Die Neue Zeit oder Die Marke zum Glück
Christoph Köhler 28.07.2006
Eine Erzählung
1
Es war angenehm, die Treppe hinaufzuschweben. Von seinem Mietshaus her kannte er das ja nicht. Es stand unter Denkmalschutz und folglich hatte nichts je daran gravierend verändert werden dürfen. So blieb das auch, als das Gesetz von der Neuen Zeit verabschiedet worden war. Die aufwändigen technischen Einbauten zur Umsetzung des Gesetzes gefährdeten die Bausubstanz älterer Häuser. Seines beispielsweise, ein würfelförmiger Flachdachbau, stammte aus der Bauhauszeit. Das war noch ein Problem für den Gesetzgeber - die Lobby der Hauseigentümer war enorm stark und duldete keine aufwändigen technischen Einbauten.
Der Bahnsteig war leer, sah er, als sein Kopf jetzt in Sichthöhe, d.h. etwas über Fußbodenhöhe gelangte. Von den Einbauten sah er nichts. Die Treppe sah aus wie eh und je. Es war eigentlich gar kein Schweben, wie etwa auf einer Rolltreppe. Wenn er es jemandem vom Land hätte beschreiben wollen, so wäre das schwierig gewesen. Er stieg die Treppen ja nach oben, so wie man eben Treppen steigt: Schritt für Schritt, Stufe für Stufe. Nur dass es vollkommen ohne Anstrengung möglich war, das war der Unterschied. Er war aber wiederum nicht schwerelos. Er hatte auch Bodenhaftung, durchaus. Er spürte sein Gewicht. Und doch: Es war da etwas wie Leichtigkeit zu spüren, sowie er sich bewegte. Irgendwo hatte er etwas von Levitation gelesen, worauf dieser Effekt beruhe. Und von Energieumschichtung hatte man gesprochen. Der Effekt habe jedoch seinen Preis. Aber er war ja kein Physiker, er wußte nicht, was das heißen sollte. Flächendeckend jedenfalls, zum Wohle aller, sollten sämtliche Bahnhöfe, öffentlichen Gebäude, etc. in dieser Weise aufgerüstet werden. Das war das Eine.
Es war Abend, die letzte Phase der Dämmerung. Er setzte sich auf eine unbequeme Bank in der Mitte des Steigs. Es kam ihm so vor, als klebe graublaues Papier außen auf den Glaselementen der hohen Bahnhofshalle. In vier Bögen spannte sie sich über die Geleise. Ihm gefiel diese alte Eisenkonstruktion aus der Zeit der Dampflokomotiven. Wie still es hier war.
2
Still stand auf dem Gleis vor ihm ein roter windschlüpfrig-schnittiger Triebwagen bereit. Lautlos öffnete sich eine der Türen. Zuerst wurde sie zeitlupenlangsam etwas nach außen gedrückt, dann glitt sie rasch zur Seite weg. Niemand war da um einzusteigen. (Und er war sich ganz sicher, dass er nicht "Tür auf" oder "Ich möchte einsteigen" oder etwas derartiges gedacht hatte.) Einige Sekunden vollkommenen Zeitstillstandes folgten - so erschien es ihm, auch bedingt durch die eigentümliche Art von vollkommener Stille hier. Dann glitten die beiden Türhälften wieder aufeinander zu, erst rasch, dann verlangsamten sie das Schließtempo im letzten Moment vor dem Zusammenprall ihrer Innenkanten. Jetzt schlossen sie sich ganz und zogen sich wieder zäh nach innen, auf gleiche Höhe mit der Wagenaußenhaut.
Er ertappte sich dabei, dass er den Zusammenprall der Türen gerne erlebt hätte, gehört hätte. Es war so still. Im Zusammenhang mit dem Gesetz von der Neuen Zeit hatte man von einer Nivellierung des Umweltlärms gesprochen. "Ruhe für alle" hatte als Schlagwort die Runde durch die Medien gemacht. Es war auch gleich am Tag nachdem das Gesetz im Gesetzblatt veröffentlicht worden war diese völlige Änderung der Geräuschverhältnisse eingetreten. Stille war überall, aber keine Ruhe. Eine Art von Hintergrundrauschen meinte er dauernd wahrzunehmen, mal stärker, mal sehr schwach. In der Tat, es gab keinen Lärm mehr. Doch statt dass er es als Erleichterung empfunden hätte, irritierte ihn dies bisweilen enorm. Zumal man auch diesbezüglich von einem Preis gesprochen hatte, den dieser Effekt für die Bevölkerung haben würde. Das war das Zweite.
3
Er verspürte den Impuls, sich umzudrehen. Nahezu im gleichen Moment drehte er seinen Kopf über die linke Schulter nach hinten. Die Bewegung von etwas Weißem drang in sein Gesichtsfeld. Ein Fernzug glitt in den Bahnhof. Lautlos verdrängte der Zug den leeren Raum über dem Gleis und nahm langsam den Ort ein an dem er zum Stehen zu kommen hatte. Dies wirkte auf ihn wahrhaft majestätisch - diese Lautlosigkeit der sich bewegenden, schlanken enormen Masse aus Metall, Glas und anderen Werkstoffen. Er drehte seinen Kopf wieder zurück. Nun blickte er wieder auf den still wartenden roten Triebwagen. Es war jedoch nicht wie vorher. Er wusste den weißen prächtigen Fernzug hinter sich, spürte ihn hinter sich. Er würde auch spüren, wenn der Zug wieder abfuhr, obwohl nichts zu hören sein würde.
Obwohl es streng verboten war, konnte er sich nicht beherrschen: Er wollte das Türöffnen nochmals sehen und dachte "Türe bitte öffnen". Unverzüglich begann der lautlose Vorgang des Heraustretens und Auseinandergleitens der beiden Türhälften. Doch kaum stand der Eingang des Triebwagens offen, begann das unangenehme Fiepen in seinen Ohren, genau wie gestern. Die Verwarnung, nicht mit den neuen Möglichkeiten zu spielen. Es hatte geheißen, dass der Bevölkerung noch eine Vierteljahres-Schonfrist eingeräumt würde. Dann würden die Bestrafungen bei Missbrauch empfindlich sein. Man solle schnellstens die Kurse zur Gedankenkontrolle belegen. Die wurden kostenfrei in gigantischen Schnellschulungen zur Wochenmitte in den Fußballarenen angeboten. Später konnte man dann in Volkshochschulen und Fortbildungsinstituten auch längere und ausführlichere Kurse besuchen. Das war das Dritte. Die Triebwagentür schloss sich wieder - lautlos.
4
Der rote Triebwagen vor ihm setzte sich eben in Bewegung. Es waren nur Millimeter, die er sich von der Stelle zu schieben begann, nach links hin. Sein Eindruck war, als ob sich der Triebwagen so langsam bewegte wie nicht mehr langsamer möglich. Gerade nur, dass das Verhältnis des Wagens zur Bahnsteigkante sich eben noch merklich verschob. Auch als er nun schneller wurde blieb alles vollkommen lautlos. An diesen gespenstischen Eindruck würde er sich mit Sicherheit lange nicht gewöhnen können. Es gab Momente, da meinte er, er sei taub. Bis er einkaufen ging und mit der Kassiererin sprach, oder ihn irgendwo jemand ansprach. Den Klang der menschlichen Stimme hatten sie ausgenommen. Die Bevölkerung konnte miteinander sprechen wie eh und je. Die Stimmen der Leute kamen nur so eigenartig aus dem Nichts - keinerlei Hintergrundgeräusche umwehten sie wie früher. Man munkelte aber, dass sie jederzeit auch die Stimmen ausfiltern, totale Stille herstellen konnten. Der Triebwagen entfernte sich nun, entschwebte still in die Stille, wurde zum kugeligen Objekt, das sich rasch verkleinerte. Wie in einem Film.
5
Er stand auf und ging zur Treppe. Die Sperre hatte sich geschlossen. "Abwärts" dachte er. Das matte Metallrad ließ ihn augenblicklich durch. Er ging hinunter, wandte sich nach links, unterquerte im hellerleuchteten Gang die Geleise und kam zur zweiten Sperre vor der großzügigen Zentralhalle des Bahnhofs. "Zum Ausgang" dachte er. Das silberne Sperrrad auf Bauchhöhe gab ohne das geringste Geräusch seinem leichten Druck nach. Er betrat die stille Halle und sah sich um. Leute gingen lautlos und sichtlich in Ruhe herum. Was wollte man denn? Die Orgien von Kritik in den letzten Wochen und Monaten erschienen ihm doch weit überzogen. Sicher: Es war nie deutlich geworden, aus welchen Motiven die Regierung dieses umstrittene Gesetz gemacht hatte und welcher Art Interessen dahinter steckten. Aber waren denn die seit Kurzem verordneten Neuerungen, die man nun zügig umsetzte wirklich fragwürdig?
Körperliche Anstrengungen wurden dem Bürger durch ein neuartiges Energiesystem nahezu vollständig abgenommen, Umweltlärm wurde durch eine revolutionäre Technologie aus der Luft herausgefiltert und zu einer Art Stille nivelliert, und äußerst verfeinerte, überall positionierbare neueste Sensoren aus der Hirnforschung nahmen Gedankenbefehle wahr und leiteten sie an traditionelle technische Systeme weiter. Das Leben wurde zum Traum, mit enormen Erleichterungen gesegnet, sagte er sich. Ich gehe Treppen mühelos herauf, bewege mich in einer lärmfreien Umwelt und bediene Geräte im öffentlichen Raum statt durch Fingerdruck durch meine Gedankenbefehle. Ja, das Leben wird erleichtert - das ist die technische Entwicklung. Aber doch schon immer, schon seit je. Und der ominöse Preis, den diese angenehmen Aussichten kosten sollen? Warten wir ab. Sie werden schon damit herausrücken. Dann sehen wir weiter. So verhandelte er mit sich und seinen Zweifeln. Er durchquerte die Haupthalle in Richtung Ausgang. Seine eigenen Schritte nicht zu hören war gewöhnungsbedürftig. Es war ihm, als ob er gar nicht wirklich ging. Und auch das Murmeln der Bahnhofsbesucher oder das Schleifgeräusch gezogener Koffer fehlte ihm. Dies ließ ihm die ganze Szenerie wie in einem dreidimensionalen Film ohne Ton erscheinen. In Kürze wollten sie alle Straßen und Plätze mit der Lärmnivellierung ausgestattet haben.
6
Der Ausgang war noch frei. - Monteure in silbrigen Overalls installierten gerade an den drei Hauptportalen weitere Sperren wie jene am Gleis und am Eingang zur Haupthalle. Er ging nach draußen, stellte sich auf den Versuchsweg, den Prototyp des zukünftigen Gehsteigs und wollte sich noch für den kommenden Mittwochskurs im großen Stadion anmelden. Das mit der Gedankenkontrolle interessierte ihn. Das schien ihm grenzenlos ausbaubar, wenn er erst die Grundtechnik beherrschte.
Die ersten Schritte auf dem Versuchsweg irritierten. Zu gehen ohne jegliche Anstrengung war ein merkwürdiges Erlebnis. Augenblicklich wurde ihm bewusst, dass jeder einzelne normale Schritt ihm etwas über ihn selbst erzählte: wie er sich gerade fühlte zum Beispiel. Diese Schritte hier jedoch erzählten wenig. Aber sie waren phantastisch mühelos. So würde er Stunden gehen können ohne jegliche Ermüdung. In wenigen Monaten würde man also auf allen Straßen aller Großstädte, irgendwann auch der kleineren auf diese Weise gehen können. Der Versuchsweg führte ihn geradewegs zu dem gegenüber vor dem Stadtpark gelegenen Touristik-Informationspoint, wo man sich anmelden konnte.
"Türe öffnen" dachte er. Die einflügelige Tür schwang auf. Er trat ein. Seine Beine kamen ihm nun schwer vor. Es war angenehm kühl hier. Ein schmächtiger Herr mit schmalem Gesicht saß hinter einem breiten Tresen. "Bitte?" sagte er. Seine Stimme klang wohltemperiert. "Guten Tag, ich möchte mich für den Kurs am kommenden Mittwoch im Stadion..." Er erschrak zutiefst und war einen Moment lang vollkommen verwirrt. Seine Stimme klang haargenau wie die des schmächtigen Herrn da vor ihm. Der lachte. "Nicht erschrecken. Das ist eine technische Spielerei - sie sind ja ganz blass. Stimmnivellierung!" Er sprach wie ein Vertreter, der sein Produkt vorstellt. "Jede Stimme klingt damit gleich. Interessant nicht? Es gibt nur DIE Männerstimme und DIE Frauenstimme. Man denkt aber in der Tat daran, dieses Verfahren landesweit in allen Ämtern, Bahnhöfen und an ähnlichen Orten einzuführen. Was braucht man Stimmunterschiede im öffentlichen Raum? Es geht ja im Grunde nur um Information."
"Mag schon sein", antwortete er mit der Stimme seines Gegenübers und musste unbestimmt bei sich denken, das dies irgendwie zu weit ginge. "Ich glaube, da würde ich mich wehren."
"Wie wollen Sie sich denn wehren...?"
"Das werde ich dann sehen."
"Aber all diese Gesetze werden kommen."
"Haben Sie mich für Mittwoch vorgemerkt?"
"Ja. Hier ist Ihre Marke. Heben sie sie auch nach der Schulung am Mittwoch auf."
"Wieso?"
"Sie birgt eine Fülle von kleinen Alltagserleichterungen, die man peu à peu bekannt geben wird."
"So?"
"Ja. Es wäre vollkommen unklug darauf zu verzichten."
"Aha."
"Man würde ohne diese Erleichterungen über kurz oder lang zunehmend und rundum ins Hintertreffen geraten."
"Danke. Und auf Wiedersehen." Er drehte sich vom Tresen weg zur Ausgangstür. "Ich denke, Sie werden mich sehr bald wiedersehen!" Er dachte nur noch "Tür sofort auf". "Ich bin seit heute in allen Infopoints zu finden."
Die Tür schwang lautlos auf. Er drehte sich nochmals halb um - er wollte einen persönlichen Blick zurücklassen - und sah den freundlichen Herrn dreifach hinter dem Tresen stehen und drei Hände simultan sich ruhig zum Abschiedsgruß erheben. Die kühle Marke aus Metall in der Faust begann er zu laufen.