Im Jahre 2020
Reinhard Gunst 28.07.2006
Austausch
In seinem Ministerium für
Innere Organisation fühlte er, der die Codeziffer 013/140 trug sich
noch sicher. Er war mit seiner Abteilung an der Peripherie des Systems
angesiedelt und daher nicht im unmittelbaren Kontrollfeld gelegen, doch
er wusste, dass sie ihn kontrollieren würden.
In dem Chip in seinen Oberarm wurden alle relevanten
Daten per Satellit sofort übermittelt. Selbst das zirkulieren kleinster
weißer Blutkörperchen wurde digitalisiert erfasst und mit den
Sollwerten verglichen, wie es auch für alle andern Werte seines Körpers
Sollvorgaben für seinen Typ gab. Er hatte versucht den Chip mit allen
ihm zur Verfügung stehenden Substanzen auszutricksen, doch jedesmal
bekam er eine Kontrollmitteilung auf sein Handy, dass Digitaldopings in
seinem Körper registriert wurden. Eines Tages hatte er in der Sauna
bemerkt, dass Temperaturunterschiede die perfekte Funktion seines Chips
im gewünschten Maß störten. Der abrupte Wechsel aus der
heißen Zelle in das Abkühlbecken behinderte seinen regelmäßigen
Elektronenfluss für einige Zeit. Kontrollmitteilungen blieben aus,
weil die Daten nur den korrekten Besuch einer Sauna übermittelten.
Haben sie von den Gesprächen
etwas mitbekommen? Ein widerrechtlicher Scan des Chips hatte keine eindeutigen
Ergebnisse zu Tage gefördert. Noch war er guter Hoffnung, endlich
einen Weg gefunden zu haben das System zu umgehen. Ein erster Test würden
die Scanner an der Metro sein, die Abweichende sofort in Nebengänge
lotsten. Er stellte sich wie alle anderen an und ließ den Abendscan
über sich ergehen, wo alle Tagesdaten mit den Sollwerten verglichen
wurden. Seit der Einführung dieser Technik hatte das System enorme
Produktivitätszuwächse erlebt. Er war an der Reihe und spürte
wie sein Puls nach oben schoss, ohne dass er dies verhindern konnte. Wider
erwarten konnte er ungehindert passieren. War es nur eine List oder hatte
er endlich einen Weg gefunden mit den anderen zu kommunizieren? Ein unterschwelliges
Gefühl sie besiegt zu haben stieg in ihm aus. Schnell unterdrückte
er die Gedanken, da in öffentlichen Orten auch Gehirnströme
gemessen werden konnten. Zu Hause in seinem Appartement würde er
seinen heimlichen Sieg auskosten. Er vermied seinem Gegenüber durch
unkontrollierte Äußerungen seinen Gemütszustand zu verraten.
Starr sah er auf eines der Magazine die die Fortschritte des Systems verkündeteten,
während die Metro durch die unterirdischen Tunnels ihrem Ziel entgegen
schoss. Nur wenige Fahrgäste fuhren noch um diese Zeit, da die Ministerien
in der Regel nach gestaffelten Zeiten die Tätigkeit ihrer Beschäftigten
regulierten um den Verkehr besser auszulasten.
Er sah aus dem Fenster, doch
die Betonröhre zog als endloses Band an ihm vorüber. Hatten
sie nicht berichtet, dass die Bahn auch über große Strecken
oberirdisch fuhr? So sehr er sich anstrengte, er entdeckte nirgends ein
Anzeichen von Tageslicht. Sein Gegenüber hatte das Magazin beiseite
gelegt. Es war das neueste Metromagazin. Er sah es als Aufforderung das
Magazin zu ergreifen. War es nur eine normale Geste eines einfachen Fahrgastes
oder steckte mehr dahinter. Fieberhaft überlegte er, wie er am besten
handeln sollte. Sein Gegenüber sah durch die Fensterscheibe, im gespiegelten
Bild glaubte er seinen beobachtenden Blick zu erkennen. Die bläuliche
Beleuchtung eines Fluchtweges huschte über sein Gesicht. Unbeweglich
sah er weiter zum Fenster hinaus. Für einen Moment wandte er sich
ab, um zum Gang zu blicken. Einige Fahrgäste gingen jetzt schnellen
Schrittes zur nächsten Tür, denn die Station nahte. "Könnte
es sein, dass dies ein Prüfer ist?" fuhr es ihm blitzschnell
durch den Kopf. Jetzt erinnerte er sich wieder an das Bild, das er soeben
gesehen hatte. Dieser mikrofeine Schnitt kurz vor dem Haaransatz. Sie,
die Rebellen, hatten ihm davon erzählt, nachdem er in alle Geheimnisse
der neuen Bewegung eingeweiht worden war. Es gab sie also tatsächlich,
die Restrukturierten, wie sie in ihrem Kreis genannt wurde. Prüfer
fuhren auf allen öffentlichen Strecken und wahrten mit ihrer neutralen
Erscheinung das Bild völlig zufälliger Begegnungen. Spürte
jemand das Gefühl sich offenbaren zu müssen, oder die Bitte
gewisse Fehler zu annullieren, die man gegenüber dem System geleistet
hatte konnte man sich an sie wenden. Nur kleine vereinbarte Gesten reichten
aus und seine technische Ausstattung ermöglichte es dem Prüfer
alles schädliche aus dem Chip zu tilgen. Er sah wieder zu ihm. Hatte
er bemerkt, dass er ihn erkannt hatte, oder war es nur ein Zufall, dass
er ausgerechnet diesen Platz, gegenüber dem einzigen Fahrgast im
Abteil eingenommen hatte.
Er spürte wie die Metro ihre Geschwindigkeit abbremste.
Was würde sein Gegenüber jetzt machen? Vielleicht würde
ein unverbindliches Lächeln seinerseits eine Reaktion provozieren,
aus der er einen eindeutigen Schluss ziehen könnte? Mit einem Ruck
kam die Bahn zum Stillstand. Es war einer der neuen Knotenpunkte, wo in
mehreren Geschossen die Bahnen übereinander kreuzten. Eine Menge
an Fahrgästen strömte den engen Gang entlang. Nach und nach
füllten sich alle Sitze. Es drängten sich immer mehr stehend,
sich an den Halteschlaufen festklammernd. Er sah sich um, ob er zufällig
bekannte Gesichter entdecken könnte. Diesen Bruchteil von Sekunden
nutzte sein Gegenüber aus und verschwand im Gewühl der Fahrgäste.
Der freie Platz wurde sofort wieder besetzt. Die Bahn fuhr wieder an,
ein leichter Ruck ließ die Fahrgäste schwanken. Er musterte
seinen neuen Gegenüber, der beim Registrieren seines Blickes sich
umgehend dem Fenster zuwandte. War dieser Wechsel abgesprochen oder nur
ein Zufall? Sie hatten ihm beigebracht, dass das System keine Zufälle
mehr erlaubte. Zufälle waren zu unerlaubten Produktivitätsverlusten
abgestempelt worden. Nichts konnte in diesem Krieg mehr einem Moment überlassen
werden, der nicht kalkuliert werden konnte. Sie hatten bereits einen ganzen
Katalog zusammengestellt, wie man diese Prüfer sofort an bestimmten
Merkmalen erkennen konnte. Doch die Abwehr der Rebellen stand erst am
Anfang und das System konnte aus einem Fundus unzähliger Möglichkeiten
schöpfen.
Er hatte gerade noch zum
Magazin greifen können, um darin jetzt räumlich ziemlich beengt
zu blättern. Heimlich blickte er über den Blattrand auf die
anderen Fahrgäste. Keiner schien vom anderen Notiz zu nehmen. Doch
wurden alle ihre Daten in dieser Sekunde über Satelliten dem Ministerium
übermittelt und abgeglichen. Sein Gegenüber schein einen imaginären
Punkt auf der Scheibe zu fixieren. Er versuchte zu ermitteln wie sein
Blick gespiegelt werden könnte. Das Rütteln auf den Weichen
störte kurzeitig seine Konzentration. Er fasste wieder einen der
Artikel ins Auge. Die Zahl der Prüfer wurde erhöht um den wachsenden
Fragen und Bitten der Teilnehmer begegnen zu können. Sein Puls schoss
höher.
Wie kam diese Duplizität an Ereignissen zustande?
Erst sein Verdacht ein Prüfer sitze ihm gegenüber und nun der
Artikel in dem Magazin? Er kämpfte mit einem Schweißausbruch,
höchst unangenehm bei der jetzigen Dichte in seinem Abteil. Seit
den letzten Instruktionen der Rebellen hatte er das Wort Zufall versucht
aus seinem Wortschatz zu streichen. Es wollte nicht gelingen, zu tief
saßen die alten Denkstrukturen noch in ihm. Er konnte es sich auch
nicht vorstellen, dass das System dieses Perfektion an Präsenz erreicht
hatte.
Er hörte nicht auf die Gespräche, die von einigen
der Fahrgäste geführt wurde, um dem Gefühl drückender
Enge entgegenzuwirken. Sein Gegenüber sah für einige Momente
zu ihm. Die Metro bewegte sich immer noch mit gleichmäßigem
Tempo der nächsten Station entgegen. Da gab es ein abruptes Bremsmanöver.
Klirrend schrammten die Räder über die Schienen und warfen funkenstiebend
Metallspäne an die Tunnelröhre. Durch den abrupten Geschwindigkeitsunterschied
war ihm das Magazin entglitten. Sein Gegenüber reagierte zielsicher
und schnell. Rasch hatte er es ergriffen und reichte es ihm mit einem
Lächeln zurück.
"Interessante Neuigkeiten", fragte er.
"Wieso" fragte er? Dieses Magazin, war 4 Tage
alt und jeder der im öffentlichen Nahverkehr fuhr musste es schon
mindestens einmal in der Hand gehabt haben. Doch er antwortete umgehend.
"Erstaunlich wie wir weiter wachsen", versuchte er möglichst
unverfänglich die neuen Artikel wiederzugeben. Sie hatten ihm eingechärft,
als Mitwisser durfte er auf gar keinen Fall durch atypische Äußerungen
die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Zu viel an Euphorie wäre genauso
verdächtig wie die Missachtung von Nachrichten. Das erwartete Maß
an Interesse musste jeder selbst für den Augenblick der Begegnung
mit einem Prüfer definieren.
Sein Gegenüber schien
seine Worte richtig einzuschätzen, denn er lächelte ihn an.
Diesen Krieg besteht nur, wer ein konsequentes Wachstum vorweist. Mit
dem letzten Wort war das Lächeln wieder erstarrt. Wie das Standbild
auf einem Bildschirm wirkte sein Gesicht für einige Momente. Dieser
Begriff machte ihn stutzig. Wieso betonte er ihn so? Wollte er ihn damit
auf seinen Zweifel aufmerksam machen? Normalerweise verhielten sich Prüfer
neutral und man musste ihnen seine Bitten ungefragt vortragen.
Sein Tonfall machte ihn stutzig: Hob sich seine Stimme
nicht gegen Ende des Satzes um eine darin verborgene Frage zu zeigen,
die selbst Zweifel signalisierte? War es vielleicht ein Test der Rebellen,
die seine Standfestigkeit damit überprüfen wollten ob er den
Kontaktangeboten eines vermeidlichen Prüfers standhalten konnte?
Er wollte auf keinen Fall das begonnene Gespräch abreißen lassen.
So hielt er das Magazin wieder fest in der Hand, mit
seiner Rechten deutete er auf das Titelblatt. "Dieses Wachstum ist
unsere Chance" betonte er. Sein Gegenüber schien diese spontane
Bemerkung nicht richtig einordnen zu können. Er sah nur ein kurzes
Zucken der Lippen und mit einem Kopfnicken schien er das Gespräch
beenden zu wollen. Rasch erhob er sich und reihte sich in die Schlange
der Fahrgäste ein, die zum Ausgang strebten. Er begann sich zu ärgern,
denn er hatte die Chance vertan, sich Gewissheit zu verschaffen. Noch
blätterte er unschlüssig in dem Magazin. War diesen Meldungen
über die Vollkommenheit des Systems wirklich zu trauen? Kurz blickte
er zum Fenster. Kurz glaubte er, als hätte er ein aufblitzendes Tageslicht
gesehen, das durch einen Riss der Betonwand fiel. Waren sie also doch
nicht die ganze Strecke unter der Erde gefahren? Was verbarg sich hinter
den scheinbar dicken Betonmauern, die die Strecke wie einen endlosen Kanal
umschlossen? Es musste verborgene Dinge geben, die das System verheimlichen
wollte, überlegte er. Der Zug fuhr wieder an und niemand war zugestiegen.
An der äußeren Peripherie waren in den Abendstunden meist nur
wenig Fahrgäste anzutreffen. Er lehnte sich zurück, um in Ruhe
seine Gedanken sammeln zu können. In seinem Oberarm, wo seit seinem
14 Lebensjahr der Chip ruhte, begann wieder leicht zu schmerzen. Wenn
ihnen das System etwas verheimlichen sollte, dann war es ein deutliches
Zeichen für mangelnde Perfektion, die immer verkündet wurde.
Sein Puls verlangsamte sich. Dies wäre ein Lichtblick. Das System
hatte also Lücken, die man nur erkennen musste. Beim nächsten
Treffen wollte er diese Erkenntnis den anderen unbedingt mitteilen. Beruhigt
wartete er bis die Metro die Endstation erreicht hatte, dann waren es
nur noch wenige Minuten bis zu seiner Appartementanlage. Er grüßte
die anderen nach heimkommenden Angestellten des Ministeriums in der üblichen
Art wie sie es gewohnt waren. Sein Chip öffnete ihm den Zugang zu
seinem Wohnblock.
Erleichert mit niemandem
mehr über seine Gedanken sprechen zu müssen, stieg er in den
Lift, der nahezu lautlos seine Türen schloss. Er war endlich zu Hause.
Automatisch öffnete sich sein Wohnungstür und eine sanfte Stimme
begrüßte ihn. Sichtlich erleichtert atmete er auf. Sofort registrierte
er auf dem Display der Rohrpostanlage eine Sendung. Schnell tippte er
seine Pinzahl ein und die Sendung fiel in das Ausgabefach. Als er das
weiße Päckchen sah, zuckte er vor Schreck zurück. Er musste
die Aufschrift nicht lesen, denn die Maße und das Design war ihm
von den Rebellen bei einer der ersten Sitzungen mitgeteilt worden.
Entkräftet ließ sich er sich auf das Sofa
fallen. Sie waren es also doch gewesen! also doch. Die beiden Prüfer
in der Metro wolltem ihm einen letzte Chance zur Umkehr geben, bevor er
sich verändern musste, wie dieser Vorgang heute bezeichnet wurde.
Sie hatten seine neuen Gedanken doch über den Chip erkannt und sie
lokalisiert. Mit diesen Gedanken der Rebellen war er nicht mehr auf ihrer
Seite. Doch wieviel er die zulässige Grenze schon überschritten
hatte wusste er selbst nicht. Niemand wusste wie hoch der Toleranzbereich
bei der Grenzüberschreitung war. Es gab keine Richtlinien die vom
System veröffentlicht wurden. Insgeheim, so kursierten Gerüchte,
war es eine individuelle Toleranz, die jedem gewährt wurde und selbst
abzuschätzen waren. Gelang dies nicht, übernahm das System die
notwendigen Schritte. Er nahm die Packung in die Hand, in wenigen Sekunden
würden Nanoroboter, die in den Dragees integriert waren, sich durch
die Speichelflüssigkeit herauslösen und ihr unwiderbringliches
Werk verrichten. Die unzulässige Grenzüberschreitung war einfach
zu beheben. Die Nanoroboter transportierten Sylesium in die entsprechende
Gehirnregion. In Sekundenbruchteilen war sie verödet. Kristallisiertes
Sylesium wuchs zu einer dichten Struktur, die die vernichtete Gehirnsubstanz
ersetzte und die lebensnotwendigen Schaltungsvorgänge übernahm.
Eine minimale Veränderung, doch er würde sie nicht mehr erkennen,
das war sicher. Bei der nächsten Begegnung würden sich in ihrer
Kommunkation Fehler einschleichen, die auch die Rebellen dem System offenbaren
würden. Nach und nach würde so die ganze Bewegung infiltriert
werden. Er hatte keine andere Möglichkeit mehr, das wusste er. An
diesem Punkt hatte der Chip seinen Entschluss schon weitergemeldet. Von
jetzt an würde es kein zurück mehr geben.
Es blieb nur ein weg übrig, um die Rebellen zu retten.
Obwohl dies nur zentral ausgelöst werden konnte, hatte er sich im
Archiv des Ministerium heimlich den Code besorgt und in seinem Handy gespeichert.
Aus zuverlässiger Quelle wusste er, dass es in Sekundenbruchteilen
geschehen würde, nahezu schmerzfrei. Er betrachtete noch einmal die
Packung. Die Digitalanzeige lief bereits, bald würde der Satellit
die erste Kontrollmitteilung empfangen und zur Verarbeitung weiterleiten.
Um ihn herum lief die Klimaanlage bereist auf höheren Touren und
hüllte ihn in eine Schallwand ein. Das Räumkommando war sicher
bereits in Marsch gesetzt worden.
Er tippte den Code ein und
drückte auf die Ruftaste. Die Welt um ihn wurde dunkel. Die ihm mit
14 Jahren zusammen mit dem Chip eingebaute Sprengkapsel zündete automatisch
und zerriss seinen Organismus zu einem blutigen Schleim, der sich in Sekundenbruchteilen
über seine Einrichtung verteilte. Im Luftstrom der Ventilatoren begann
die millimeterdicke Sekretschicht schnell zu trockenen. Nur die vielen
kantig hervorstehenden Knochensplitter zeugten noch von einem lebendigen
Wesen. In der Anlage schien niemand etwas mitbekommen zu haben, denn alles
blieb ruhig. Einige Minuten später wurde mit einem Nachschlüssel
die Tür geöffnet. Männer in Schutzanzügen räumten
die Wohnung leer und luden die verschmutzten Gegenstände in einen
Container. Mit einer Desinfinektionslösung wurde der Raum in dem
er bis vor kurzem noch gelebt hatte sauber gesprüht. Die Reinigung
des Appartements wurde mit einer professionellen Disziplin abgewickelt,
wo jeder Handgriff saß. Bedingt durch die häufigen Vorfälle
in den letzten Monaten waren die Männer aufeinander eingespielt.
Kurz vor seiner Explosion sandte der Chip noch 'Code
00', das eine sofortigen Austausch eines Systemteilnehmer signalisierte.
Die Rechner des Systems fügte automatisch die Codeziffer des neuen
Teilnehmers in seine Matrix ein.