Acht Monate, fünf Zorkmirds und sechs Dosen Bier
Melanie Berg 28.07.2006
Eine Kurzgeschichte
Die Bierdose zischte einmal kurz, als Ralph Kender sie öffnete und sich mit einem Seufzer der Erleichterung zurück auf's Sofa fallen ließ. Der zugegebenermaßen nicht sehr weite Weg vom Fernseher bis zum Kühlschrank fiel ihm in letzter Zeit immer schwerer. Ralph hatte zugenommen in den letzten sechs Monaten, und das ging ihm auf die Knochen. Eigentlich war er immer ein eher sportlicher Typ gewesen, doch seitdem er so eingeengt war, machte sich der Mangel an Bewegung langsam aber sicher bemerkbar. Ralph nahm die Fernbedienung und zappte sich durch die Kanäle. Seit Bick Industries die letzten Fernsehsender aufgekauft hatte, lief überall mehr oder weniger das gleiche. Berichte über Bick Industries, über neue Firmengebäude, über die glücklichen Mitarbeiter, Werbung für die zahlreichen Produkte aus dem Hause Bick. Die Produktpalette ließ keinen Wunsch offen, von Butter, Mehl und Milch über Teppichreiniger bis hin zur eigenen Segelyacht war für jeden etwas dabei. Ralph seufzte noch einmal und schaltete das Fernsehgerät gelangweilt ab.
Gregor Bick gab einen wohligen
Seufzer von sich und zündete sich eine Zigarre an. Er lehnte sich
in seinem Ledersessel zurück, schloss die Augen und ließ den
Tag noch einmal Revue passieren. Seitdem Bick Industries den letzten nennenswerten
Konkurrenten aufgekauft hatte, waren Gregors Tage immer eintöniger
geworden. Sein Talent, geschickte Taktiken auszuklügeln, wurde immer
weniger gebraucht. Eigentlich sollte er rundum zufrieden sein - er war
reich, reicher als reich sogar. Ihm gehörte, und das war keine Übertreibung,
so gut wie die ganze Stadt, und weit mehr als das. Bick Industries war
der führende Konzern, und das in jedem Bereich. Gebrauchsgüter,
Infrastruktur, ja sogar Dinge wie medizinische Anlagen und sogar die Komplettausstattung
der staatlichen Behörden gehörten zum Repertoire seines Unternehmens.
Längst ging es nicht mehr um blosse Millionenbeträge. Bick konnte
sich zurücklehnen und sein Werk bestaunen, bewundern und sich in
seinem Erfolg sonnen. Seine Tätigkeit beschränkte sich nur noch
darauf, besondere Kniffe zu ersinnen, die hier und da noch ein paar Zorkmirds
einsparen würden. Dass man steinreich war, hieß ja schließlich
nicht, dass man sein Geld zum Fenster hinauswerfen sollte, nicht wahr?
Ralph leerte die Bierdose in einem einzigen Zug, erhob sich aus seinem Kissenberg und machte sich auf den Weg Richtung Kühlschrank. Die Fußfessel, die sich an seinem linken Knöchel befand, behinderte ihn beim Laufen überhaupt nicht. "Da muss ich Bick Industries ein wirklich großes Lob aussprechen", murmelte Ralph zynisch in sich hinein und öffnete die Kühlschranktür, um im nächsten Moment festzustellen, dass sein Biervorrat soeben aufgebraucht worden war. Er stieß einen schweren Seufzer aus und warf einen Blick auf die Armbanduhr. 22:47. Gut, die Tankstelle um die Ecke hatte noch auf.
Ralph schlüpfte in
seine Jacke, steckte seinen Hausschlüssel ein und trat auf die die
Türschwelle. Seine Augen suchten im vor ihm liegenden Dunkel nach
der phosphor-grünen Linie, die auf den Asphalt der Straße gemalt
war und von seiner Wohnung bis zur Tankstelle führte. Es war nicht
schwer, sie zu finden: Mehr als einen Meter breit bahnte sie sich ihren
kurzen Weg. Wohnung, Tankstelle, Wohnung, Tankstelle. Seit einem halben
Jahr war er nirgendwo anders gewesen. Immerhin, zu Hause und in der Tankstelle
durfte er sich frei bewegen, doch sobald er eins von beiden verließ,
beschränkten sich seine Schritte auf die Linie. Winzige Nadeln, die
in die Fußfessel eingelassen waren, würden sich sofort in seine
Haut bohren und eine tödliche Injektion geben, sollte er die Sicherheit
der Linie verlassen. Tja, moderne Technik macht's möglich. Moderne
Technik und Bick Industries.
Ralph fragte sich zum wiederholten Male, ob diese Art des Strafvollzugs wirklich so human war, wie es propagiert wurde. Aber immerhin hatten die Behörden auf diese Art und Weise wenig Arbeit mit ihm, und sollte er die Linie einmal verlassen, dann wäre das sein kleiner Beitrag zum Thema Überbevölkerung. Und das alles nur wegen diesem Abend vor einem halben Jahr...
Ralph erstickte den Gedanken im Keim, zu oft hatte er bereits darüber nachgedacht, und am Ende war er stets wütend auf sich selbst gewesen. Die Erkenntnis, dass er an jenem Abend viel zu viel getrunken hatte und sich viel zu leicht hatte provozieren lassen, nützte ihm jetzt herzlich wenig. Ralph, Träger der goldenen Fußfessel, hatte den ersten Schlag geführt. Und dann noch eine Menge weiterer, ehe ihn der Wirt der Kneipe, in der die Sache passierte, zusammen mit ein paar anderen Gästen, überwältigen konnte. Aufgrund dieses Ereignisses wurde er natürlich auf der Stelle von seinem Dienst suspendiert - sich prügelnde Polizisten konnte man nicht brauchen. Und, Ralph seufzte, das geschah auch vollkommen zu Recht. Er sah es ja ein, mein Gott. Noch zwei weitere Monate, dann hätte er seine Strafe verbüßt. Zwei Monate noch mit dieser klammernden Zeitbombe am Knöchel und er hätte es überstanden. Vielleicht würde man ihm ja sogar seinen Job wieder zurückgeben, denn eigentlich war er immer ein vorbildlicher Polizist gewesen - bis auf diesen Abend halt.
Er betrat die Linie und
setzte zögernd einen Fuß vor den anderen. Nach sechs Monaten
sollte man eigentlich erwarten, dass Ralph sich auf der Linie etwas sicherer
fühlte als zu Beginn, doch das war nicht der Fall. Zwar kannte er
fast jeden Zentimeter Boden hier auswendig, doch er hatte jedesmal eine
panische Angst, vom Weg abzukommen. 300 Meter waren es bis zur Tankstelle,
und die erste Strecke war zu beiden Seiten mit Mehrfamilienhäusern
bebaut. Aus einem davon führte eine blassblaue Linie heraus, die,
wie Ralph wusste, zu Dennis Henrek gehörte. Die zwei Linien trafen
sich hier und verliefen dann den letzten Teil des Weges zur Tankstelle
nebeneinander. Ralph wusste nicht, wie Dennis zu seiner Linie gekommen
war, und es interessierte ihn auch nicht. Er war lediglich froh, dass
er ihm bis jetzt bei seinem täglichen Tankstellenbesuch nicht begegnet
war. Immerhin, er war nicht der einzige, dessen Bewegungsfreiraum sich
auf einen farblich markierten Bereich beschränkte. Ein Hoch auf den
Fortschritt.
Die letzten Züge seiner Zigarre gierig inhalierend, versank Gregor Bick noch ein kleines bisschen mehr in seinem Ledersessel. Ja, seine Tage hatten viel von der früheren Hektik und dem Erfolgsdruck verloren, und das schon seit Jahren. Eigentlich hätte er sich komplett aus dem Geschäft zurückziehen und ein ruhiges Leben irgendwo auf den Bahamas verbringen können. Doch das widersprach seiner Natur. Bick fühlte sich nicht wohl, wenn er nicht über alle größeren Vorgänge in seinem Weltunternehmen zumindest oberflächlich informiert war. Und wenn ihm dann hier und dort etwas auffiel, wo man noch die ein oder andere Million einsparen konnte - um so besser. So wie letztens... Er fing an zu überlegen. Was war da noch gewesen? Irgendeine brillante Idee hatte er gehabt, doch er wollte gerade einfach nicht drauf kommen..
Ein lauter Piepton erklang,
als Ralph die Tür zur Tankstelle öffnete. Philip, den Verkäufer,
kannte er schon seit Jahren.
"Hi Ralph, so spät noch unterwegs?", brummte Philip in seine Richtung.
"Kein Bier mehr daheim", erwiderte Ralph. Er trat an das gekühlte Regal, nahm sich einen Sixpack heraus und drückte Philip fünf Zorkmirds in die Hand.
"Schon gehört?", fragte Philip. Herrgott, Ralph hasste es, wenn Leute in Rätseln sprachen.
"Was denn?" erkundigte er sich ein wenig ungehalten; er wollte nach Hause und in aller Ruhe ein Bier trinken, ehe er müde vom Nichtstun ins Bett sinken würde.
"Ich schließe nächste Woche. Also, der Laden bleibt. Aber gehört mir nicht mehr, sondern Bick Industries dann." Philip spuckte auf den Boden. Wenn er seine Tankstelle schon verlieren würde, dann musste er schließlich auch nicht mehr auf Sauberkeit achten.
"Oh, das tut mir leid, Philip. Im Ernst." Ralph seufzte. "Früher oder später gehört denen die ganze verdammte Welt. Eher früher als später, schätze ich."
Darauf folgte eine beidseitige Fluchtirade zu Ehren von Bick Industries, und schließlich bekam Ralph sein Wechselgeld, öffnete die Tür und machte sich auf den Heimweg. Er hatte versucht, es sich nicht anmerken zu lassen, aber es stieß ihm bitter auf, dass er in Zukunft sein Bier beim Hersteller seiner Fußfessel kaufen musste.
Er hatte bereits mehr als die Hälfte des Rückweges hinter sich gebracht, als ein unglaublich lauter Knall ihn aus seinen Gedanken riss. Ralph wirbelte herum und erstarrte, noch ehe er die Bewegung vollenden konnten. Die Straße machte hier einen leichten Knick, und den hatte der rote Sportflitzer offensichtlich übersehen. Der Wagen musste mit einer höllischen Geschwindigkeit unterwegs gewesen sein, denn es war praktisch unmöglich, hier vom Weg abzukommen. Ein knallroter Blechhaufen war das traurige Überbleibsel dieser Spritztour. Ralph näherte sich vorsichtig ein paar Schritte. Dann erstarrte er erneut. Dort lief Benzin aus, und zwar nicht zu knapp.
Er war nun nahe genug herangekommen,
um einen Blick auf den Fahrer werfen zu können, es war eine junge
Frau. Das Gesicht blutverschmiert und gegen die Kopflehne gedrückt.
Ralph rief ein vorsichtiges "Hallo?" in ihre Richtung, doch
sie reagierte nicht. Ihre Augen waren geschlossen und Ralph vermutete,
dass sie nicht bei Bewusstsein war. Er sah sich unruhig um, jemand musste
das Mädchen unbedingt aus dem Fahrzeug holen, und zwar schnell! Doch
außer ihm war niemand auf der Straße unterwegs. "Verdammt,
das gibt's doch nicht!"
Er konnte doch unmöglich der einzige gewesen sein, der diesen Lärm gehört hatte. Das Auto würde bald in die Luft fliegen, soviel war ihm klar. Und wenn nicht schnell Hilfe kam, dann auch mit der Frau darin. Herrgott. Ralph sah auf den Boden, auf die verhasste grünlich schimmernde Linie. Er schätzte die Entfernung von ihrem Rand bis hin zu dem Fahrzeug auf etwa zehn Meter. Das war zuviel, wenn man Bick Industries glauben konnte. Bereits eine Abweichung von nur drei Metern zählte als Regelverstoß und wurde bestraft. Und man konnte sich nicht mehr als einen leisten, hieß es.
Ralph erschauderte, nicht
zum ersten Mal, bei dem Gedanken an die kleinen, sich nahe an seinem Fussgelenk
befindlichen Nadeln. Während dieser Überlegungen, die nur wenige
Augenblicke gedaudert hatten, war unaufhörlich mehr Benzin aus dem
Wagen ausgetreten, verdammt, es war eine Frage von wenigen Minuten, bis
es zu einem Unglück kommen würde. Und wenn er doch...?
Ein schneller Sprint zum Wagen, das Fenster war glücklicherweise geöffnet, und die Frau herausziehen, war eine Sache von weniger als einer Minute. So schnell konnte die Fussfessel doch unmöglich reagieren, oder? Aber wenn sie es doch konnte... dann gab es hier bald zwei Leichen und nicht nur eine. Ralph haderte immer noch mit sich selbst, doch nach einem erneuten Blick über die weiterhin menschenleere Strasse entschied er sich dazu, Philip zu holen. Oder irgendwen, den er auf dem Weg treffen würde. Wenn er kurz vor dem Auto tot zusammenbrechen würde, wäre schließlich keinem geholfen. Ralph starrte die immernoch ohnmächtige Frau noch einmal flehentlich an, sah dann ein, dass ihr das auch nicht helfen würde und spurtete los Richtung Tankstelle. Die Explosion spürte er Sekundenbruchteile, bevor er sie hören konnte.
Aaah genau, jetzt wusste
er es wieder! Es war die Sache mit den elektronischen Fussfesseln gewesen.
Ein Bombengeschäft für Bick Industries. Die Nachfrage war, was
von Anfang an abzusehen war, ungeheuerlich gewesen, und die Herstellung
spottbillig. Der besondere Clou, dachte Gregor Bick und lächelte
in sich hinein, war aber, dass noch einmal Unmengen an Geld gespart werden
konnte. Wenn die Leute wüssten, dass die Sache mit den Giftspritzen
nur eine Erfindung war... So ein bisschen Suggestion ist schon etwas Feines.
Das Vorführmodell war natürlich mit der vollen Funktionalität
ausgestattet gewesen, um die Beauftragten des Strafvollzugs zu überzeugen.
Der nach Vertragsabschluss produzierte Anteil bestand jedoch ausschließlich
aus Attrappen. Gregors Lächeln wurde breiter. Dieser Schwindel, der
ihm mehrere Millionen Zorkmirds eingebracht hatte, würde niemals
auffliegen. Niemand der Straftäter war so naiv, es drauf ankommen
zu lassen. Und tatsächlich hatte bis jetzt noch keiner die Linie
verlassen.
Bick versank noch ein winziges Stückchen tiefer in seinem Prachtexemplar von Ledersessel. Fast wäre er eingenickt, doch dann öffnete sich die Tür, ohne vorheriges Anklopfen, stellte Bick erzürnt fest, und sein persönlicher Assistent May trat verstört ein. Er hielt ein tragbares Telefon in der Hand und fing an zu stottern: "Entschuldigen Sie Herr Bick. Es gab einen Anruf. Ihre Tochter..."