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Metamorphose

B. Stemateri 28.07.2006

Eine Kurzgeschichte

Er blieb plötzlich stehen. Sein Gedanke, ob er heute zum Abendessen nach Paris fliegen solle, ging verloren. Etwas stimmte nicht. Menschenmassen strömten durch den Tunnel zur Haltestelle. Er wurde von allen Seiten angerempelt. Idiot und Arschloch waren noch die harmlosesten Beleidigung, die er hören musste.

Für einen Augenblick wirkte er hilflos. Er blickte vor und zurück, drehte sich mehrmals auf der Stelle um. Man hätte meinen können, er hätte sich verlaufen. Doch es war nicht bloß der Weg, den er nicht finden konnte. Er wusste überhaupt nicht, wohin er unterwegs war. Wo er sich überhaupt befand.

Es handelt sich sicherlich nur um eine kurze Störung. Ja, das war es. Nichts Beunruhigendes. In Gedanken sprach er zu sich selbst, nickte dabei mit dem Kopf. Das musste es sein. Das kann immer mal vorkommen. Sollte es aber nicht. Trotzdem, passieren kann es immer mal. Er versuchte, sich zu beruhigen, wiederholte immer wieder die Worte. Es geht bestimmt gleich weiter.

Um nicht weiter im Weg zu stehen, ging er auf Seite. Er könnte eine rauchen. Ja, warum nicht? Doch der Zugang zum virtuellen Raucherraum wurde ihm verweigert. Etwas Gutes hatte es ja. Man wird mir sicherlich einen Gutschein geben. Während er die vorbeilaufenden Menschen beobachtete, pfiff er vor sich hin, ohne dass ein Ton zu hören war.

Die Menschen trugen alle graue Anzüge und schwarze Schuhe, ob Männer oder Frauen. Sein Notfallgedächtnis hatte den Betrieb aufgenommen. Es verfügte über einen Speicher für eine halbe Stunde, danach würden die ältesten Informationen gelöscht, um Platz für neue zu machen. Es sei denn, er würde auf die weitere Speicherung verzichten.

Das dauert jetzt aber doch schon ziemlich lange. Wie spät war es überhaupt? Erst jetzt fiel ihm auf, dass die Uhr ausgefallen war. Er könnte jemanden nach der Uhrzeit fragen, aber das taten eigentlich nur arme Menschen, und er wollte nicht, dass auch nur jemand glauben könnte, er wäre arm. Zudem wusste er nicht einmal, welchen Tag noch welches Jahr heute war. Er fühlte sich unbehaglich.

Und er wurde immer ärgerlicher. Denen werde ich aber was erzählen, sagte er halblaut zu sich, doch einige Leute drehten sich zu ihm um. Zwei Sicherheitsmänner näherten sich ihm, so dass er für ratsam hielt, in Richtung Ausgang zu gehen. Er wählte seinen Erinnerungsanbieter an. Willkommen bei YouMem. Es meldete sich eine Frauenstimme. Hören Sie zunächst den neuesten Hit von...

... den Namen bekam er nicht mit. Wolle er direkt eine Verbindung zu seinem Kundenberater haben, so wies ihn die Stimme an, müsse er eine Gebühr bezahlen. Er wartete lieber. Ich hab sicherlich noch etwas Zeit. Was auch immer ich vorhabe. Er trat aus dem Bahnhof heraus. Wir wünschen Ihnen viel Spaß. Die Musik begann. Die Menschen um ihn herum eilten in alle Richtungen, während er sich langsam auf einer Bank niederließ. Er versuchte, die Musik zu überhören.

Nun, es ist so. Begann er, als die Kundenberaterin sich meldete, wobei er sich bemühte, seiner Stimme besonderes Gewicht zu verleihen. Ich habe momentan keine Verbindung zu meinem Gedächtnis. Also, ich nehme mal an, dass es sich um eine kleine technische Störung handelt. Aber ich benötige dringend Informationen, wo ich bin, wann ich bin und vor allem wohin ich unterwegs bin. Ich...

Die Frau unterbrach ihn. Er versuchte, sie sich vorzustellen. Nein, es liegt keinerlei Störung vor. Er glaubte, sich verhört zu haben. Wie bitte? Keine Störung? In seinem Hirn flogen die Worte hin und her. Seine Stimme wurde lauter, die der Frau unfreundlicher. Er hörte etwas von höheren Gebühren. Schweinerei. Sie können mich mal, waren seine letzten Worte, als die Verbindung abbrach.

"Nicht mit mir, nicht mit mir" brüllte er laut hinaus. Und alle Augen richteten sich auf ihn. Alles schien für einen kurzen Moment stillzustehen. Er war aufgesprungen und marschierte wutentbrannt los. Die Ausgaben stiegen immer mehr. Pay-per-think. Für jeden Gedanken muss du zahlen. Das war die dritte Gebührenerhöhung in einem Monat. Das war jederzeit möglich, ohne Angaben von Gründen.

Dann eben nicht. Er konnte sich die Ausgaben nicht mehr leisten. Was könnte ich jetzt machen? Er überlegte. Außer den Daten in seinem Notfallgedächtnis wusste er lediglich, wie er hieß und wo er wohnte. Seine Erinnerungen, seine Träume. All seine Gedanken. Der Zugriff war gesperrt. Er könnte den Anbieter wechseln. Ja, genau. Das wollte er machen. Entschlossen machte er sich auf den Heimweg.

Wenig später trat er in die Schleuse des Mietshauses, die Kabinentür schloss sich hinter ihm. Seine Daten wurden erfasst. Gegen Gebühr. Der Betreiber der Eingangskabine hatte erst vor kurzem gewechselt, doch das wusste er nicht mehr. Nicht nur seine Identität wurde überprüft, sondern auch seine Gesundheit. Der Vermieter sicherte seinen Kunden eine gesunde Wohnatmosphäre zu.

Die Überprüfung dauerte gewöhnlich höchstens zehn Sekunden. Gewohnheitsmäßig machte er einen Schritt nach vorne, doch die Tür blieb geschlossen. Eine bedrohlich wirkende Stimme befahl ihm, das Haus wieder zu verlassen. Der Mietvertrag war erloschen, nachdem er seinen Job verloren hatte. Die Kündigung war eine Stunde nach Arbeitsbeginn erfolgt, zu dem er nicht erschienen war.

Ihm platzte der Kragen. Er begann zu randalieren, schlug auf die Eingangstür ein, trat gegen die Wände, ohne allerdings irgendeinen Schaden in der Kabine anzurichten. Ich werd's euch zeigen. Euch allen. Er tobte sich aus, und als sich endlich die Ausgangstür öffnete, fiel er erschöpft der Polizei in die Arme. Die beiden Polizisten glaubten, angegriffen zu werden, und prügelten mit Knüppeln auf ihn ein.

Er bekam eine Anzeige wegen Sachbeschädigung und Körperverletzung, der eine Polizist hatte im Eifer des Gefechts seinen Kollegen getroffen. Eine halbe Stunde später war er verurteilt, er musste eine Geldstrafe, Schadensersatz an den Schleusenbetreiber und eine lebenslängliche Rente an den verletzten Polizisten bezahlen. Verschuldet und in einem zerrissen Anzug hockte er auf der Straße.

Außerdem war er seinen Namen los. Ihr Name ist Eigentum von YouMem, sagten sie ihm. Sie kündigten sein Benutzerkonto und löschten alle seine Daten. Sie wiesen auf eine Klausel im Vertrag hin, wonach sie mit Kriminellen keine Geschäfte machten. Sie verklagten ihn wegen Vertragsbruch. Er war ein Niemand. Ein Niemand, der Hunger hatte. Jemand schenkte ihm einen Gutschein für HappyFood.

Auf der anderen Straßenseite befand sich einer ihrer Läden. Er ging hinüber, löste seinen Gutschein ein und verschlang den Burger. Auf einem Plakat las er, dass HappyFood auch Gedächtnisspeicher anbot. Und zwar kostenlos. Erinnerungen, Träume, Gedanken inklusive. Er unterschrieb den Vertrag.

Er bekam einen neuen Namen, ein neues Leben. Er musste nur eine monatliche Gebühr bezahlen und konnte so oft, wie er wollte, auf sein Gedächtnis zugreifen. Er trug nur noch Jogginganzüge. Jeden Abend schaute er sich Pornofilme an. Er liebte es, dreimal am Tag bei HappyFood Essen zu gehen. Und so lebte er glücklich bis ans Ende seiner Tage.

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