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GOLD AG

Harald Taglinger08.06.2006

26. Herzilein, Du musst nicht Senior sein

Fünf kleine Helden: Ein sehr dynamisches Meeting treibt den XML-Brothers die Lebensgeister aus und Ernst Ungert in den Schrank. Karl Maria Ungert, Alberto Nannini und Liana Horkawawa werden sich jetzt wohl oder übel darum kümmern müssen, die GOLD AG, die Welt und die Zimmertapete des Meeting-Raumes retten zu müssen.

Warum auch just im Moment des physisch wieder hergestellten Gleichgewichtes ausgerechnet jetzt Liana Horkawawa mit unglaublich vielen Boutiquentüten in der Türe erschien und dann auch noch überrascht bei soviel Anwesenheit an einem Samstag die Frage aller Fragen stellen musste, konnte wohl nur der verstehen, der auch die Frauen erfunden hatte. Aber der war vermutlich vor einiger Zeit in der Wüste Sinai verschollen gegangen.

"Was ist denn eigentlich los, bittscheen?"

Offene Fragetechnik. Guter Ansatz. KMU starrte zuerst ihre neuen Stiefel und ein Appenzeller Melk-Kostüm (Der letzte Schrei am Flughafen Kloten) an, die ihre überquellende Statur krampfhaft versuchten zusammen zu halten. Dann fiel ihm schmerzhaft ein, dass seine komplette Munition zwar in Griffweite war, aber bis auf die letzte Patrone in den XML-Brothers steckte. Er schnappte nach Luft.

"WAS DENN EIGENTLICH LOS IST???? Wo kommen Sie denn eigentlich jetzt her???

"No bitte, aus Döblin, ist sich doch klar laut Reiseeeplan sich ist von Schtohlgewittär."

Ja, das sah so aus. Nannini wusste immer, dass "Irland menschlich" sei. Und, so KMU mühsam weiter, was sie hier wolle?

"No bitttääää, Reisespääääsn. Ist sich Irrland nur mit Fligäär, und Auto meiniges, wos alte Schese ist, schtand 3 Wochen in Klotän. Ist sich saudeier."

Das war dann wohl der richtige Moment für Nannini ein Zeichen zu geben, dass das jetzt nicht der geschickteste Augenblick für eine derartige Kompensationsstrategie sei. Und richtig, eine Menge an Blut sammelte sich unter den Augen von Karl Maria Ungert, den seine Angestellten immer dann KMU nannten, wenn er selbst nach Einsatz von 3 Kilo Valium noch nervös die Personalakten nach möglichen Kündigungen durchsuchen konnte. Allerdings schien er jetzt sehr ruhig. Er lächelte. Der osmotische Druck zwischen seinem leicht angespannten Inneren und seiner heiter gezeigten Gelassenheit war bewundernswert. So überraschend, dass selbst Ernst im Inneren des Schranks verdutzt lauschte. Der konnte allerdings nicht das leichte Zucken des rechten Ohrläppchens von KMU sehen. Sonst hätte er verstanden.

WIR SCHALTEN UM NACH AROSA

"Mein lieber Freund B. Al Samico, was führt sie zu mir?" Gute alte Geschäftsbeziehungen zwischen der leicht unglücklich zu machenden Familie Igor Baladurins und seinen "Freunden der Italienischen Oper" waren immer wieder einen kleinen Plausch wert. Zumal auch in seinem Winterurlaubsort gerade eine Menge Handies das Wort "Siena" zeigten, dann versuchten, die russischen Ölpipelines in ihre Gewalt zu bringen oder zu detonieren. Das war alles sehr merkwürdig. Aber die befriedigten Erzählungen der italienischen Seite des Gesprächs über den berechtigten Tod der Gehilfen Nanninis löste Bestürzung kurz vor dem Aprés Ski aus. Bei den Geistern Stalins, die XML Brothers. Wie sollte Igor Baladurin das seiner Tante erzählen, die die beiden Kerle großgezogen hatte? Wut stieg in ihm auf, bevor auch dieses Gespräch in einer Aufforderung unterging, er solle sofort die Unabhängigkeit St. Petersburgs erklären, oder das Telefon sprenge sich selbst in die Luft. Noch zeitgleich mit einem detonierenden Hotelzimmer war er auf den Hof geeilt und machte seinen guten alten Militärhubschrauber klar. Das war so unglaublich veraltete Technik, dass die nicht einmal mit beim besten Willen übernommen werden konnte. Hier war "Siena" machtlos. Das Ding wurde mit einem 16er Schraubenschlüssel programmiert. Kurs: Zug, Kanton Zug.

WIR SCHALTEN UM NACH ZUG, KANTON ZUG

KMU erklärte also liebevoll, wie er nach dem Krieg hier in der Schweiz angekommen sei, von seiner Frau zur Heirat genötigt eine Existenz aufgebaut hatte. Er sei ein Visionär der Schauscheibenindustrie gewesen. Und die GOLD AG sei sein Kind, das leibliche, sei ihm leider untergeschoben worden (Hier zuckte Ernst, aber er hielt still im Schrank). Über Jahre hinweg habe er wunderbare Summen Geld für das Alter angespart und seinen Angestellten Lohn und Brot gegeben.

"Trocken Brot, bittä."

Selbst diese Bemerkung von Liana Horkawawa wischte KMU mit einem Lächeln beiseite. Und nun, so fuhr er ein wenig lauter fort, sei ein Team aus vollvertrottelten Marketing-Angestellten und debilen Italo-Beratern zusammen mit einem hämoridenhirnigen IT-Fritzen imstande, sein Lebenswerk in die Hölle auf Erden zu verwandeln. Europa werde gerade von Handies übernommen, das Internet nerve seit ein paar Stunden wirklich, und gerade vorhin habe er noch im Radio gehört, dass das eidgenössische größte Atomkraftwerk eben von sich gegeben habe, es wolle auf Anraten der GOLD AG entscheidend zur Klimaerwärmung beitragen. Er, Karl Maria Ungert, sei nicht nur nicht mehr nicht nachzuahmen, er sei inzwischen sogar nicht mehr nicht nicht zu beneiden. Oder?

Dieses letzte Wort kam in einer dermaßenen Lautstärke aus dem hochrot angeschwollenen Kopf des Firmenseniors, dass die Zimmerkakteen freiwillig ihre Nadeln senkten und Lianas neckisches Melk-Käppi luftig gen Boden flatterte. Aber KMU war durchaus ein Mann der Kraftreserven.

Jetzt habe man eine Deppen von Sohn, der im entscheidenden Moment pissen gehe, eine zershoppte Vettel, die ihm immer noch die Ungarin vormache und einen Berliner Vorstadt-Gigolo, der ihm nicht einmal dieses Blutbad in seinem Büro erspart habe, indem er sich selbst als entspannende Zwischenübung vor den anderen erdrossele.

"Na, denn he tick mia ja det Itakern sparn könn, oda?" "Sie, des mit dr Vettl nemmet Sie zrück."

KMU hob zum finalen Brüller an, der ihm in den Bordellen manchmal den Kosenamen "Kong" einbrachte. Aber gerade als er die erste Beschimpfung in der Beschreibung einer üabelriechenden Körperabsonderung Nannini entgegenschleudern wollte, stutzte er. Er lächelte. Dann wisperte er noch "Vanillepudding bitte." und fiel der Länge nach vor die beiden hin und gab den Löffel ab.

"Na, det lief doch erste Sahne." Nannini nickte zufrieden.

Da warn es nur noch vier. Und in der nächsten Folge: Und in der nächsten Folge: Jetzt laufen Nannini und die Horkawawa zur Höchstform auf. Leider hat der Schrank Ohren.


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27. Der Schrank mit Ohren

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