch technisierter Staat schnüffelt seine Bürger aus; die Gesellschaft zerfällt in zwei Teile: diejenigen, die sich Technologie leisten können, stehen dem so genannten "abgehängten Prekariat" gegenüber; eine gentechnisch veränderte Spezies verdrängt den Menschen; die Technik selbst übernimmt in Gestalt von "Künstlichen Intelligenzen" die Herrschaft über den Menschen.

All diese Schreckensvisionen verweisen zurück auf die Gegenwart. Hier kündigen sich Innovationen und Potentiale an, hier wird entschieden, wohin die Reise geht. Die Ambivalenz technischer Neuerungen veranschaulicht zum Beispiel der Autor Volker Strübing in seiner Erzählung "Fiat Deus": Der Staat hat die Macht an den Bürger zurückgegeben. Der Bürger wird nicht mehr vom Staat, sondern von seinen Nachbarn und Freunden kontrolliert. Per Videobrille ist alles und jeder für jeden und jederzeit sichtbar. Bedeutet dies nun die absolute Transparenz und informationelle Selbstbestimmung? Oder entsteht hier eine Gesellschaft aus Voyeuren und Spitzeln?

Die Anfälligkeit der von Medien definierten Realität für Manipulation und Fälschung beschäftigt Autorinnen und Autoren, die sich mit ökonomischen und politischen Gefahren der Info-Sphäre auseinandersetzen. So erzählt Christian von Aster in seinem Stück "Infogeddon" von einer Welt, die von skrupellosen Informationsbrokern und Nachrichtenfälschern beherrscht wird, einer Welt, in der Realität und manipulierte oder gefälschte Information nicht mehr unterscheidbar sind.

Zahlreiche Beiträge entwerfen Szenarien, in der sich die Maschine gegen ihren Schöpfer, den Menschen, wendet. Beispielsweise Cuger Brant mit der Erzählung "Clone": Ein Nanoroboter, der einem Patienten für medizinische Zwecke eingesetzt wurde, beginnt sich unaufhaltsam zu vermehren. Er ergreift erst Besitz von dem Patienten, dann springt er auf weitere Menschen über. Insgeheim plant der intelligente Roboter die Herrschaft über die gesamte Menschheit.

Und was geschieht, wenn diese übermäßig ansteigt? Wenn die Erde in absehbarer Zeit keinen Raum mehr bietet? Elisabeth Marienhagen stellt die Problematik der Überbevölkerung ins Zentrum ihrer Erzählung "Die Petrischalenkonferenz" und weitet Verhältnisse, wie wir sie heute aus China kennen, auf den gesamten Erdball aus. In der Geschichte verhandelt ein Kongress der Weltregierungen über die moralische Vertretbarkeit technischer Errungenschaften, die die Menschheit zwar von der Dichte befreien, aber eine elitäre und unnatürliche Gesellschaft schaffen.

Von Pascal Pfitzenmaier/Anja Voigt

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