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DER OPTIMIST oder "Candide reloaded"

Teil 1: Wie Vox geboren, getauft und aus dem Paradies vertrieben wurde

Noël Sanssouci25.06.2006

Einleitung und Übersicht

Teil 2

Mitten im alten Europa lebte auf dem Gut des Barons von Ückerburg ein Jüngling, dem die Natur ein außerordentlich sanftmütiges Wesen beschert hatte. Jede Empfindung seiner arglosen Seele spiegelte sich auf seinem Gesicht wider, und seine Stimme verwandelte Herzen in Resonanzkörper.

Nur das altgediente Gutspersonal erinnerte sich noch an die merkwürdigen Umstände seiner Geburt. Es hieß, seine Mutter sei die ledige Schwester des Schloßherrn gewesen, sein Vater dagegen ein Pferdezüchter aus dem Morgenland, der vor vielen Jahren für eine Nacht zu Besuch in Ückerburg geweilt hatte.

Obwohl beide nicht mehr an der Last der ersten Jugendblüte trugen, öffnete die immer noch jungfräuliche Baronin dem sinnenfrohen Gast in der Nacht vor seiner Abreise ihre Schlafzimmertür. Schon vor dem Morgenrot jedoch verließ er ihr Bett wieder, und sie hörte nie mehr auch nur ein Sterbenswort von ihm. Bis zur Geburt des in jener Nacht gezeugten Jungen litt sie an gebrochenem Herzen, ehe sie nur Stunden nach der Entbindung verschied. Die Taufe fand einige Wochen später in der Schloßkapelle statt. Doch gerade als der Baron den Knaben über das Taufbecken hielt, erschütterte ein Erdbeben die Mauern des Schlosses. "Ich taufe dich auf den Namen", konnte der Pfarrer gerade noch sagen, als plötzlich eine Säule der Orgelempore einknickte. Die Orgel löste sich aus ihrer Verankerung und stürzte ins Mittelschiff der Kapelle. Beim Aufprall wurde ein Registerzug aus der Tastatur geschleudert und traf den Täufling an der Stirn. Unbeeindruckt von dem plötzlichen Tumult bückte der Pfarrer sich nach dem merkwürdigen Geschoß. Er hob es auf und las laut, was auf dem Porzellanknopf stand: "Vox Humana."

Der eigentümliche Name tat der Beliebtheit des jungen Vox nicht den geringsten Abbruch. Bis zu seinem zweiten Geburtstag berührten seine Füße nicht ein einziges Mal die Erde, weil er ununterbrochen von Arm zu Arm gereicht, gewiegt, gedrückt und geküßt wurde. In den folgenden Jahren wuchs er zu einem beneidenswert sorglosen Knaben heran. Sein kastanienbraunes Haar schimmerte in der Sonne, und es gab nichts Reineres als seine blauen Augen. Sein ebenmäßiges Gesicht strahlte bei jedem Wort, das an ihn gerichtet wurde. Das Blut des verschwundenen Vaters verriet sich allenfalls durch einen Hauch von Bronze in der Tönung seiner Haut.

Häufig stand Vox am Ufer des kleinen Sees unten im Park und dachte, wie gut er es hatte, und seine Miene war so glatt wie der Wasserspiegel. Er hegte keinen Zweifel daran, dass er im Paradies lebte.

Der Baron gehörte zu den einflußreichsten Männern des Landes. Er besaß viele Zeitungen und fast alle privaten Fernsehsender, und sein Büro in der Hauptstadt war mit kostbaren Wandteppichen geschmückt. Zu Weihnachten brachten die Generalsekretäre sämtlicher Parteien ihm kleine Aufmerksamkeiten; dafür erhielten sie geheime, aber gut dotierte Beraterverträge. Zahlreiche Bankiers und ehemalige Regierungsmitglieder zierten seine Vorstandssitzungen, und wenn seine Kredite verlängert werden mußten, brauchte er nur die Hand aufzuhalten, und sie wurde von denselben Bankiers mit Geld gefüllt. Seine Bilanzen waren Kunstwerke, die von den angesehensten Wirtschaftsprüfern signiert wurden.

Die Jagdmeute des Barons liebte nichts mehr, als das auf dem Gut angesiedelte Wild zu hetzen, bis es vor Erschöpfung tot umfiel. Wie die Hunde waren auch die Reporter seiner Zeitungen und die Redakteure seiner Fernsehsender gut abgerichtet und gehorchten aufs Wort. Von morgens bis abends taten sie nichts lieber, als Gewerkschaftler, Steuerfahnder und korrupte Politiker ohne Beraterverträge zu hetzen, bis sie tot umfielen. Im Haus des Barons war es streng verboten, das Frühstücksei mit dem Messer zu köpfen; es erinnerte ihn an die französische Revolution und die Guillotine.

Die Frau des Barons lag die meiste Zeit kränkelnd im Bett und ließ sich von ihrem leiblichen Sohn Friedbert aus der Bibel vorlesen. Ihre Tochter Kunigunde war siebzehn Jahre alt, rothaarig, frisch und schlank. Sie hatte eine zierliche Nase und einen zarten Mund. In ihren grünen Augen lag ein Ausdruck verhaltenen, aber steten Erstaunens. Obgleich von Geburt an über die Maßen reich und dazu noch von natürlicher Schönheit, hätte sie alles darum gegeben, ein Supermodel zu sein. Zwischen Paris, Rom, Mailand und New York hin und her zu fliegen und dabei gesehen zu werden, wie sie die prächtigsten Kleider und die elegantesten Schuhe trug, erschien ihr wie die Erfüllung all ihrer Träume. dass sie über einen erlesenen Stammbaum von zweiundsiebzig Ahnen verfügte, störte sie dabei nicht im geringsten. Abend für Abend lag sie vor dem Fernseher und zappte sie sich durch sämtliche Kanäle, bis sie einschlief. Am liebsten sah sie Tierfilme.

Da der Baron öffentlichen Schulen und Universitäten mit gesundem Mißtrauen begegnete, oblag es einem Hauslehrer, seine Kinder zu unterrichten. Nur so konnte sichergestellt werden, dass sie nicht zu früh zuviel über die wahre Natur des Menschen erfuhren.

Der junge Vox sog die Worte seines Lehrers mit der ganzen Empfänglichkeit seines Alters ein. Besonders die physikalischen Lehrsätze über Zusammenhänge und Wechselwirkungen im Universums hatten es ihm angetan. An schlichten Beispielen wies Doktor Pangloss immer wieder nach, dass es keine Wirkung ohne Ursache gäbe und keine Ursache ohne Wirkung und dass außerdem jede actio eine reactio von gleicher Heftigkeit in entgegengesetzter Richtung nach sich ziehen müsse, was alles in allem noch dem Erkenntnisstand Isaac Newtons entsprach.

Des weiteren aber bewies Doktor Pangloss schlüssig und überzeugend, dass sie in der besten aller möglichen Welten lebten und dass in dieser Welt das Schloß des Barons der schönste aller Schlösser und die Frau des Barons die beste Gattin überhaupt sei. Auch lehrte er, dass der Verstand einer Frau in ihrer Schönheit liege, die Schönheit eines Mannes dagegen in seinem Verstand.

"Es ist nämlich physikalisch erwiesen", dozierte er etwa, "dass die Dinge auf der Welt nicht anders sein können, als sie sind, und da alles zu einem bestimmten Zweck erschaffen worden ist, muß dieser Zweck auch gut sein. Bekanntlich ist der Mensch das vollkommenste aller Lebewesen, denn die gesamte Evolution diente allein dem Zweck, ihn hervorzubringen. Als er nun vom Baum der Erkenntnis aß, stellte er nicht nur fest, dass er nackt war, sondern auch, dass er Füße besaß. Wozu aber sollten diese dienen, wenn ihr eindeutiger Zweck nicht wäre, Schuhe zu tragen? Also gibt es noch heute die elegantesten Schuhe von Gucci, Prada und Manolo Blahnik, um nur ein paar der Schuhmacher zu nennen, die regelmäßig in den Zeitungen des Herrn Baron inserieren."

"Aber wenn alles so vollkommen ist, warum gibt es dann immer wieder Krieg?", wollte Vox wissen.

"Wegen der Uniformen", erklärte Pangloss. "So wie Frauen am schönsten in eleganten Schuhen aussehen, beeindrucken Männer am meisten in Uniform. Weil es natürlich keinen Sinn ergibt, Uniformen anzuziehen, ohne Soldat zu sein, und Soldat zu sein, ohne Krieg zu führen, gibt es Kriege. Und da, wer Kriege führt, auch hungrig wird, hat die Evolution das Schwein hervorgebracht. Warum sonst wären wir umgeben von Schweinen, wo sie doch ganz unzweifelhaft nicht die Krone der Entwicklung darstellen? Wenn alles in der Kette der Evolution dazu diente, den Menschen hervorzubringen, dann kann auch alles, was vor ihm entstand, nur dazu dasein, um wiederum dem Menschen zu dienen. Das Schwein existiert also, damit wir es essen, und aus dem, was wir nicht essen, machen wir Leder für die Schuhe."

"Und Handtaschen", warf Kunigunde ein.

"Dem gleichen Zweck dienen Rinder und Gänse", fuhr Pangloss zustimmend fort. "Zusammenfassend kann man sagen, wer sich weigert, Schweinekottletts, Rinderlende oder Gänseleber zu essen, verweigert sich der Idee des Fortschritts und stellt damit seine Dummheit unter Beweis. Dumme Menschen sind gefährlich, die meisten werden sogar Terroristen. Terroristen neigen zum Terrorismus, weil sie nie zufrieden sind und immer etwas sehen, das sie ändern wollen, was in einer voll-kommenen Welt natürlich nur dumm sein kann. Wenn sie dagegen ihre Augen zu dem Zweck nützen würden, zu dem sie geschaffen sind-"

"Zum Fernsehen?" fragte Kunigunde.

Pangloss nickte wohlwollend. "Weil Augen unzweifelhaft zum Sehen geschaffen sind, gibt es die vielen Fernsehprogramm, die uns das schönste Schuh-werk und die wirksamsten Magenmittel zum Verdauen der Schweine präsentieren. Es ist daher an Terrorismus grenzende Dummheit, zu behaupten, auf der Welt liege vieles im argen. Vielmehr kann man nicht oft genug betonen, dass alles aufs beste bestellt ist, wie jeder früher oder später begreift, wenn er nur lang genug fernsieht."

"Und wenn jemand nicht fernsieht?" fragte Vox.

"Dann muß er anders überwacht werden", sagte Pangloss. "Deswegen haben wir Abhörgeräte, Pupillenscanner, Genanalysen und die satellitortbaren Chips in Mobiltelefonen, Kreditkarten und den Kundenkarten der großen Kaufhäuser. Das alles hätte jedoch nicht entwickelt werden können, wenn es die Physik nicht gäbe, und daher wurden Physiker wie Newton, Einstein und Hawking geboren, um sie uns zu erklären. Wenn man etwas erklären kann, kann man es auch verstehen, und wenn man es verstehen kann, wurde es nicht in sieben Tagen geschaffen, weil das völlig unerklärlich wäre. Mit anderen Worten, es gibt nur eine Religion - die Physik."

"Aber was ist mit Gott?" fragte da endlich Friedbert zweifelnd. "Was ist mit der Idee des Wunders? Oder der Schöpfung?"

"Wenn es eine Evolution gibt, kann es keine Schöpfung geben", erklärte Pangloss, "und wo es keine Schöpfung gibt, war auch nie ein Schöpfer. Es existiert also kein Gott, sondern nur die Zeit und der Raum, die beide mit dem Urknall begonnen haben. Davor gab es bekanntlich keine Zeit, und ohne die Idee der Zeit ist es auch unmöglich, von einem Davor oder Danach zu reden. Das heißt, Hawking lebt - Gott ist tot. Und das einzige, woran ihr glauben müßt, ist die Schwerkraft, denn ohne deren Existenz würdet ihr aus der vollkommensten aller Welten einfach herausfallen, und die Evolution wäre umsonst gewesen. Quod erat demonstrandum."

Zwischenspiel: Von den Lehren des Professors tief beeindruckt, beginnen Kunigunde und Vox selbst mit physikalischen Experimenten, um das Gesetz von actio und reactio am eigenen Leib zu erforschen. Als der Baron sie in flagranti im Schloßpark erwischt, sieht er rot und hetzt seine Hundemeute auf den jungen Wissenschaftler, der sein Heil nirgendwo sonst als in der Flucht suchen kann.To be continued.

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