Deus ex machina
Corvus Corax 28.07.2006
Eine Ezählung
Biorized Technologies war der führende Konzern bei Biochips, von RFID-Implantaten bis zu künstlichen Augenprotesen und neuralen Interfaces. Treibende Kraft des Konzerns war die wissenschaftliche Abteilung, untergebracht im zentralisierten Laborkomplex, und treibende Kraft dort war die graue Eminenz des Unternehmens: Dr. Stein, ein in die Jahre gekommener etwas behäbiger Mann mit grauen Haaren und graubrauner Brille. Die Geschäftsführer der AG kamen und gingen mit den Schwankungen des Aktienkurses, aber Dr. Stein blieb und leitete seine Abteilung mit starker Hand und unangefochtener Autorität. Derzeitiger Forschungsschwerpunkt war ein Chipprojekt im Auftrag des Innenministeriums, an dessen Kernkomponente einer der vielversprechendsten Nachwuchswissenschaftler arbeitete, die Dr. Stein je unter seine Fittiche genommen hatte.
Konstantin Illert beugte sich mit angespannter Mine über seine Tastatur. Ungefähr zum zwanzigsten Mal startete er heute die Simulation der Steuersoftware an der er gerade arbeitete, ohne dass die Ergebnisse seinen Erwartungen entsprachen. Irgendetwas hatte er übersehen.
Ein Piepser vom Terminal zeigte an, das jemand Einlass ins Labor wünschte. Hinein trat Dr. Stein, der wie immer sofort zur Sache kam: "Herr Illert, haben Sie das Problem mit dem Neuralinterface inzwischen gelöst?" Eine rote Fehlermeldung, die die fehlgeschlagene Simulation auf dem Bildschirm hinter Konstantin quittierte, bezeugte das Gegenteil. Dr. Stein fuhr, ohne eine Antwort abzuwarten, fort: "Wenn Sie nicht garantieren können, dass die Firmware bis übermorgen einsatzfähig ist, beauftragen Sie einen Assistenten, das Versuchstier entsprechend mit Futter zu trainieren. Für die Kundendemonstration reicht es, den Schein zu wahren."
Nachdem Dr. Stein gegangen war, begann Konstantin ein Memo an einen der Laborassistenten zu verfassen. Irgendwie schaffte es Dr. Stein immer wieder, ihm das Gefühl zu geben, versagt zu haben. Die Schnittstelle zwischen biologischem Hirn und den mikroskopisch kleinen Sonden, die der Chip, an dessen Software Konstantin gerade arbeitete, aussendete und an verschiedenen Synapsen platzierte, war eine hochgradig komplexe Angelegenheit. Jedes Hirn sah anders aus, jeder Chip musste also individuell lernen, wie dieses aufgebaut war, bevor irgendeine Interaktion zustande kommen konnte. Dieser Lernvorgang konnte im Großrechner simuliert werden, doch bisher brachte die Simulation nicht die gewünschten Ergebnisse. In den verbleibenden zwei Tagen war die restliche Arbeit unter keinen Umständen zu schaffen: Selbst wenn die Simulation funktionierte, gab es noch genug andere Arbeit, das wusste auch Dr. Stein. Also war wohl Trickserei gefragt. Stein musste das von Anfang an eingeplant haben.
Dr. Stein saß am Steuerpult im Konferenzraum. Um den Konferenztisch hatten sich eine Hand voll Besucher aus dem Innenministerium, Pressevertreter sowie einige teils ausländische Interessenten aus Wirtschaft und Militär versammelt. Die große Videoleinwand vor ihnen zeigte eine Versuchsanordnung aus verschiedenen Röhren, die unterschiedlich gefärbte Plattformen miteinander verbanden. In der Mitte stand ein Käfig mit dem Versuchstier, einem Goldhamster. Am rechten Rand des Bildes waren einige farbige Balken und Zahlen eingeblendet.
CEO Outfield beendete gerade seinen Vortrag über die Fähigkeiten des neuen Biochips: "Wie schon das Vorgängermodell verbindet sich der RFXC 3202 über Nanosensoren mit bestimmten Hirnarealen, um Gemütszustände wie Angst, Panik oder andere Emotionen wahrzunehmen, aber auch um als Komponente eines neuralen Interfaces zu dienen. Die wohl wichtigste Neuerung ist die Bidirektionalität der Verbindung. Dem Träger können so Eindrücke direkt ins Hirn vermittelt werden. Was Sie in diesem Zusammenhang am meisten interessieren dürfte, ist die Möglichkeit einer Verhaltenskontrolle von außen. Herr Dr. Stein wird dies nun anhand eines Versuchstiers, dem ein Prototyp des Chips implantiert wurde, demonstrieren."
Dr. Stein nahm sein Stichwort auf: "Der RFXC 3202 verfügt über eine lernfähige Schnittstelle, die es ihm erlaubt, sich an die individuellen Gegebenheiten des Hirns anzupassen. Sie funktioniert sowohl beim Menschen als auch bei jedem anderen Säugetier. In diesem Fall werden wir den Hamster, den Sie im Bild sehen, dazu bringen, sich zu der von uns gewünschten Plattform zu begeben. Dem Tier wird hierbei lediglich die Vorgabe mitgeteilt, sich an das jeweilige Ziel zu begeben, den Weg dort hin wird er selbst suchen. Beginnen wir nun mit der blauen Plattform." Dr. Stein drückte einen Knopf am Steuerpult.
Unten im Labor saß Konstantin Illert an der direkten Steuerung, als das Signal aus dem Konferenzraum kam, und legte den Schalter um, um den Käfig zu öffnen. Wie erwartet funktionierte der Chip immer noch nicht richtig und war nicht in der Lage, dem Hamster so komplexe Vorgaben zu suggerieren. Aber das störte im Moment niemanden, da sich der Hamster zum Glück daran erinnerte, das der Laborassistent immer zuerst auf der blauen Plattform Nüsse platziert hatte und deshalb den richtigen Weg einschlug. Oben im Konferenzraum wurde diese Demonstration der neuesten biotronischen Errungenschaft begeistert verfolgt, während der Hamster, der inzwischen die Plattform erreicht hatte, etwas irritiert durch die Abwesenheit seiner Nüsse in die Luft schnupperte. Dr. Stein drückte einen weiteren Knopf, seiner Ansage nach, um das Tier quer über die gesamte Versuchsanordnung auf die gelbe Plattform zu schicken, das aber immer noch unsicher auf der blauen Plattform schnüffelte und vorerst keine Anstalten machte, den einstudierten Weg fortzusetzen. Konstantin war vorbereitet und benutzte eine andere Steuerfunktion, die dem Hamster ein kurzes, wenn auch nur eingebildetes, Schmerzerlebnis verpasste. Der Hamster erschrak und sauste den Weg entlang - zurück zum Käfig. Doch Konstantin hatte die Käfigtür zuvor geschlossen, dem Hamster war dieser Weg verwehrt. Hilflos rannte der Hamster weiter, und kam auch tatsächlich auf der gelben Plattform an.
Die Zuschauer im Konferenzraum bekamen von den Schwierigkeiten nichts mit und waren sichtlich beeindruckt, als sich der Hamster wie gewünscht auf der gelben Plattform einfand. Nur Dr. Stein hatte es bemerkt und nutzte dies nun zu seinem Vorteil: "Bis zu diesem Punkt kennt unser Versuchstier die Anordnung. Nun schicken wir den Hamster nach oben auf die rote Plattform. Den Weg durch das Labyrinth sucht er sich nun aus eigenem Antrieb."
Natürlich kannte der Hamster den Weg zur roten Plattform, die ganze Woche lang war nichts anderes geübt worden. Unglücklicherweise war er aber sichtlich verunsichert und rannte, getrieben von Schmerzgefühlen ohne körperliche Ursache, ziellos durch die Röhren. Konstantin versuchte den Irrlauf zu steuern, indem er die Schmerzintensität bei Benutzung der richtigen Abzweigung entsprechend senkte. Noch zwei Mal bog das Tier falsch ab, dann hatte der Hamster endlich begriffen und nahm wieder den richtigen Weg. Als er an der Plattform ankam, erntete Dr. Stein im Konferenzraum Applaus. Seine Demonstration hatte voll überzeugt.
Konstantin war zurück in seinem Labor, froh darüber, die Demonstration überstanden zu haben, und arbeitete wieder daran, die Anpassungen an höhere Hirnfunktionen in den Griff zu bekommen. Im Vorführlabor waren zwei Assistenten gerade dabei, die Versuchsanordnung abzubauen. Der Hamster saß im Käfig, und hatte sich wieder halbwegs erholt.
Dr. Stein betrat den Raum mit zwei Ministeriumsvertretern und wies die Assistenten an, den Raum zu verlassen. Dann wandte er sich an seine Kunden: "Wie schon erläutert vermitteln die vorhin gezeigten Chipfunktionen dem Zielobjekt eine bestimmte Vorstellung oder Vorgabe. Ein menschlicher Chipträger würde diese als solche erkennen und könnte sich daher bewusst entscheiden, diese zu ignorieren, so ähnlich als würde er ein Bild sehen oder Worte hören, nur eben direkt im Hirn. Eine unmittelbare Gedankensteuerung ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht realisierbar. Was wir dagegen machen können, ist Einfluss auf niedrigere Hirnfunktionen zu nehmen. Wir können dem Versuchsobjekt etwa suggerieren, Hunger oder Durst zu haben - oder, und das dürfte den von Ihnen genannten Anforderungen am nächsten kommen, Schmerzempfinden."
Mit diesen Worten setzte er sich ans Steuerpult und aktivierte das Steuerprogramm für den Chip im Hamster. "Ich versetze dem Versuchstier jetzt einen Schmerzimpuls, beachten Sie seine Reaktion". Dr. Stein schob einen Schieberegler auf mittlere Position und betätigte dann einen Druckknopf für einige Sekunden. Der Hamster zuckte zusammen, krümmte sich und huschte dann verängstigt in die für ihn gebaute 'Höhle' aus Karton und Holz, die mit Holzwolle gepolstert war. Dr. Stein fuhr fort. "Genauso interessant dürfte der umgekehrte Effekt sein: Sie können Basisemotionen wie Angst oder Rage auch hemmen". Erneut tätigte er einige Eingaben. Kurz darauf steckte der Hamster seine Nase aus der Höhle und machte sich über eine Knabberstange her, als wäre nichts geschehen. Die Ministeriumsangehörigen verfolgten das Schauspiel interessiert.
Dr Stein fuhr fort: "Selbstverständlich verfügt der Chip über Sicherheitsfunktionen, die den Missbrauch dieser Funktionen ohne Einwilligung des Besitzers oder Trägers im Normalfall verhindern. Eine Art Generalschlüssel ist aber machbar. Haben Sie noch weitere Fragen?"
Sie hatten: "Angenommen, ein Chipträger stellt eine Gefahr dar, kann man ihn damit - - ausschalten?"
Dr. Stein hatte mit dieser Frage gerechnet. "Sie meinen töten? Ja, das ist möglich."
"In welcher Form läuft dies ab? Könnte man damit etwa einen Verbrecher stoppen, der die Hand bereits am Abzug einer Waffe hat?"
Dr. Stein überlegte kurz. "Ja - Der Chip kann ein sofortiges Zusammenbrechen der Hirnfunktionen hervorrufen, das wirkt augenblicklich und führt zu keinerlei Verkrampfungen."
Dem Ministeriumsmitarbeiter schien viel an dieser Funktion zu liegen. "Könnten Sie diese Funktion demonstrieren?"
Als der Hamster zusammenbrach wie vom Blitz getroffen, sahen sich die zwei Ministeriumsmitarbeiter zufrieden an. Sie hatten gefunden, was sie gesucht hatten.
Mittlerweile war Konstantin ein gutes Stück vorangekommen. Der Fehler in der Simulation hatte am Simulator selbst gelegen, der die Vorgänge eines biologischen Hirns nur unzureichend abgebildet hatte. Nach dessen Behebung hatte er den ersten voll einsatzbereiten Chip-Prototypen innerhalb von zwei Tagen fertig gestellt. Inzwischen waren die Tierversuchsreihen abgeschlossen, und die Chips wurden im Rahmen einer größeren Versuchsreihe an freiwilligen Versuchspersonen getestet. Gerade las Konstantin das Untersuchungsergebnis eines der Probanden, bei dem sich Komplikationen eingestellt hatten. Zum Glück hatte sich dies als falscher Alarm herausgestellt und der Test konnte fortgesetzt werden, aber Konstantin machte sich Sorgen. Wenn die Chips nun ernsthafte Schäden bei irgendwem anrichten würden oder missbraucht wurden? Wäre das nicht auch seine Schuld? Er nahm sich vor, noch gewissenhafter zu arbeiten, wurde aber alsbald durch das Anklopfsignal an seinem Terminal unterbrochen. Dr. Stein betrat das Labor.
"Guten Abend Herr Illert. Gratulation zu Ihrem Chip, die Versuche laufen überaus vielversprechend. Bevor Sie heute Abend gehen, wir haben hier eine neue Anforderung des Ministeriums bezüglich der Chipfähigkeiten. Nichts Anspruchsvolles, aber sicherheitstechnisch heikel. Ich möchte, dass Sie sich bis nächsten Mittwoch darum kümmern." Er legte ein paar Blätter E-Papier auf den Tisch. "Einen schönen Abend noch, wir sehn uns Montag beim Meeting." Offensichtlich in Eile ging er.
Die Blätter mit den neuen Anforderungen hatten es in sich. Offensichtlich sollte der Chip eine "Funktion zur Kontrolle größerer Menschengruppen" bekommen, bei denen ein beliebiges Kommando von Chip zu Chip an weitere Chipträger übertragen werden sollte. Technisch kein Problem, aber irgendwie hatte Konstantin kein gutes Gefühl bei der Sache. Wenig später waren die neuen Spezifikationen ins Pflichtenheft übertragen, Konstantin legte die Papiere gelöscht beiseite und gähnte. Es war bereits nach Acht Uhr, die Assistenten waren ins Wochenende gegangen, doch wie üblich konnte er selbst sich nicht losreißen. Er leitete gerade seine private Rufnummer auf das Firmenterminal um, um wenigstens hin und wieder erreichbar zu sein, als er von einem eingehende Anruf überrascht wurde. Er schaltete den automatischen Anrufbeantworter auf sein Headset.
"Hallo Konstantin, hier ist Steph. Wollte Dich mal wieder hören ..." Stephanie. Eine ehemalige Kommilitonin, von der er lange nichts mehr gehört hatte seit sie weggezogen war. "Hallo Steph, gibts Dich auch noch? Wo steckst Du? Immer noch in Australien? Ich frag mich, wie Du es da so lange aushalten kannst. Bei der Hitze..."
"Nein, ich bin doch längst wieder zurück, Du Spaßvogel. Mit einem Telefonanruf wäre das leicht herauszufinden gewesen." Er konnte das wohlmeinende Lächeln beinahe durch den Hörer sehen. Steph machte sich mal wieder über ihn lustig, und dann benutzte sie auch noch den Spitznamen "Conny", der ihn schon damals in der gemeinsamen WG zur Weißglut gebracht hatte. Das klang viel zu niedlich. Aber Steph konnte man nicht böse sein, auch diesmal konnte er sich angesichts ihrer heiteren Art ein Grinsen daher nicht verkneifen, während er an seiner Kaffeetasse nippte.
"Was für eine Aufgabe hast Du Dir denn diesmal vorgenommen?" fragte er.
"Äh? Ach ja. Was gibts denn neues auf dem RFID-Markt? Hast Du da einen Überblick?"
"Worauf genau kommt es Dir an? Getan hat sich viel, inzwischen scheint sich ein Nutzungstrend abzuzeichnen, wenn ich das mal zusammenfassen darf."
"Nutzungstrend?"
"Ja, die Implantate sind mittlerweile so weit fortgeschritten, dass die Industrie auf haarspalterische Feldtests wie die VIP-Kampagne in ausgewählten Diskotheken Metropolen wie Berlin und anderen Weltstädten verzichten können. Interessant für Dich?"
"Gute Frage. Inzwischen bin ich mit meinen verschränkten Hirnwindungen eigentlich auf eine eher gegensätzliche Idee gestoßen: Was, wenn die RFID-Implantate gar nicht flächendeckend eingesetzt werden sollten? Immerhin kosten die eine Menge Geld bei etwas über 7 Milliarden Menschen auf diesem Planeten. Geld, das "die" sicherlich sehr gerne für anderes ausgeben würden."
"Wie meinst Du das?"
"Ich frage mich, ob nicht so etwas wie eine handelsübliche Tätowierung für die breite Masse ausreichend wäre. Mit einer vernünftigen zentralen Datenbank wären sie auch so ausreichend kontrollierbar, und die Kosten hielten sich in Grenzen. Wenn es mein Geld wäre, würde ich das so machen."
Konstantin musste lächeln. "Du unterschätzt Kosten und Aufwand für eine maschinenlesbare Tätowierung. Für dasselbe Geld könntest Du an die hundert passive Chips fertigen und implantieren."
"Und wenn man das einfacher machen würde? Man könnte die Markierung mit einem Laser einbrennen?"
"Einbrennen? In die Haut? Selbst bei Mastvieh hat man Brandzeichen kürzlich abgeschafft," antwortete Konstantin lakonisch. "Menschen behandeln Menschen teilweise schlimmer als Vieh", erwiderte Steph leise.
Konstantin wurde nachdenklich. "Das ist wahr, aber das wäre trotzdem unpraktikabel. In der Industrie haben Chips den Barcode flächendeckend ersetzt, sie sind billiger. Außerdem -", er machte eine Pause, "mit heutigen Chips kann man so viel mehr ...", er unterbrach sich.
"Was denn zum Beispiel?", Stephs Gespür für die richtigen Fragen war unverkennbar.
"Naja, die Chips sind quasi vollwertige Computer. Alles was in der Datenverarbeitung denkbar ist, kannst Du im Prinzip einen implantierbaren Chip machen lassen. Die brauchen heute nicht mal mehr eine Batterie, man gewinnt den Strom aus Blutzucker." "Fantastische Möglichkeiten." Steph war beeindruckt.
"Aber auch gewaltiges Missbrauchspotential", erwidert Konstantin nachdenklich.
"Der Punkt, der mir wirklich Bauchschmerzen macht, ist inzwischen weniger der Datenmissbrauch", nahm Steph seinen Einwand auf. Konstantin nickte innerlich, das was ihn gerade beschäftigte, war wohl auch etwas heftiger.
"Du erinnerst Dich sicher, dass ich gerne mal über den "Gruppenzwang" und so lästere, wenn mal wieder der kollektive Wahnsinn ausbricht. Inzwischen habe ich das Gedankengebäude dahinter einmal umgedreht, weil ich es aus einer anderen Perspektive betrachten wollte. Dabei bin ich auf die Erkenntnis gestoßen, dass beispielsweise eine Massenhysterie nur eine Seite der Medaille wäre." Sie machte eine bedeutungsschwangere Pause, und er hörte sie leise schlucken. "Was, wenn man den Spieß einfach umdreht und zum Beispiel so etwas wie eine Massenmanipulation anstoßen wollte?"
Konstantin war sprachlos, als die Erkenntnis ihren Weg durch seine Hirnwindungen fand. So unglaublich und doch so naheliegend erschien dieser unerwartete Gedankengang zugleich. Konstantin setzte sich aufrecht auf seinen Stuhl, der Cursor auf seinem Terminals blinkte schweigend und wartete unerbittlich auf seine Eingabe...
Seine Entscheidung stand fest! Den Chip wie entworfen auf die Menschheit loszulassen, mit den vermeintlichen Plänen, die die Regierung damit hatte, konnte er nicht zulassen. In der geforderten Form könnte ein durchgeknallter Beamter mit einem Knopfdruck eine ganze Menschenmenge in Schmerzen am Boden winden lassen, sie umbringen, oder euphorisch einem Führer zujubeln lassen. Das durfte nicht sein. Aber wie sollte er das verhindern? Er könnte natürlich den Chip boykottieren, doch dann würde jemand anderes den Chip implementieren. Die einzige Chance wäre, wenn sein Chip ordnungsgemäß den Markt erreichen würde, aber im Ernstfall dem Missbrauch widerstehen. Nur wie?
Langsam aber sicher reifte in ihm der Sabotageplan, während Konstantin die regulären neuen Funktionen des Chips umsetzte. Der Chip würde Kommandos wie gefordert weiterleiten, im Labor wie auf der Straße, aber er würde sie nicht mehr befolgen. Nicht im Missbrauchsfall, nicht in einer Menschenmenge, das ließe sich überprüfen. Anhand der Emotionen der Chipträger, die reagierten in Masse anders, das war die Lösung. Einfach und nicht nachvollziehbar.
Konstantin arbeitete das ganze Wochenende bis zum frühen Montagmorgen, als ein rätselhafter Spontanausfall des Fileservers die ganze Arbeit anscheinend wieder zunichte machte und in der Abteilung das Backup der Vorwoche eingespielt werden musste...
Christopher Hymac war sauer. Zuerst hatte er sich gefreut, einen Auftrag von einer Firma angetragen zu bekommen, die man zu Recht als Global Player bezeichnen konnte. Es hatte ihn jedoch erstaunt, dass deren IT-Sicherheit überhaupt externe Hilfe bei der Aufklärung eines Vorfalls angefordert hatte, hatte diese doch selbst fähige Leute.
Nur legte die Abteilung, die am meisten von dem Vorfall betroffen war, ihm jetzt andauernd Steine in den Weg. Schlimm genug, dass nicht alle beteiligten Systeme unter Quarantäne gestellt worden waren, da diese für das Tagesgeschäft benötigt wurden. Nein! Jetzt wurde ihm sogar noch der Zugriff auf den abteilungsinternen Backupserver verwehrt, der für die Wiederherstellung nach dem fragwürdigen Vorkommnis benutzt worden war. Die Hardware des ausgefallenen Systems selbst hatte er natürlich unter die Lupe genommen, aber dort hatte auch schon die IT-Security nichts gefunden. Doch die waren geradezu auffallend gründlich zerstört. Wenn es noch irgendwelche weiteren Hinweise gab, so waren diese auf dem Backupserver zu suchen, doch der Abteilungsleiter, ein gewisser Dr. Stein, stellte sich quer.
"Es tut mir Leid, Herr Hymac, ich kann Ihnen keinen Zugriff auf dieses System geben. Es enthält streng vertrauliche Daten unserer Firma und unserer Kunden, darunter Regierung, Militär und Geheimdienste."
"Aber das ist doch genau der Punkt. Irgendjemand hat höchstwahrscheinlich versucht, genau auf diese Daten einzuwirken. Ich wurde beauftragt, genau das herauszufinden."
"Das ist absurd. Sie haben doch sicher die Logfiles unseres Firmennetzes gesehen, niemand hat in der fraglichen Zeit von außen auf das System zugegriffen, die einzigen Zugriffe kamen von innen und nachweislich von Personen, die sowieso Zugriff auf diese Daten haben, und an deren Integrität kein Zweifel besteht. Außerdem hätte von meinen Leuten niemand ein Motiv, auf die fraglichen Projekte haben die entsprechenden Mitarbeiter Vollzugriff." Dr. Stein gab nicht nach, er hatte seine Prinzipien. "Es bleibt dabei, ich kann Sie nicht an diese Systeme lassen, und es erübrigt sich auch jede weitere Diskussion hierüber. Einen guten Tag noch." Damit ließ er Christopher einfach stehen.
Doch der gab sich damit nicht zufrieden. Er hatte als Externer weitergehende Möglichkeiten des Zugriffs. Sein Vertrag gab ihm hierbei ausdrücklich freie Hand. Vielleicht war er deswegen engagiert worden, um Firmeninterne Policies umgehen zu können. Wie dem auch sei, er würde diesen Backupserver unter die Lupe nehmen, und wenn er dazu eines der Glasfaserkabel des Firmennetzes mit den Fingernägeln spleissen müsste, um den erforderlichen Zugriff zu bekommen.
Es war viel einfacher gewesen. Hymac verschaffte sich über einen der Router Zugang, für den er regulär Zugriff bekommen hatte. Jetzt hielt er die Beweise in den Händen, die er gesucht hatte. Eine Datei in dem Backup, das rückgespielt worden war, hatte ein Modifikationsdatum, das neuer war als das Backup selbst. Eindeutig Manipulation, das hieß, der Ausfall war absichtlich herbeigeführt worden, um irgendeine Änderung unbemerkt einzuschleusen. Aber warum? Er schaute sich den fraglichen Programmcode genauer an.
Drei Stunden später war er noch nicht viel weiter. Modifiziert worden waren, das war aus dem Vergleich mit einem älteren Backup hervorgegangen, die Parameter, mit denen ein neurales Netz initialisiert wurde, aber was dies für dessen Funktion bedeutete, war ohne eine Simulation nicht erkennbar.
Er würde den Programmierer, einen gewissen Konstantin Illert damit konfrontieren. Von dessen Terminal war in der fraglichen Zeit ein Zugriff auf den Server gelaufen. Eine Änderung im Pflichtenheft im selben Backup hatte ihn zuerst stutzig werden lassen. Aber die war anscheinend regulär - es ging nur um eine Funktion zur Kommandosequenzübertragung zwischen irgendwelchen Chips - unspektakulär.
Christopher betrat Konstantins Labor, fest entschlossen diesem die Wahrheit zu entlocken. Seiner Erfahrung nach wirkte der überraschende Frontalangriff am besten, die Chipkarte mit der Türöffnungssequenz war hier ein durchaus nützliches Nebenprodukt seiner Analyse, so konnte er ohne Verzögerung direkt zur Sache kommen.
"Herr Illert? Mein Name ist Christopher Hymac, ich wurde von der IT Abteilung beauftragt, Ihre Manipulationen am Chipcode letzte Woche nachzuvollziehen. Ich möchte von Ihnen wissen, was Sie mit Ihren Änderungen an der neural-init.ini bezweckt haben."
Konstantins Gesichtsausdruck spiegelte die Wirkung des Frontalangriffs wider: Leugnen schien zwecklos, für eine konsistente Ausrede fehlte die Zeit, es war wahrscheinlich, dass der Programmierer Christopher die Wahrheit sagen würde. "Warum haben Sie das Projekt sabotiert?" versuchte der ohne Umschweife, Konstantin weiter unter Druck zu setzen.
Konstantin senkte den Blick. "Der Chip sollte dazu dienen, Menschenmassen zu manipulieren, das kann ich nicht zulassen. Er wird in einer Menschenmasse nicht funktionieren."
Wie Schuppen fiel es Christopher von den Augen: Massenkontrolle, Biochips, ein Projekt für die Regierung, war es das, was Illert und er selbst gleichermaßen fürchteten, wenn sie Gedanken an die Diskussion um Technikfolgenabschätzung zuließen?
Konstantin sah etwas hilflos zu Christopher auf und zupfte dabei nervös an seiner Armbanduhr herum. Christopher hatte noch nicht geschalten, als die Terminals hinter Konstantin plötzlich alle dasselbe Bild zeigten: einen Zahlcountdown, der herabzuzählen begann. 20, 19, 18, ...
"Die wollen die totale Kontrolle, das darf nicht passieren!" Konstantin klang fest entschlossen.
Christopher erschrak. Dieser Verrückte wollte das Projekt sabotieren! Vermutlich würde die Funktion, die gerade gestartet worden war, alle Daten vernichten. DAS durfte auf keinen Fall passieren, alles wäre umsonst gewesen.
"Stoppen Sie das!", befahl er. "Behalten Sie die Nerven, Mann. Ich tu Ihnen nichts, lassen Sie uns reden! Niemand weiß bis jetzt etwas davon!"
Fieberhaft überschlugen beide Ihre Optionen. Währenddessen lief das Notfallprogramm, das Konstantin gestartet hatte, unbeirrt weiter auf seinen zerstörerischen Höhepunkt zu: 13, 12, 11, 10, 09, ... Dann hatte zumindest Konstantin einen Entschluss gefasst. Er drehte sich um und gab mit fliegenden Fingern eine verdeckte Buchstabenfolge ins Terminal ein.
Nichts geschah, der Countdown lief weiter: 05, 04, 03, ...
Fieberhaft gab Konstantin den Code erneut ein. 02, 01, ...
Einen fast endlosen Moment lang blieb die Zahl 00 auf den Monitoren stehen, dann zeigten alle drei Monitore wieder das vorherige Bild, als sei nichts geschehen.
Doch Christopher hatte seine Entscheidung noch zu treffen.